Ein Bitcoin-Geldautomat in Tel Aviv © Jack Guez/AFP/Getty Images

Gestohlene und gefälschte Diamanten: Leanne Kemp hat einen Blick dafür. Die australische Unternehmerin, die in London lebt und arbeitet, beugt sich über ihren Monitor. Darauf zu sehen ist das Verkaufsangebot eines Diamanten auf eBay – knapp 300 Euro für 0,72 Karat, Farbstufe J, zertifiziert, direkt aus Afrika, heißt es da. "Wenn die Beschreibung korrekt wäre, könnten die Verkäufer ja das Zertifikat des Steins abbilden, aber das fehlt mal wieder", sagt Kemp. Oft würden Diamanten mit gefälschten Angaben verkauft – wenn es nicht gar synthetische Steine seien. "Wieder ein Beweis", sagt Kemp und tippt triumphierend auf den Bildschirm, "die Branche braucht Blockchain."

Blockchain – das ist jene Technologie, die auch hinter Bitcoin steht, einer populären, vollkommen digitalen Währung. Inhaltlich handelt es sich bei der "Blockkette", einfach gesagt, um ein Register, in dem alle Transaktionen verzeichnet werden und das zugleich von einer Vielzahl von Rechnern verwaltet wird. Das macht es fälschungssicher. Die Technologie kann aber viel mehr als digitale Geldeinheiten verwalten, womöglich kann sie helfen, Lug und Trug in der Finanzbranche einen Riegel vorzuschieben. "Blockchain ist die größte Neuerung seit der Erfindung des Internets. Sie wird die gesamte Finanzwelt revolutionieren", sagt Lawrence Wintermeyer, Chef von Innovate Finance, einem Londoner Verband junger Finanztechnologiefirmen.

Nicht nur diese sogenannten Fintechs, sondern auch etablierte Institute trauen der Technologie eine Menge zu. Fast alle Banken, Notenbanken und Finanzaufsichtsbehörden beschäftigen sich damit. Mittlerweile tüfteln 42 Banken in einem Konsortium an einem technischen Standard für Blockchains, auch die Deutsche Bank und die Commerzbank. Die US-Börse Nasdaq hat gerade die erste Handelsplattform auf Blockchain-Basis gestartet, und allein im Jahr 2015 haben Risikokapitalgeber mehr als 450 Millionen Dollar in neue Angebote gepumpt. Fachleute der Deutsche Bank Research nennen die Blockchain "eine der ersten wirklich disruptiven Ideen" aus dem Finanztechnologiebereich und sind überzeugt, mit der Blockchain "könnte es zu einem echten Paradigmenwechsel im vorherrschenden Finanzsystem kommen".

Um zu verstehen, wie die Blockchain die Finanzwelt sicherer machen kann, hilft es, sich das Projekt von Leanne Kemp genauer anzusehen, die sich auf den Handel mit Diamanten konzentriert. Kemp hat schon mehrere Technologiefirmen gegründet und zudem mehrere Jahre im Management der Juwelierkette Phenix Jewellery gearbeitet; es passt also, dass sie 2015 das Start-up Everledger aus der Taufe gehoben hat, das eine Blockchain für die Diamantenbranche aufbaut. Die Barclays Bank fördert ihr Unternehmen; eine Reihe von Versicherern, Minengesellschaften und Händlern hat sich dem System bereits angeschlossen. Denn die Diamantenbranche kämpft mit Problemen, mit denen es die ganze Finanzbranche zu tun hat: mit Diebstahl, Geldwäsche, Versicherungsbetrug, Misstrauen und oftmals auch Ohnmacht der Aufsichtsbehörden. Und gerade da, wo Vertrauen fehlt, kann die Blockchain helfen.

Die Blockchain für Diamanten speichert für jeden registrierten Stein 40 Merkmale

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Bisher hat sich die Diamantenbranche mit einer Papierflut und Kontrollen beholfen, um Betrug auszumerzen. Wer beweisen wollte, dass ihm ein Schmuckstück wirklich gehört, brauchte ein Zertifikat. Aber solche Papiere können verloren gehen, und sie lassen sich fälschen. Zwar gibt es auch Datenbanken, in denen die Informationen zu zertifizierten Diamanten gespeichert sind, aber sie sind nicht unbedingt sicher. Im Oktober vergangenen Jahres gelang es Hackern, eine solche Datenbank des Gemological Institute of America anzugreifen und zu manipulieren. Die Angreifer änderten den Reinheitsgrad und die Farbeinstufung von 1042 Diamanten. Noch immer jagen Polizisten die Hacker.