Nach einer Weile wird der Arm schwer. © REUTERS/Carlo Allegri

Heute kommt der Büchermann und bringt meine Freunde weg. Manche von ihnen begleiteten mich über vierzig Jahre. Sie schenkten mir Einsichten und munterten mich auf. Wenn ich heute kein Trottel bin, dann ist das ihr Verdienst.

Ich habe den Büchermann selbst bestellt; sein Zettel lag im Postkasten. Im Grunde ist er Entrümpler. Töpfe, Schuhe, kaputte Uhren ... all das nimmt er kostenlos mit, aber seine Spezialität sind Bücher. Von denen besitze ich einige, um die sechstausend mögen es sein. Ich sehe sie aus dem Augenwinkel, während ich dies schreibe. Sieben Meter Billy-Regale, vom Boden bis zur Decke, zweireihig eingeräumt. Sie sollten sich das nicht als Bibliothek vorstellen; es ist mehr ein Bücherzoo. Da steht Nietzsches Nachlass neben der sauteuren Warenkunde Obst, eine seltene Ausgabe Donald Duck beim Standardwerk über Charles Manson. Wer die Reihen mustert, lernt mich kennen, mehr, als mir lieb sein sollte.

Die meisten Bände sind gut in Schuss; ich behandele sie mit Respekt. Auch die Fehlkäufe durften bleiben. Bücher wegzuwerfen, das brachte ich bis heute nicht übers Herz. Sie sind ZEIT-Leser und mögen Papier, Sie finden so etwas wahrscheinlich normal. In der Kneipe stutzt auch keiner, wenn ich sage, ich trinke jeden Tag Wein. Leider muss ich Ihnen sagen: Wir machen uns etwas vor.

Wie jede Liebe ist auch die zum Buch nicht unendlich teilbar. Die Regalbretter neben mir biegen sich schon. Auf den Büchern der ersten Reihe liegen andere, neuere Bücher, sodass ich nicht mehr sehe, welche dahinter sind. Dann ist da der Stapel neben der Couch, der ist schon so hoch, dass er wackelt. Und der Karton auf dem Speicher, dessen Inhalt ich nicht mal mehr kenne. Was soll ich tun – einen Meter Billy anbauen? Nicht schon wieder. Ich sortiere jetzt ein paar Hundert von ihnen aus. Soll der Büchermann sie verramschen oder zu Katzenstreu schreddern, ich will es gar nicht wissen.

Ich habe versucht, sie zu verkaufen. Mit einem Rucksack voller Kunstbände zog ich ins nächste Antiquariat. Der Antiquar war ein müder Mann hinter einem Rechner. Seufzend tippte er eine ISBN nach der anderen in sein Bewertungsprogramm ein. Ich sah ihm über die Schulter: 85 Cent, 1,10 Euro, 4 Cent, so ging das in einem fort. Dann sagte er: "Ich gebe Ihnen 12 Euro – für das hier und das und das." In meiner Frustration habe ich ihm die Übrigen geschenkt. Er war taktvoll genug, sie nicht schon vor meinen Augen wegzuwerfen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Sie glauben, das lag an meinen Büchern? Probieren Sie es aus. Sie müssen nur die App Momox aufs Smartphone laden und damit den Barcode scannen, dann bekommen Sie ein Angebot für jedes Ihrer Bücher. Oder zumindest die Gewissheit, dass es nicht einmal seine Transportkosten einspielen würde. Nicht, dass Literatur jemals eine gute Geldanlage war. Aber vor zehn Jahren zahlten Antiquariate einem vielleicht ein Viertel des Neupreises; und selbst auf dem Flohmarkt waren noch ein, zwei Euro pro Band drin. Heute stehen neben den Hausmülltonnen "Bitte mitnehmen"-Schachteln, aber niemand greift zu.

Wenn ich seit dieser Erfahrung meine Schätze betrachte, ist es nicht mehr dasselbe. Ich weiß ja, was die anderen sehen: einen Haufen Altpapier. Astrid Lindgrens Geschichten aus Lönneberga , die meine Mutter mir vorlas, die Rezepte von Bocuse, die mir nie glückten – alles nur noch Abfall, wertloser als Notizhefte.

Auf dem Buchmarkt von heute sieht es so ähnlich aus wie bei mir im Regal: Er ist komplett überschwemmt. 8,5 Milliarden Bücher stehen einer Schätzung nach in deutschen Haushalten herum. Mit jedem Jahr kommen über 300 Millionen neue dazu. Und weil keiner sie wegwirft, werden es immer mehr. Doch das, was sie enthalten, ist längst nicht mehr ans Papier gebunden. Man kann es in vielen Fällen auch herunterladen, streamen, raubkopieren.

Nun mögen Sie sagen: Mir doch egal, meine Bücher sind etwas Ideelles. Und tatsächlich vergisst man leicht, wie materiell sie sind, welchen Platz sie verschlingen. Sie schmiegen sich an die Wand wie ein Teppich, der Weltgeist ins Zimmer haucht. Aber erinnern Sie sich noch: der letzte Umzug, die Bandscheiben? Und was Sie sich damals vorgenommen haben? Das setze ich jetzt bei mir um.