Heute kommt der Büchermann und bringt meine Freunde weg. Manche von ihnen begleiteten mich über vierzig Jahre. Sie schenkten mir Einsichten und munterten mich auf. Wenn ich heute kein Trottel bin, dann ist das ihr Verdienst.

Ich habe den Büchermann selbst bestellt; sein Zettel lag im Postkasten. Im Grunde ist er Entrümpler. Töpfe, Schuhe, kaputte Uhren ... all das nimmt er kostenlos mit, aber seine Spezialität sind Bücher. Von denen besitze ich einige, um die sechstausend mögen es sein. Ich sehe sie aus dem Augenwinkel, während ich dies schreibe. Sieben Meter Billy-Regale, vom Boden bis zur Decke, zweireihig eingeräumt. Sie sollten sich das nicht als Bibliothek vorstellen; es ist mehr ein Bücherzoo. Da steht Nietzsches Nachlass neben der sauteuren Warenkunde Obst, eine seltene Ausgabe Donald Duck beim Standardwerk über Charles Manson. Wer die Reihen mustert, lernt mich kennen, mehr, als mir lieb sein sollte.

Die meisten Bände sind gut in Schuss; ich behandele sie mit Respekt. Auch die Fehlkäufe durften bleiben. Bücher wegzuwerfen, das brachte ich bis heute nicht übers Herz. Sie sind ZEIT-Leser und mögen Papier, Sie finden so etwas wahrscheinlich normal. In der Kneipe stutzt auch keiner, wenn ich sage, ich trinke jeden Tag Wein. Leider muss ich Ihnen sagen: Wir machen uns etwas vor.

Wie jede Liebe ist auch die zum Buch nicht unendlich teilbar. Die Regalbretter neben mir biegen sich schon. Auf den Büchern der ersten Reihe liegen andere, neuere Bücher, sodass ich nicht mehr sehe, welche dahinter sind. Dann ist da der Stapel neben der Couch, der ist schon so hoch, dass er wackelt. Und der Karton auf dem Speicher, dessen Inhalt ich nicht mal mehr kenne. Was soll ich tun – einen Meter Billy anbauen? Nicht schon wieder. Ich sortiere jetzt ein paar Hundert von ihnen aus. Soll der Büchermann sie verramschen oder zu Katzenstreu schreddern, ich will es gar nicht wissen.

Ich habe versucht, sie zu verkaufen. Mit einem Rucksack voller Kunstbände zog ich ins nächste Antiquariat. Der Antiquar war ein müder Mann hinter einem Rechner. Seufzend tippte er eine ISBN nach der anderen in sein Bewertungsprogramm ein. Ich sah ihm über die Schulter: 85 Cent, 1,10 Euro, 4 Cent, so ging das in einem fort. Dann sagte er: "Ich gebe Ihnen 12 Euro – für das hier und das und das." In meiner Frustration habe ich ihm die Übrigen geschenkt. Er war taktvoll genug, sie nicht schon vor meinen Augen wegzuwerfen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Sie glauben, das lag an meinen Büchern? Probieren Sie es aus. Sie müssen nur die App Momox aufs Smartphone laden und damit den Barcode scannen, dann bekommen Sie ein Angebot für jedes Ihrer Bücher. Oder zumindest die Gewissheit, dass es nicht einmal seine Transportkosten einspielen würde. Nicht, dass Literatur jemals eine gute Geldanlage war. Aber vor zehn Jahren zahlten Antiquariate einem vielleicht ein Viertel des Neupreises; und selbst auf dem Flohmarkt waren noch ein, zwei Euro pro Band drin. Heute stehen neben den Hausmülltonnen "Bitte mitnehmen"-Schachteln, aber niemand greift zu.

Wenn ich seit dieser Erfahrung meine Schätze betrachte, ist es nicht mehr dasselbe. Ich weiß ja, was die anderen sehen: einen Haufen Altpapier. Astrid Lindgrens Geschichten aus Lönneberga , die meine Mutter mir vorlas, die Rezepte von Bocuse, die mir nie glückten – alles nur noch Abfall, wertloser als Notizhefte.

Auf dem Buchmarkt von heute sieht es so ähnlich aus wie bei mir im Regal: Er ist komplett überschwemmt. 8,5 Milliarden Bücher stehen einer Schätzung nach in deutschen Haushalten herum. Mit jedem Jahr kommen über 300 Millionen neue dazu. Und weil keiner sie wegwirft, werden es immer mehr. Doch das, was sie enthalten, ist längst nicht mehr ans Papier gebunden. Man kann es in vielen Fällen auch herunterladen, streamen, raubkopieren.

Nun mögen Sie sagen: Mir doch egal, meine Bücher sind etwas Ideelles. Und tatsächlich vergisst man leicht, wie materiell sie sind, welchen Platz sie verschlingen. Sie schmiegen sich an die Wand wie ein Teppich, der Weltgeist ins Zimmer haucht. Aber erinnern Sie sich noch: der letzte Umzug, die Bandscheiben? Und was Sie sich damals vorgenommen haben? Das setze ich jetzt bei mir um.

Es steckt auch reichlich Selbstbetrug in der Bildungsprotzerei

Klein und handlich wären Bücher uns lieber. © REUTERS/Luis Galdamez

Einen Band nach dem anderen ziehe ich raus – und schiebe ihn meist wieder hinein. Warum fällt das Ausmisten so schwer? Weil jedes Buch eine Seele hat, sage ich mir. Es bewahrt die Gedanken eines Menschen, vielleicht sein Lebenswerk. Ich hüte es nicht nur für mich, sondern für uns alle.

Das wäre eine noble Gesinnung gewesen in der Ära vor dem Offsetdruck oder im Kambodscha der Roten Khmer. Im Deutschland von 2016 ist es schlichter Quatsch. Bei uns wird jedes halbwegs erfolgreiche Werk so oft gedruckt, gesammelt, erfasst und geteilt, dass selbst Verbote oder Verbrennungen seine Spur nicht tilgen könnten. Forschen Sie doch mal im Internet nach dem rarsten Werk Ihrer Sammlung. Wahrscheinlich finden Sie es günstig bei Amazon.

Nach einer Weile Sichten und Stapeln lege ich in meinem Regal die hintere Reihe frei. Da hat sich so manches angesammelt: der Moerser Busfahrplan von 1994. Das Manifest der Irren, die auf Andy Warhol schoss. Die Autobiografie von Klaus Kinski in zwei Bänden. Ein Siebziger-Jahre-Aufklärungsbuch mit haarigen Nackten in Schwarz-Weiß. Der Briefwechsel Marx–Engels auf speckigem Papier, für ein Spottgeld erstanden in der DDR. Der unvermeidliche Diercke-Schulatlas, in dem diese DDR noch besteht. Warum schleppe ich diesen Plunder schon so lange mit mir herum?

Die Gründe sind ein bisschen peinlich. Natürlich war Angeberei im Spiel. Ich durfte Abitur machen, als Erster in meiner Familie. Das sollten die Leute gefälligst sehen. Der Denker, das Kinn auf die Hand gestützt, vor seinen Folianten – diese alberne Pose schien wie geschaffen für mich. Und dafür brauchte es Bücher, irgendwelche, gern auch die für einsneunundneunzig vom Kaufhausgrabbeltisch. Wie geschmeichelt war ich, wenn ein Gast erst die Wand, dann mich anglotzte: "Boah! Hast du die alle gelesen?" Wer mich heute besucht, fragt so was nicht. Er hat selbst Bücher genug, um die Antwort zu kennen.

Es steckt auch reichlich Selbstbetrug in der Bildungsprotzerei. Als Junge lieh ich mir Bücher aus der Stadtbibliothek. Die las ich in einem Zug; sie mussten ja zurück. Heute habe ich mehr Geld und weniger Zeit. Also kaufe ich mir die Bücher, türme sie um mich auf, als sickerte so schon der Weltgeist in mich ein. Natürlich funktioniert das nicht, es macht den Hunger nur größer. Darum kaufe ich ständig neue. Aber für wen? Bei meinem aktuellen Lesetempo schaffe ich bis ans Lebensende bestenfalls noch einen Meter Billy.

Den Rest sollte der Büchermann kriegen. Aber nicht das hier; das war ein Geschenk. Das auch nicht; da steht eine Widmung drin. Und das dort lese ich gleich morgen. Zu jedem Staubfänger fallen mir Situationen ein, in denen ich ihn, gerade ihn, brauchte. Das zerfallende Reclam-Heft Iphigenie auf Tauris – ideal für den Urlaub am Strand. Die zwei Ausgaben von Thoreaus Walden – haben verschiedene Übersetzer, wäre spannend, das zu vergleichen. So schleicht sich mancher ausrangierte Titel zurück ins Regal. Zum Glück kennt die Buchwelt keine Messies. Uns nennt man bibliophil.

Allzu pünktlich ist der Büchermann da. Er fixiert den Stapel, den ich herausgeräumt habe, und sagt dann nur ein Wort: "Passt." Ich hatte einen handfesten Typen im Blaumann erwartet, unempfänglich für die Verlockung der Ware, die er nun mal oft auch einstampfen lassen muss. Stattdessen steht in meinem Arbeitszimmer ein feingliedriger älterer Mann in Schwarz. Er hat auch keine starken Männer mitgebracht, sondern seine Frau.

Das Ehepaar Fleckhaus sammelt halb wohltätig, halb kommerziell. Was er nicht online verkaufen kann, verschenkt sie an Bedürftige. "Wir sind so etwas wie das gute Gewissen der Leute", sagt Nelly Fleckhaus. "Sie wollen ihre Bücher nicht in den Müll werfen, also holen sie uns."

Moment mal – Fleckhaus? Ich schalte viel zu spät. Nelly ist tatsächlich die Tochter des berühmten Buchgestalters Willy Fleckhaus. Sie nimmt mir nicht krumm, dass auf meinem Ramschhaufen etliche Suhrkamp-Bände liegen, alle mit seinem Design. Sie kennt das ja aus Kindertagen, den Überfluss an Büchern. "Die kamen gebindeweise an und wurden meist nicht mal ausgepackt." Heute besitzt sie privat gerade einmal zehn bis zwanzig Werke. Ihr Mitgefühl gilt wohl nicht nur den Armen, sondern auch Leuten wie mir.

Wobei ihr Mann durchaus wählerisch ist. Er sichtet skeptisch Band für Band; manches vergilbte Taschenbuch wollen die Leute nicht mal geschenkt. Vier Fünftel meiner Auswahl nimmt er mit. Ist das ein guter Schnitt? "Das ist hervorragend." Ich glühe vor Stolz. Es war also doch nicht alles umsonst.

Ich schaue auf das gefledderte Regal und staune, wie befreit ich mich fühle. So viele gute Bücher waren über Jahre zugemüllt von den schlechten. Nun ist wieder Bewegung da, wo meine Ehrfurcht ein überholtes Bildungsideal konserviert hat. Die Stapel, die Ralph Fleckhaus jetzt schnaufend zum Wagen schleppt, sie kommen mir vor wie Eisschollen, die sich endlich auflösen im Strom der Schriftkultur – dem Schreiben, Lesen und Löschen.

Wir können uns an unsere Bücher klammern, aber nicht an den Status, den sie früher mal hatten. Die Gelehrten von heute posieren nicht mehr vor Ledereinbänden. Sie haben ihre Büchereien unsichtbar auf der Festplatte. Die von morgen brauchen wohl nicht mal mehr das. Ein paar Passworte öffnen ihnen den Zugang zu allem, was sie lesen wollen, schneller, als ich meinen Hocker an die Regalwand schiebe. Seien wir ehrlich: Wir sind die Letzten der Generation Billy. Unsere Kinder werden nach dem Bestatter den Büchermann rufen.

Ich habe mir trotzdem prompt ein neues Buch zugelegt. Es heißt Book up! und ist eine Anleitung zum Basteln mit Büchern. Da steht, wie man sie fachgerecht zerlegt und in Schmuckkästen, Blumentöpfe oder Bilderrahmen verwandelt. Die perfekte Schocktherapie für einen wie mich, der schon zusammenzuckt, wenn jemand mit dem Spuckefinger die heiligen Seiten umblättert. Ich male mir aus, wie ich Band für Band meiner Restbestände in etwas Neues verwandele und zuallerletzt Book up! als Papierflieger in die Freiheit entlasse. Ich weiß schon, das ist Spinnerei. Bücher machen so was mit einem.

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