Hausärzte kennen ihre Patienten am besten, oft seit Jahrzehnten. Wenn jemand im Kopf nicht mehr klar ist, vergesslich wird, müsste es dem Arzt nicht auffallen? Eigentlich ja. Überraschend ist deshalb, dass viele Patienten im frühen Stadium der Demenzerkrankung keine Diagnose bekommen, obwohl sie schon Symptome haben.

Nun kann man fragen, ob man die Betroffenen nicht so lange wie möglich mit dem schlimmen Befund verschonen sollte, da es noch keine Therapie gibt. Tatsächlich bringt das Wissen um die beginnende Demenz jedoch auch Vorteile.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Wie groß die Zahl der nicht diagnostizierten Kranken ist, zeigt eine Studie, die Wolfgang Hoffmann und Stefan Teipel vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Rostock und Greifswald geleitet haben. In 131 Hausarztpraxen in Mecklenburg-Vorpommern ließen sie fast 7.000 Patienten im Alter von über 70 Jahren auf ihre geistige Leistungsfähigkeit hin untersuchen. Kaum zehn Minuten dauerte der Test, den die Hausärzte und Sprechstundenhilfen durchführten. Es galt, Zahlenreihen rückwärts aufzusagen, sich an Wörter aus einer Liste zu erinnern und so das Kurzzeitgedächtnis zu überprüfen.

Knapp 1.200 Patienten erzielten Werte, die auf eine Demenz hindeuten. Nur bei 40 Prozent von ihnen war diese Diagnose zuvor bereits gestellt worden. Anders gesagt: In den Praxen der Hausärzte gibt es bis zu zweieinhalbmal so viele Demenzkranke wie in den Akten.

"Das hat uns erstaunt", sagt Stefan Teipel, Professor für Psychiatrie am DZNE. Er bezweifelt, dass den Ärzten zuvor alle Ausfallerscheinungen verborgen geblieben waren. Die Nichtdiagnose sei eher auf die Haltung zurückzuführen, man könne "da" sowieso nichts machen. Gerade das gute Verhältnis zum Patienten hindere den Arzt daran, eine beginnende Demenz zu dokumentieren. Man kennt einander seit vielen Jahren; die Diagnose wird als furchtbar empfunden; sie kann die Beziehung zum Arzt verschlechtern – wozu also den Patienten damit belasten? Jeden Tag hat man es in den Praxen mit ebenso drängenden Problemen zu tun, von Herzinfarkt bis Diabetes.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Zwar lässt sich eine Alzheimer-Demenz bis heute weder heilen noch bremsen. Das heißt aber nicht, dass es deshalb sinnlos wäre, sie beim Namen zu nennen. Denn der Patient ist mit seinem Schicksal nicht allein. Der Familie, sagt Stefan Teipel, könne das Wissen helfen. "Was wir ohne Diagnose immer wieder erleben", sagt Teipel, "sind zerrüttete Beziehungen."

Da gibt es, zum Beispiel, einen Mann mit leichter Demenz. Heute kann er sich nicht mehr daran erinnern, was ihm gestern gesagt wurde. Er weiß nicht, wo er etwas hingelegt hat. Wann war noch mal der Geburtstag der Kinder? Vielleicht geht er noch einkaufen, bringt aber nicht mehr alles mit. Seine Abhängigkeit von Angehörigen wächst in dem Maße, in dem er seinen Alltag nicht mehr allein bewältigen kann. Solange unklar ist, was mit ihm nicht stimmt, wird sein Verhalten oft falsch gedeutet. Dann klagt seine Frau: "Mein Mann liebt mich nicht mehr, er hört mir nicht mehr zu. Es ist ihm egal, was ich sage." Der Mann seinerseits sagt: "Ich bin eine Last für meine Frau. Ich bemühe mich zwar, aber ich schaffe nicht alles."

Teipel und seine Kollegen wissen aus Gesprächen mit Angehörigen, dass die Diagnose das Zusammenleben erleichtern kann, weil nervenzermürbendes Verhalten nicht länger als böser Wille verstanden wird, sondern als Ausdruck der Krankheit. Dies gilt auch für Begleiterscheinungen, die im Verlauf auftreten können: Die Patienten streifen ruhelos umher, verwechseln Tag und Nacht oder bekommen Wutanfälle. All das ist für die Angehörigen leichter zu ertragen, wenn sie es einzuordnen wissen. "Die Diagnose ermöglicht eine neue Haltung", sagt Teipel. "Angehörige fühlen sich weniger ohnmächtig."