Die schönste von Michael Krügers Erzählungen handelt von einem kleinen Jungen, der mit seinen Großeltern auf einem Gutshof in Sachsen lebt. Der Krieg ist vorbei, der Großvater wurde enteignet, sowjetische Soldaten haben sich in den herrschaftlichen Räumen einquartiert, und den beiden Alten ist nur ein kleines Zimmer geblieben. Der Junge schläft auf der Ritze, und beim Einschlafen hört er, wie die Großmutter betet. Sie bittet Gott um Aufmerksamkeit, um Hilfe in der Not, und sie hadert mit ihm. "Gott solle sich anstrengen, sonst würde er mit ihr eine seiner treuesten Anhängerinnen verlieren. Um ihn zu versöhnen, fügte sie stets einen Schlusssatz an, der mir buchstäblich das Blut in den Adern stocken ließ: Ich danke dir, flüsterte sie, dass du uns diesen Enkel geschenkt hast, das werden wir dir nie vergessen!"

Trotz der bedrückenden Umstände ist der Junge gut aufgehoben, er streunt durch die Gegend, findet versteckte Gewehre in einem Steinbruch, sammelt an der Hand des Großvaters Pilze und Beeren, und wenn er sich erkältet hat, muss er sich – den Kopf unterm Handtuch – über eine Schüssel mit dampfendem Kräuterwasser beugen. Das am Grund der Schüssel abgeplatzte Email fasziniert ihn, er sieht "einen an manchen Stellen zackigen, dann wieder runden Klecks, der immer dann, wenn ein Schweißtropfen ins Wasser fiel, sich veränderte, um nach wenigen Sekunden zur alten Form zurückzufinden. (...) Was macht der Junge solange unter dem Tuch, fragte der Großvater, wenn ich gar nicht mehr auftauchen wollte. Er wird gesund, sagte die Großmutter."

Sind das Kindheitserinnerungen des Autors? Wie auch immer: Es sind lakonische, sprechende Bilder, und sie zeigen, dass äußere Not einem innig geliebten Kind wenig anhaben kann. Man wüsste gern, wo die Eltern sind und wie die Geschichte weitergeht, aber Krüger beherrscht die Kunst der Andeutung und bricht ab, wo ein neues Kapitel beginnt: "Meine Kindheit war zu Ende."

Die 13 Erzählungen vermeiden zumeist das Muster der klassischen Kurzgeschichte. Selten haben sie eine Pointe, und wenn, dann eine höchst subtile. Sie gleichen Präludien zu nicht geschriebenen Romanen, und für den Leser ist es reizvoll, die Motive im eigenen Kopf fortzuspinnen. Oftmals sind es ältere Schriftsteller und Intellektuelle, die melancholisch und sarkastisch ihre betriebsame Umwelt betrachten. Sie neigen zum Rückzug und zum Schweigen, sie hören gerne Musik oder versinken im Anblick der Natur. Einer von ihnen erinnert sich an seine Ferien in Griechenland, wo er den Korbstuhl an den Strand rückte und unverwandt aufs Wasser schaute. "Wenn ich da so vor meinem Meer saß, umgeben vom Heiligtum des Schweigens, wurde ich häufig von einem so hellen Glücksgefühl überfallen, dass ich wie versteinert war, wie angeschraubt, unfähig, die Starre zu lösen."

Dieses Bild kommt ihm seltsamerweise just auf einer Bergwanderung in den Sinn. Er hat sich vorgenommen, zu einigen Almhütten hochzusteigen, um dort den Sonnenaufgang zu erleben. Weil noch Schneereste liegen, ist der Aufstieg beschwerlich, und so ist ihm die Einladung einer Wanderin, gemeinsam Brotzeit zu halten, sehr willkommen. Man setzt sich auf eine Bank. "Die schöne Frau zog sich zunächst ihre Bluse und dann, nach den schweren Schuhen, auch noch die ledernen Bundhosen aus." Dieser erotischen Verheißung folgt nun eine kleine Fressorgie, gemeinsam verzehrt man den von ihr mitgebrachten Proviant, "harte Eier, Würste, Tomaten und Gurken", und leert zum Abschluss einen Flachmann mit Beerenschnaps. Der Wanderer, "eingebettet in ein Wohlsein, wie ich es nie zuvor in meinem Leben erfahren hatte", schlummert ein, und als er erwacht, steht die Sonne schon tief, und die Dame ist verschwunden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Die bizarren Wendungen vieler Geschichten folgen einer Art Traumlogik, die das Alltägliche ins Wunderbare und manchmal auch ins Traurige kippen lässt. Ein Schriftsteller findet aus seiner Schreibkrise nicht heraus, packt den Koffer und fährt mit dem Auto nach Süden. Unterwegs nimmt er einen Theologiestudenten mit, der nach Innsbruck will. Also fährt er nach Innsbruck, findet nur ein erbärmliches Hotel und geht abends in ein Restaurant. Am Nachbartisch sitzt eine Frau mit einem "lieblichen Madonnengesicht". Er kann den Blick von ihr nicht abwenden und bittet den Kellner, ihr auszurichten, ob der Fremde sie etwas zu Trakl fragen dürfe.

Sie ist einverstanden. "Ich sprang viel zu hastig auf, griff mir vom Buffet eine Serviette und eilte zu dieser Frau, die mich ohne Arg, eher ein wenig spöttisch anschaute." Der Erzähler bittet sie, ihr auf der Serviette den Weg zu Trakls Grab aufzuzeichnen (das sich in Wahrheit in Krakau befindet), faltet sie sorgfältig zusammen, verstaut sie in seiner Jackentasche, "in der Nähe des Herzens", und bricht unvermittelt in Tränen aus. Die junge Frau tröstet ihn mütterlich, und dann heißt es: "Als ich aufwachte, saß die Kellnerin neben mir und machte die Abrechnung."

Michael Krüger arrangiert die Tempi und die Stimmungen wie ein Komponist, der ein Andante mit einem Presto unterbricht, der hellen Witz mit Schwermut mischt. Manchmal wird er satirisch und komödiantisch, dann wieder elegisch. Dass man seine Erzählungen mit Vergnügen liest, liegt natürlich auch daran, dass er die Register der Sprache meisterhaft beherrscht. Was sich ja nun von selbst versteht, denn Krüger war nicht allein fast dreißig Jahre lang Chef des Hanser Verlags, sondern er hat seit 1976 viele Gedichtbände und Romane veröffentlicht. Vielleicht schreibt er mal seine Autobiografie, das wäre schön.

Michael Krüger: Der Gott hinter dem Fenster. Erzählungen. Haymon Verlag, Innsbruck-Wien 2015; 221 S., 19,90 €.