Normen ermöglichen Freiheit, schreibt der Staatsrechtler Christoph Möllers. © Tara Todras-Whitehill/Reuters

Es kommt nicht oft vor, dass Juristen romantische Bücher schreiben – schon gar nicht, wenn sie über ihr Lieblingssujet sprechen, die Normen. Kommen diese üblicherweise streng ge- oder verbietend daher, mit Sanktionen bewehrt, ist es bei Christoph Möllers ganz anders. Der Berliner Staatsrechtslehrer, Rechtsphilosoph und frisch gekürte Leibniz-Preisträger, einer der Virtuosen seiner Zunft, zeigt uns eine andere Seite all der Regeln, Gesetze und Konventionen, die unser Verhalten leiten sollen, von Tischsitten über Verkehrsregeln bis zu Verfassungsgrundsätzen. Kunstvoll rekonstruiert er die kontrafaktische, auf Möglichkeiten jenseits der Wirklichkeit verweisende Natur der Normen und definiert eine Norm als positiv wertende "Markierung einer Möglichkeit". Normen sind quasi Einladungen in eine andere Welt als die, in der wir leben.

Diejenigen, die bis hierhin glaubten, Normen seien eher dazu da, Möglichkeiten zu verweigern (als Verbot) oder sie auf wenige zu reduzieren (als Gebot oder Erlaubnis), reiben sich die Augen. Woher kommt inmitten des starren Gehäuses der Normen diese Tür zur Offenheit? Der originelle Gedanke von Möllers, der dieses Buch trägt, lautet, dass mit sozialen Normen der Wunsch verbunden ist, "dass die Welt anders sein könnte, als sie ist", und damit ein doppelter Boden in unser Weltverhältnis einzieht. Die Norm verweist auf alternative Möglichkeiten des Handelns, und zwar nicht nur auf solche, die wünschenswert sind, sondern auch auf solche, die die Norm brechen. Möllers’ Buch ist somit romantisch in einem dreifachen Sinne: Die normative Reflexion führt erstens in eine andere als die alltägliche, begrenzte Welt und somit in die Freiheit, zugleich rechnet sie zweitens mit den Möglichkeiten des Misslingens und Scheiterns endlicher Wesen. Und drittens zeigt Möllers all dies auf eine so anschauliche Weise in Überlegungen, die von der Philosophie über das Recht und die Kunst bis zur Theologie reichen, dass man das Buch ein schönes Buch nennen kann, das seine Pointen zielsicher setzt. Der skeptische Blick allerdings wird hier misstrauisch, denn das alles könnte zu schön sein, um wahr zu sein.

Möllers gelingen viele Einsichten, die uns unsere normative Welt besser verstehen lassen. Er verdeutlicht die Reichhaltigkeit dieser Welt, die von Moral- und Rechtsnormen bis zu religiösen Geboten und guten Manieren reicht, um sich dagegen zu wehren, dass diese Normen alle über einen Kamm geschoren werden – außer natürlich dem seinen. Er zeigt das Zusammenspiel von Erfahrung und Imagination bei der Herausbildung von Normen, diskutiert das Verhältnis von Sollen und Können, ohne beides zu verabsolutieren, und lässt zugleich Raum für die Utopie. Er vertritt die These, dass Sanktionen nicht notwendig zu Normen gehören und dass, für selbstbewusste Juristen nicht untypisch, die Anwendung einer Norm auch die Erzeugung einer Norm darstellt.

Möllers ist vollständig in seinem Element, wenn er die normative Ordnung des Rechts analysiert, die aus Formalisierungen und Verfahren besteht, welche Normativität handhabbar machen. Allerdings ist er hier gelegentlich zu formalistisch, etwa wenn er eine sozial eingespielte Praxis der Bestechung nicht als Norm gelten lassen will. Das passt nicht ganz zu seinem ökumenischen Modell der Autorisierung von Normen, das auch Autorisierung durch Erfolg zulässt. Von großer Kraft sind zudem seine Überlegungen zur Zeitlichkeit jener Normen, die versuchen, die Zeit zu beherrschen, und zugleich wissen, dass sie es nicht können. Dies kann man etwa am Schicksal der immer neuen Vereinbarungen zur Begrenzung der Erderwärmung studieren. Ein Zug von Tragik schleicht sich hier in die romantische Sicht der Normen ein, die Möllers uns vermittelt.

Diese Tragik erreicht allerdings auch Möllers’ Projekt, das seinen Anspruch nicht einzulösen vermag. Denn so umfassend er die Welt der Normen auch analysiert, so einseitig und reduktionistisch ist sein Ansatz. Wenn wir drei Aspekte von Normen unterscheiden, die für ihre Erklärung relevant sind, finden wir nur den ersten bei Möllers ausreichend diskutiert. Erstens verweisen Normen in der Tat, wie in diesem Buch ausgeführt, auf eine Welt der Handlungsmöglichkeiten und auch des Scheiterns; darin liegt ihre imaginative Kraft. Normen beanspruchen zweitens aber auch zu gelten, und vermittels dieser Geltung, sofern anerkannt, binden sie Menschen in ihren Handlungen. Hier liegt das eigentliche Phänomen der "Normativität" oder des "Sollens", einer Bindung ohne Fessel sozusagen. Diese Dimension kann Möllers nicht hinreichend erklären, wie ich gleich erläutere. Und drittens eröffnen Normen eben nicht nur Möglichkeiten, sondern verschließen sie auch, manchmal explizit und manchmal implizit, ohne dass die Betroffenen es merken. Diese dunkle Seite der Normen kommt bei Möllers allerdings kaum vor, und er hat für sie keine Begriffe.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Der Grund dafür, dass Möllers Normativität und Sollen nur unzureichend in den Blick nimmt, liegt paradoxerweise in seinem Versuch, Reduktionismen zu vermeiden – der selbst zum Reduktionismus führt. Ein durchgängiges Argument seines Buches besagt, dass Normen nicht notwendig eine Rechtfertigungsdimension aufweisen, wie es in seinen Augen die praktische Philosophie behauptet oder wie in dem Frankfurter Forschungsprogramm zur "Herausbildung normativer Ordnungen" als "Rechtfertigungsordnungen" angenommen wird. Dies ist überraschend, denn woraus soll der Sollenscharakter von Normen anders bestehen als aus dem Anspruch, gerechtfertigt zu sein, ob durch tiefer liegende Grundsätze, durch Verfahren oder das Erzielen guter Ergebnisse? Möllers wittert hier jedoch einen Rationalismus, der zu einer Verengung der Normauffassung führe, nach der nur die Normen als solche zählten, die auf guten beziehungsweise gar guten moralischen Gründen beruhten. Das wäre in der Tat ein Reduktionismus. Das Problem ist nur, dass niemand in der praktischen Philosophie oder sonst wo dies behauptet. Niemand bestreitet, dass Rechtsnormen ungerecht, religiöse Gebote abstrus und Benimmregeln antiquiert sein können, wie Möllers sagt, und dennoch Normen sind. Aber dann beruhen sie immer noch auf Rechtfertigungen, die man erstens aus einer Beobachterperspektive wissenschaftlich analysieren kann, ohne gleich zu ihnen Stellung zu nehmen. Wie sonst sollen in einem empirischen Forschungsprogramm, das Möllers einfordert, Normen rekonstruiert werden als über die Untersuchung ihrer Rechtfertigungsansprüche und deren Herleitung? Zweitens sind Möllers’ Ausführungen nur ein weiterer Beleg dafür, dass man die Rechtfertigungen für bestimmte Normen aus einer Teilnehmerperspektive zurückweisen kann. Mehr noch: Nur dadurch, dass Normen eine Rechtfertigungsdimension besitzen, öffnen sie sich für Kritik und versuchen zugleich, diese einzuhegen und als gerechtfertigt zu erscheinen. Möllers’ Befürchtung, dass diejenigen, die Normen als Rechtfertigungen für Handlungen und selbst auf Rechtfertigungen beruhend ansehen, stets nur auf gute Gründe und letztlich auf moralische Gründe blicken, ist unbegründet. Hier kämpft jemand gegen Reduktionismen, die er selbst imaginiert – einem edlen Ritter gleich, der gegen Windmühlen anrennt.