Studenten in Missouri protestieren gegen Rassismus. © Michael B. Thomas/Getty Images

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Als die Betreiber der Kantine am Oberlin College, einer kleinen elitären Uni in Ohio, vor ein paar Monaten beschlossen, eine internationalere Speisekarte anzubieten, hatten sie wohl auf Lob gehofft: Von General Tso’s Chicken bis hin zur Sushibar sollte für alle Geschmäcker etwas dabei sein. Aber anstatt Lob ernteten sie die Wut einiger Studentenvereinigungen. So verlangte die Asian American Alliance in einer offiziellen Stellungnahme von den Kantinenbetreibern, "dass sie die Zubereitung des Essens in der Kantine verbessern, da diese Gerichte unsere Kultur sonst verfälschen". Wenn weiße Amerikaner ein aus einer anderen Kultur stammendes "Gericht nehmen, es verändern und als authentisch anpreisen", echauffierte sich eine Studentin in der New York Times, "dann machen sie sich der kulturellen Aneignung schuldig".

Angehörige einer privilegierten Mehrheit, so meinten die Studenten, hätten kein Recht, in der Kultur von unterprivilegierten Minderheiten zu wildern. Dies gelte für Christen, die das Wohnzimmer mit Buddhastatuen dekorierten, genauso wie für weiße Frauen, die sich einen Turban umbänden. Und was für Religion und Mode gilt, trifft in letzter Konsequenz auch aufs Essen zu – weshalb Oberlins weiße Kantinenbetreiber eine politische Sünde begingen, als sie ohne die nötige Rückfrage mit asiatischen Studenten mittelmäßiges Sushi auf die Karte setzten.

Man könnte den Kampf der Oberlin-Studenten als absurdes Kuriosum abtun. Die Realität ist leider viel ernster. Denn die Sushi-Posse mag zwar ein Extremfall sein; ein Einzelfall ist sie keineswegs. "Problematisch" ist das Lieblingswort der Campus-Aktivisten – und problematisch finden sie vieles. Innerhalb des letzten Jahres wurden Universitäten in den Vereinigten Staaten von ähnlichen Studentenprotesten regelrecht überrollt.

Im Februar wurde auf Drängen von Studentinnen der Northwestern University ein Disziplinarverfahren gegen eine Professorin eingeleitet, die erklärt hatte, dass die Missbrauchsangst bei Liebeleien auf dem Campus übertrieben werde.

Im Mai verlangten Studenten der Columbia University, Professoren müssten sie vor dem traumatisierenden Inhalt von Ovids Metamorphosen warnen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Im Oktober löste in Yale eine Psychologin eine Protestwelle aus, als sie sich weigerte, Studenten vorzuschreiben, welche vermeintlich kulturell aneignenden Kostüme sie zu Halloween nicht tragen dürften.

Wie in Oberlin war der Vorwand für diese Proteste jeweils eine scheinbare Lappalie. Wie in Oberlin zielten die Anführer der Proteste damit auf nicht weniger als eine radikale Veränderung freiheitlicher Normen ab. Falls sie es schaffen, ihre Weltsicht durchzusetzen, werden sie die Grundregeln des Zusammenlebens in einer liberalen Gesellschaft untergraben.