"Wir schaffen das" heißt was? Die hundert Meter oder den Marathon? Den Rodelhügel oder den Piz Palü? Als die Kanzlerin ihre Version von Obamas "Yes we can" verkündete, wird sie wohl nicht die Probleme vorausgesehen haben, die ihr über eine Million Menschen am Jahresende bescheren würden. So wurde de facto aus dem absoluten Recht des Artikels 16a GG – "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht" – ein relatives, das sich am "Wie" misst, an den Mitteln und der Aufnahmefähigkeit.

Die gute Nachricht zuerst. Wer hätte gedacht, dass die Deutschen nach den hässlichen Erfahrungen mit brennenden Asylheimen in den Neunzigern diesmal die Tore wie die Herzen öffnen würden? Ob in München oder Icking, das staatliche und das private Engagement funktionierten geradezu vorbildlich. Die schlechte Nachricht? Die liefert nicht nur die Springflut der Anzeigen wegen sexueller Übergriffe, sondern auch die schiere Menge der Migranten. Sie wird 2016 kaum abnehmen, wenn die Praxis sich nicht ändert.

Erstversorgung und Unterbringung sind einfach im Vergleich zum dritten Schritt, der Eingliederung. Hier gilt ein schlichtes Gesetz: Das Immigrationstempo darf nicht das Integrationstempo übersteigen. Aber wenn sich die Zahl der Neuen pro 100.000 Ansässige seit 2014 verfünffacht hat, von 2,5 auf 13,5? Die Schweden, die Erfinder der "Willkommenskultur", haben bereits nach der Verdoppelung von 8,3 auf 16,6 zugemacht.

Wie, wenn zwei Drittel der Afghanen, Iraker und Syrer junge, meist alleinstehende Männer sind? Vielleicht haben manche Muslime das falsche Frauenbild. Bloß sind auch viele christliche Kollegen keine Chorknaben, wenn sie im Rudel laufen. Warum sind Hooligans in US-Footballstadien selten? Weil sie mit Frau oder Freundin kommen, die bekanntlich zivilisatorische Macht ausüben.

Zu viele, zu schnell – und die Akkulturation bleibt auf der Strecke. Mit ihr auch die Integration, wenn nur ein Viertel der Iraker eine Ausbildung mitbringt. Es kommen sozusagen die "Falschen" in das "falsche Land" – in eine hoch regulierte, hoch technisierte Wirtschaft, die dem Neuen die Flucht aus dem Asylheim erschwert. Einfache Arbeit für Geringqualifizierte verschwindet, und die schwedische Erfahrung, so der Stockholmer BWL-Professor Tino Sanandaji zur FAS, lehrt: "Es dauert im Durchschnitt sieben Jahre, bis ein Flüchtling eine feste Arbeitsstelle findet."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Der Wohnungsbau reagiert nur träge auf Nachfrageschübe. Starre Löhne und alte Zunftordnungen verwehren es dem Einwanderer, seine Arbeit billiger anzubieten. Eine Firmengründung dauert in Deutschland zehn Tage, im Einwanderungsland Australien zwei. Anderseits verringert ein generöser Wohlfahrtsstaat den Druck zur Arbeitssuche; der Preis sind Verteilungskonflikte zwischen den Neuen und den Alten. Kurz: Offene Grenzen verlangen offene Systeme.

Wer offene Grenzen will, muss die angestammte heimische Ordnung mitsamt ihren Besitzständen knacken. Das übersteigt selbst die Kraft der Kanzlerin. Folglich verlangt der hoch regulierte Wohlfahrtsstaat die geregelte Einwanderung, die das alternde Deutschland übrigens gut gebrauchen könnte. Offene Grenzen werden aber die offenen Herzen verschließen. Diese Logik liegt auf der Hand. Sie entspringt nicht dem völkischen Ressentiment von Pegida und AfD.