Mütter, es tut mir leid, euch das zu sagen: Wenn eure Söhne zu Schlägern, Vergewaltigern, verwöhnten Ehemännern werden, wenn sie also Machos sind, dann hat das nicht nur mit Gesellschaft und Kultur zu tun. Es liegt auch an euch, ihren Müttern.

Nehmt den bescheidenen Rat einer Mutter von zwei Söhnen im Alter von 16 und 23 Jahren an: Anstatt eurer Tochter zu erzählen, dass sie Beute ist, versucht eurem Sohn zu sagen, dass er kein Jäger ist. Anstatt eure Tochter zu lehren, den Mund zu halten, versucht eurem Sohn beizubringen zuzuhören. Anstatt eurer Tochter zu verbieten, dieses T-Shirt zu tragen, macht eurem Sohn klar, dass dieses T-Shirt keine offene Einladung zum Sex ist. Anstatt eure Tochter zu zwingen, sich zu verhüllen, erklärt eurem Sohn, dass eine Frau mehr ist als ihr Körper. Anstatt eurer Tochter zu beweisen, dass Männer Feinde sind, beweist eurem Sohn, dass Frauen wertvolle Partner auf Augenhöhe sind. Anstatt eure Tochter in Angst vor Männern und euren Sohn zum Frauenverächter zu erziehen, versucht sie beide in Vertrauen, Wertschätzung und Liebe zueinander groß werden zu lassen. Meine Worte richte ich an Mütter überall auf der Welt.

"Jungs sind halt Jungs", wie oft haben wir diesen Satz gehört oder womöglich selbst gesagt? Jungs werden ermutigt, sich an rauen Spielen zu beteiligen. Sie werden entmutigt, sanft und mitfühlend zu sein. Wenn sie es doch sind, werden sie ausgelacht – von anderen Kindern und manchmal sogar von den eigenen Eltern.

Ich könnte mich hier ausführlich auslassen über den Druck, der auf Männer von Kindesbeinen an ausgeübt wird; über die großen Erwartungen, die ihren Charakter formen und die sie dazu bringen, grob und gewalttätig zu sein, um den "maskulinen Standards" zu genügen; über die Rolle, die sie meinen erfüllen zu müssen. Unglücklicherweise entschuldigen ihre Mütter dieses schlechte Benehmen und unterstützen so diese negativen Ausprägungen von Männlichkeit. Sie verherrlichen die ungezogenen Jungs und die Alpha-Männer.

Mir ist als Mutter eines klar geworden: Wann immer ein erwachsener Mann ein Nein als Antwort nicht akzeptiert, ist es tatsächlich der kleine, verwöhnte Junge in ihm, der dieses Nein nicht hinnehmen kann. Denn seine Mutter hat ihn in dem Glauben erzogen, sich alles erlauben zu können und damit auch durchzukommen und davonzukommen – heute und bis in alle Ewigkeit. Wenn also ein erwachsener Mann eine Frau missbraucht, bestraft der kleine, verwöhnte Junge die Frau dafür, dass sie ihm gegenüber nicht so bewundernd, entgegenkommend und nachsichtig ist wie seine Mutter.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Ich will nicht in einer Welt leben, in der meine beiden wundervollen Söhne Mounir und Ounsi die Verantwortung für die unmoralischen Verhaltensweisen von anderen tragen, nur weil sie aus demselben geografischen Raum stammen. Ich will nicht in einer Welt leben, in der meine Söhne sich dafür entschuldigen müssen, in einem arabischen Land geboren zu sein. Ich will nicht in einer Welt leben, in der meine Söhne verdächtigt werden, potenzielle Terroristen oder Vergewaltiger zu sein, bis sie das Gegenteil bewiesen haben. Ich will nicht in einer Welt leben, in der meine Söhne als gefährlich etikettiert werden, nur weil sie Arabisch sprechen.

Deshalb sage ich meinen Söhnen Mounir und Ounsi so wie auch allen anderen anständigen Männern: Wer du bist, wird nicht durch den Ort bestimmt, an dem du geboren wurdest, und auch nicht durch die Sprache, die du sprichst, die Farbe deiner Haut oder durch die Religion, die du von deinen Eltern geerbt hast.

Wer du bist, definiert sich dadurch, was du aus deinem Leben machst. Es definiert sich durch die menschlichen Werte, die du verteidigst, und die Entscheidungen, die du triffst. Allein darauf kannst du stolz sein oder dich dafür entschuldigen.

Aus dem Englischen von Elisabeth Knoblauch