Ruhe herrscht in der Fifa-Zentrale am Zürichberg. In den Beeten vor dem Eingang rechen zwei Gärtner schweigend das letzte Laub. Die beiden Fernsehmonitore im lichtdurchfluteten Foyer des Hauptquartiers, wo sich bei all den Rücktrittskonferenzen der vergangenen Monate die Journalisten drängelten, sind stummgeschaltet. Aber die Bilder sind auch so schön genug. Lachende Fans, Torschüsse in den Winkel, zappelnde Netze, hochgereckte Meisterschalen. Fußball kann so groß sein.

Jérôme Valcke, der suspendierte Generalsekretär, ist tags zuvor für weitere 45 Tage von seinen Aufgaben beurlaubt worden. Dem neben Joseph Blatter wichtigsten Fußballfunktionär, der sich beim Verkauf von Eintrittskarten für WM-Endrunden bereichert haben soll, droht eine neunjährige Sperre. Wer weiß, vielleicht wird sie auch noch länger ausfallen. Valcke versteht die Welt nicht mehr.

Mit dem bisherigen Generalsekretär ginge der Fifa eine besondere Farbe verloren. Fuhr Valcke zum Dienst, dann kündigte das Röhren schwerer Motoren seine Ankunft an. Wenn der weiße Ferrari FF mit 660 PS und wuchtig-gelben Bremsbacken zum Einsatz kam, dann freuten sich die Männerrunden im Haus besonders. Vorfahrt eines starken Mannes, der jedoch in den vergangenen Monaten eine seltsame Schwäche zeigte. Bei Gelegenheit bekannte Valcke im kleinen Kreis, dass er frühmorgens manchmal aus seinem Haus geschaut habe, ob unten an der Straße irgendwelche Autos parkten, die er nicht kannte. Bisher hatten die Fahnder immer bis 6 Uhr gewartet, bevor sie an den Türen der Verdächtigen schellten. Jetzt ist der fünfundfünfzig Jahre alte Valcke wohl endgültig raus, er hat es hinter sich, könnte man auch sagen.

Noch im Amt hält sich Markus Kattner, was eigentlich erstaunt, denn er ist der Finanzchef der Fifa. Kattner hat seinen Job 2003 übernommen, seit 2007 trägt er zudem den Titel des stellvertretenden Generalsekretärs. Wenn einer wissen muss, was in der Buchhaltung geschehen ist in den vergangenen Jahren, warum und wohin all die Millionen geflossen sind, dann der Finanzdirektor.

Kattner, 45 Jahre alt, lächelt maliziös. Er versteht, dass die Leute draußen so denken können. Allerdings hätten solche Vermutungen mit der Fifa-Wirklichkeit nichts tun. Von all den Machenschaften der Präsidenten und hohen Funktionäre habe er nichts gewusst, sagt er. Die Begründung trägt er in dicken Kladden unter dem Arm. Rechenschaftsberichte aus den vergangenen Jahren, Notizen, die er sich gemacht hat. Sein Aktenberg zum Festhalten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Die Reihen haben sich dramatisch gelichtet. Am Zürichberg gibt es eigentlich nur noch ihn. Kattner ist das letzte Aufgebot, the last man standing. Hat er keine Angst, dass man in den nächsten Tagen auch ihn abführt zum Verhör?

Was derzeit passiere, sprenge alle Vorstellung, sagt Kattner. Jede Woche neue Festnahmen, Strafverfahren, Suspendierungen. "Das habe ich mir alles nicht vorstellen können. Trotzdem dürfen wir nicht aufgeben, wir müssen uns um unser Tagesgeschäft und die nötigen Reformen kümmern." Es gebe Turniere, die organisiert werden müssten, und man wisse nicht, was das FBI gerade plane oder die Schweizer Staatsanwaltschaft, das belaste natürlich die Mitarbeiter. Trotzdem funktioniere das "daily business".

Als Ort für das Gespräch hat Markus Kattner einen kleinen Konferenzraum im zweiten Stock des Hauses ausgesucht. Eine schwarze Sitzgruppe auf wertvollem Teppich, über der in einem futuristischen Gestell ein bunter Fußball schwebt. Dahinter, jenseits der Scheibe, sind die beiden Gärtner mit ihren Harken zu sehen, sie kommen kaum voran.

Der Finanzdirektor hat sein Aktenpaket auf einen kleinen Tisch gelegt. Markus Kattner ist ein Mann, der die vergangenen Jahre eher im Hintergrund verbrachte: hochgewachsen, ein sportlich wirkender Typ, dass er mal Basketball gespielt hat, Zweite Bundesliga, nimmt man ihm ab.

Weil er in den Zeitungen bislang kaum vorgekommen ist, hat die Pressestelle einen Zettel mit dem Lebenslauf Kattners organisiert. Demnach ist er in Bayreuth geboren und in München aufgewachsen. Er hat ein Ingenieurstudium absolviert und vor seiner Zeit bei der Fifa als Berater bei McKinsey in der Schweiz gearbeitet. Er besitzt die deutsche und die Schweizer Staatsbürgerschaft. Hobbys außer Fußball: "Joggen, Skifahren, Klavierspielen". Welcher Komponist der richtige sei in diesen Tagen?

Nein, eher kein Klavier zurzeit, korrigiert Kattner. Er jogge jetzt lieber, dreimal die Woche eine Stunde im Wald. "Ich habe festgestellt, dass sich schwierige Gedanken unterwegs gut ordnen." Dehnt er die Laufstrecke immer weiter aus angesichts der vielen Probleme? "Nein", sagt Kattner, "ich werde auf der gleichen Strecke immer schneller."