Vor ein paar Tagen veröffentlichte das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich eine kurze Untersuchung. Thema: Was hat die Schweizer Leitmedien im vergangenen Jahr am meisten beschäftigt? Aufs Treppchen schafften es, wenig überraschend, die eidgenössischen Wahlen, die Flüchtlings- und die Euro-Krise. Das wichtigste innenpolitische Ereignis aber landete abgeschlagen auf Platz elf: die Wechselkurspolitik der Schweizerischen Nationalbank (SNB), besser bekannt als der Frankenschock.

15. Januar 2015. Ein Donnerstag. Um 10.30 Uhr geht die Mitteilung raus: Die SNB hebt den Mindestkurs auf. 1,20 Franken für einen Euro, dieser fixe Wechselkurs, im September 2011 eingeführt, er gilt nicht mehr. Per sofort.

Keine Wahlen, keine Volksabstimmung könnte in der Schweiz auf einen Schlag einen solchen Sturm entfachen. Der SNB-Entscheid wirkt wie ein Staatsstreich, eine Naturkatastrophe, ein Terroranschlag. Er ist ein Mega-Ereignis. Vom einem Moment auf den anderen ist nichts mehr wie zuvor.

Die Entscheidung der Notenbank kommt denn auch völlig überraschend. Noch wenige Tage zuvor betont die SNB öffentlich: Der Mindestkurs bleibt. Wir werden ihn mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräften verteidigen. Nun aber stürzt der Franken-Euro-Kurs ins Bodenlose. Einen "Tsunami" nennt es der Uhrmacher Nick Hayek, Chef von Swatch. Die Welle jagt durchs Land. Politiker, Unternehmer, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und Medien: Alle japsen nach Luft. Die Aktienkurse an der Börse in Zürich rasseln in den Keller, der Aktienindex SMI fällt um bis zu zehn Prozent. Die Schweizer Firmen sind zwischenzeitlich 140 Milliarden Franken weniger wert. Tags darauf schließt die Börse mit dem wuchtigsten Wochenverlust seit 2008, seit der großen Krise. Vor den Bankomaten stehen Menschen in langen Schlangen und wollen Geld abheben. Bis die Notenbestände erschöpft sind. Das Onlinebanking bricht unter dem virtuellen Ansturm zusammen.

Die Folgen des Schocks werden erst nach und nach sichtbar

Die Schweiz im Januar 2015: Ein beschauliches Land durchlebt Chaostage. Dass eine Währung im zweistelligen Prozentbereich gegenüber anderen Devisen zulegt und gleichzeitig die Börsenkurse um über zehn Prozent sinken, das gab es noch nie. Man befürchtet Massenarbeitslosigkeit, eine scharfe Rezession – und ein grausliges Wort macht die Runde: Deflation. Eine Absatzkrise.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 03 vom 14.01.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Doch schneller als gedacht verebbt die Welle. Die Nachrichtenlage ändert sich. Der Wahlkampf nimmt Fahrt auf, im Herbst wählen die Schweizer ein neues Parlament. Das Franken-Thema rutscht nach hinten. Bis es schließlich auf Platz elf landet.

War’s das? Nein.

Man könnte nun zur Medienschelte ansetzen: Kollegen, ihr wisst nicht, was wirklich wichtig ist! Was das Land und seine Zukunft tatsächlich formt! Es sind nicht die Flüchtlinge, nicht der neue Bundesrat, es ist der Franken, stupid! Aber so plötzlich der SNB-Kurswechsel kommt, so schleichend wirkt er sich auf die Realität aus. Nicht über Nacht, wie in diesen Januartagen im Jahr 2015 einige befürchten, sondern Monat für Monat, Quartal für Quartal, Jahr für Jahr. Das macht es zum einen schwierig, darüber zu berichten: Frankenschock? Hatten wir doch schon x-mal. Zum anderen gewöhnen sich alle nach und nach an die neuen Umstände: die Unternehmen wie die Journalisten – und die Leser.

Was also passierte in diesem Jahr tatsächlich? Und weshalb halten sich die Schweizer seither an die urbritische Maxime: Keep calm and carry on?