Wohl auch zu diesem Zweck sitzen bis heute je ein Verbindungsbeamter von BND und Verfassungsschutz in der Zentrale des Migrationsamtes in Nürnberg. In Erstaufnahmeeinrichtungen für Geflüchtete haben nach Recherchen von ZEIT und ZEIT ONLINE zudem Agenten von Verfassungsschutz und BND ihre Büros. In der Zentralen Aufnahmeeinrichtung Zirndorf ist das BND-Büro nach wie vor besetzt, und in Niedersachsen betreibt der Verfassungsschutz eine Dependance.

In der obersten Etage eines Verwaltungsgebäudes im Grenzdurchgangslager Friedland operiert BfV-Mitarbeiter Helmut G. Auf dem Gelände leben neu ankommende Asylbewerber, bevor sie auf Heime im ganzen Land verteilt werden. Im gleichen Gebäude residierten früher die vier Befrager des BND. Weder Verfassungsschutz noch BND wollten sich zu den Aufgaben ihrer Mitarbeiter im Bamf und in den Flüchtlingslagern äußern. Verfassungsschützer G. sagte der ZEIT: "Ich habe mit den Asylanten und Befragungen nichts zu tun."

In einem internen Dokument aber bestätigt die bayerische Landesregierung im Sommer 2014: "Im Übrigen werden auch Asylbewerber im Rahmen der geltenden Gesetze durch das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz befragt." Neben dem Auslandsgeheimdienst BND nutzt also auch der Inlandsgeheimdienst Verfassungsschutz die Angekommenen als Quellen. Und entgegen ihrer öffentlichen Beteuerung musste die Regierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion bereits vor drei Jahren einräumen: "Zur Gewinnung von Erkenntnissen können BND bzw. BfV künftig auch Befragungen von Asylbewerbern durchführen."

Die Hälfte aller Informationen ging ins Ausland

"Die Pauschalübermittlung von Unterlagen aus dem Asylverfahren vom Bamf an den BND ist nicht vom BND-Gesetz gedeckt", sagt Konstantin von Notz, Obmann der Grünen im NSA-Untersuchungsausschuss. Da diese Befragungspraxis auch nach dem offiziellen Ende der "Hauptstelle für Befragungswesen" fortgesetzt werde, fordert von Notz die Regierung auf, "die Datenerfassung und -übermittlung einzustellen". Auch die internationale Zusammenarbeit des BND sieht von Notz in diesem Punkt als "rechtlich hochproblematisch". Bis 2014 arbeitete der Auslandsgeheimdienst mit drei ausländischen Nachrichtendiensten eng zusammen. Namentlich mit dem Intelligence Staff, dem Nachrichtendienst des britischen Verteidigungsministeriums, und der Defense Intelligence Agency (DIA), dem amerikanischen Militärgeheimdienst. Es gab nie eine gesetzliche Grundlage, die den BND befugt hätte, amerikanischen und britischen Geheimdiensten Flüchtlinge als Informanten zuzuführen – was er routinemäßig tat.

Mehr als die Hälfte aller Informationen aus den jährlich 100 bis 400 Befragungen teilte der BND mit den Nachrichtendiensten der USA und Großbritanniens. Angeblich wurde darauf geachtet, dass die Daten militärisch nicht nutzbar seien. Doch das ist fast unmöglich. Schon vor Jahren berichteten in Deutschland gestrandete Iraker von eigenen Aussagen über Checkpoints und Geheimdienstgebäude, die sie gegenüber dem BND getätigt hatten: Wenig später wurden exakt diese Ziele in Mossul und Bagdad von US-Kampfjets bombardiert. Heute sollen die abgefischten Informationen aus den Flüchtlingsgesprächen dazu genutzt werden, Ziele für US-Drohnen im Nahen Osten und in Afrika aufzuspüren.

Amerikaner und Briten zahlten für Zugang zu Flüchtlingen

Doch die Partnerdienste erhielten nicht nur Material. Von den zuletzt 40 Mitarbeitern der BND-Stelle arbeiteten knapp die Hälfte als Befrager – und vier von ihnen waren Amerikaner. Weil aber nur deutsche Agenten Flüchtlinge befragen durften, erhielten die US-Spione zur Tarnung deutsche Personalausweise, Führerscheine und Dienstausweise der Hauptstelle – "zur Wahrnehmung ihrer Aufgaben", heißt es in einem als "Verschlusssache" eingestuften BND-Bericht. Wie viele ausländische Spitzel mit Tarnpapieren in den fast sechs Jahrzehnten der HBW ausgestattet wurden, weiß die Bundesregierung nicht, wie sie behauptet.

Die "Partnerbefrager", wie sie im internen Jargon genannt werden, saßen nicht nur in der Zentrale der Hauptstelle in Berlin, sondern auch in den Außenstellen Zirndorf, Nürnberg, Wiesbaden und Friedland. So konnten amerikanische und britische Dienste ungehindert auch ohne die Aufsicht des BND Flüchtlinge befragen.

Im Gegenzug teilten sich die USA und Großbritannien bis Mitte 2014 die Kosten für die Büromiete und "operative Ausgaben" für die HBW zu je einem Drittel mit dem BND. Sie zahlten also dafür, Zugang zu spannenden Quellen in Deutschland zu erhalten.

Diese internationale Kooperation scheint zumindest offiziell beendet zu sein. BND-Präsident Gerhard Schindler sandte dem damaligen Direktor der DIA im Januar 2014 einen Brief, in dem er das Ende des "integrierten Befragungswesens einschließlich seiner Legendenstruktur" ankündigte. Die "besondere Kooperation" wollte Schindler jedoch ein letztes Mal auf eine besondere Weise würdigen: beim gemeinsamen Abendessen in Berlin.