DIE ZEIT: Herr Tryding, welche Folgen haben die neuen Kontrollen zwischen Dänemark und Schweden in der Grenzregion?

Per Tryding: Ich wohne in Malmö, fahre aber oft über den Öresund nach Kopenhagen, etwa um Partner unserer Handelskammer zu besuchen oder einfach um ins Restaurant oder ins Theater zu gehen. Die Kontrollen bewirken, dass jede Rückfahrt nach Schweden nun deutlich länger dauert. Vom Hauptbahnhof in Kopenhagen kann ich nicht mehr nach Malmö durchfahren, sondern muss am Flughafen auf der dänischen Seite aussteigen, mich kontrollieren lassen und in einen anderen Zug wieder einsteigen. Dazu kommt, dass weniger Züge fahren als vorher.

ZEIT: Wie viele Menschen betrifft das?

Tryding: Rund 16.000 Pendler überqueren jeden Tag die Grenze, und über eine Million Menschen pendeln gelegentlich. Die meisten fahren zur Arbeit, aber manche fahren auch nur zum Einkaufen über die Grenze oder um in der Mittagspause schnell ihre Kinder vom Kindergarten abzuholen. Und es sind nicht nur diejenigen betroffen, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln über die Grenze wollen. Das Verkehrsnetz in der Metropolregion Kopenhagen–Malmö ist ein zusammenhängendes System: Bremst man den Verkehr an einer Stelle, spürt man das in der ganzen Region.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

ZEIT: Welche Konsequenzen befürchten Sie?

Tryding: Die Pendler sind das Blut in der Know-how-Ökonomie Südschwedens. Während aus Schweden vor allem junge Menschen nach Kopenhagen pendeln, die in Servicejobs im Handel, im Tourismus oder in anderen Dienstleistungsfirmen arbeiten, kommen aus Kopenhagen viele Fachkräfte nach Malmö. Diese Spezialisten können sich ihre Jobs aussuchen – wenn sie auf Dauer länger unterwegs sind, werden sie sich vielleicht anderswo Arbeit suchen als in Schweden.

ZEIT: Wie sehr würde das die Wirtschaft treffen?

Tryding: Es würde die Entwicklung unserer Region sehr gefährden: Erst durch die Eröffnung der Öresundbrücke im Jahr 2000 ist sie von einer peripheren Region in Europa zu einer zentralen geworden, in der sich Unternehmen wie Ikea und Mercedes, aber auch eine ganze Reihe junger Technologiefirmen niedergelassen haben. Wir brauchen nicht nur gute Köpfe, sondern profitieren auch davon, dass man vom Flughafen in Kopenhagen in wenigen Minuten bei uns sein kann.

ZEIT: Im Herbst gab es in Schweden zeitweise nicht genug Betten für alle Flüchtlinge. Ist es da nicht verständlich, dass die Regierung den Zustrom mit Kontrollen bremsen will?

Tryding: Sicher befinden wir uns in einer schwierigen Lage. Aber wir können doch nur Lösungen mit Dänemark und Deutschland zusammen erarbeiten und nicht auf eigene Faust. Außerdem schießt die Regierung mit den Passkontrollen weit über das Ziel hinaus! Nun muss Dänemark reagieren, dann werden sich die Kontrollen wie beim Domino über die nächsten Länder ausbreiten – bis wir irgendwann wieder in Griechenland sind, wo die Kontrollen nicht funktionieren. Das ist ein gefährliches Spiel, das wenig bringt, aber den Binnenmarkt in der EU gefährden kann!

ZEIT: Sehen Sie in dem Zustrom der Flüchtlinge überhaupt ein Problem?

Tryding: Natürlich ist es auf kurze Sicht eine Herausforderung, so viele Menschen unterzubringen. Aber auf längere Sicht ist die Zuwanderung ein Vorteil für uns. Wir sollten uns New York zum Vorbild nehmen: Ende des 19. Jahrhunderts hat sich seine Einwohnerzahl innerhalb weniger Jahre verdoppelt, weil so viele Menschen eingewandert sind. Und heute ist es eine der reichsten Städte der Welt.