Kein Interview! Allerhöchstens eine Verabredung. Der russische Pianist Grigory Sokolov © Mary Slepkova/Deutsche Grammophon

Vor dem Künstlerzimmer im Berner Kultur-Casino nach einem Klavierabend Ende November. Grigory Sokolov hat Schubert und Chopin gespielt, "Moments musicaux", "Nocturnes", zwei Sonaten. Eine Schlange ringelt sich bis ins Treppenhaus hinaus, Fans halten Blumen und Programmhefte in den Händen. Drei Frauen balancieren einen etwa 30 Zentimeter hohen Flügel aus feiner Schweizer Schokolade. Sokolov, der Unnahbare, scheint auch nahbare Seiten zu besitzen. Es ist nach 23 Uhr, als ich eintrete.

DIE ZEIT: Ich habe ziemliches Lampenfieber, Herr Sokolov, ich hoffe das legt sich.

Grigory Sokolov: Sie? Jetzt?

ZEIT: Nach dem Konzert ist vor dem Interview.

Sokolov: Wir beide haben eine schwierige Aufgabe. Wir wollen über Emil Gilels sprechen, eine große Persönlichkeit. Das ist Nummer eins. Nummer zwei: Wenn Herr A über Herrn B spricht, dann spricht er nicht über Herrn B, sondern über Herrn A, also über sich selbst. Das ist das Schlimmste, das müssen wir vermeiden. (lacht)

ZEIT: Ich würde gern über Sie sprechen, schließlich gibt es da einen gewissen Nachholbedarf. Sie haben seit vielen Jahren kein Interview mehr gegeben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Sokolov: Auch jetzt gebe ich keins. Wir haben eine Verabredung, nicht wahr?

ZEIT: Aber wie wollen wir es schaffen, über irgendetwas zu sprechen, über Gilels, Schokolade oder die Weltpolitik, ohne über Sie zu sprechen?

Sokolov: Versuchen Sie es!

Unsere Verabredung besteht darin, dass Grigory Sokolov sich ausschließlich zu Emil Gilels äußern möchte, seinem Landsmann und Vorbild. Ausgerechnet Gilels! Sokolov ist Artist, eine Spielernatur mit pathologischem Tiefgang – Gilels’ Zauber hingegen speist sich aus seiner Ehrlichkeit, doppelte Böden oder Ironie kennt er nicht. Konträrer können zwei Pianistenprofile kaum sein.

ZEIT: Emil Gilels wirkte auf der Bühne immer absolut geerdet. Vor seinen Auftritten aber soll er ein Nervenbündel gewesen sein.

Sokolov: Das ist normal.

ZEIT: Sind Sie auch aufgeregt, nervös?

Sokolov: Wir wollen nicht über mich sprechen, und das ist Ihre zweite Frage? (lacht) Lampenfieber zu haben, ist ganz normal. Wichtig ist, dass das Publikum es nicht bemerkt.

ZEIT: Wer war Emil Gilels für Sie?

Sokolov: Nicht für mich, für alle! Eine große Persönlichkeit, ein großer Musiker. Und auch ein großer Mensch. Das fällt nicht oft zusammen. Seit meinem siebten Lebensjahr habe ich Emil Gilels regelmäßig in der Philharmonie in St. Petersburg, damals noch Leningrad, gehört. Alle Konzerte, alle. Manchmal kam er einmal im Jahr, manchmal mehrmals. So war das.

"Emil Gilels war ein Weltphänomen"

Die Einsilbigkeit vieler Antworten provoziert hastiges Nachfragen. Es ist schwer, Grigory Sokolovs freundlich-skeptischem Blick schweigend standzuhalten. Außerdem sitzt, rein zufällig, Felix Gottlieb mit am Tisch, der Gilels-Schüler und Gründer des Freiburger Emil-Gilels-Festivals.

ZEIT: Die Tradition russischer Pianisten ist Legende, von Heinrich Neuhaus bis Wladimir Horowitz, von Sergej Rachmaninow bis Anton Rubinstein. Wo steht Emil Gilels in dieser Tradition?

Sokolov: Er ist kein russisches Phänomen, sondern ein Weltphänomen. Diese Gipfel sind so hoch (zeigt mit der Hand nach oben), wie soll man sie je ermessen? Nehmen Sie das Gilels-Festival in Freiburg. Im Publikum werden nicht viele Menschen sitzen, die sich noch an seine Konzerte erinnern können. Für die Pianisten, die dort spielen, ist es eine Hommage an ihn. Gilels selbst aber ist nur ein einziges Mal in Freiburg aufgetreten, so weit ich weiß, in den siebziger Jahren. Eine spezielle Freiburg-Verbindung existiert also nicht. Und das ist der Beweis: Für echte Kunst gibt es keine Zeit und keine Grenzen. Und keine Geografie. Für einen Weltmenschen spielt das alles keine Rolle.

ZEIT: Wozu müssen wir Weltmenschen wie ihn im Gedächtnis behalten? Man könnte auch sagen, eine große Interpretenpersönlichkeit, aber lange tot.

Sokolov: Als Pianist ist er nicht tot. Für die echte Kunst gibt es keine Zeit, wie gesagt. Wir können Gilels heute nicht mehr live erleben, leider, wie viele andere Große auch nicht. Aber tot ist er nicht.

Meine letzte, eher konspirative Begegnung mit Grigory Sokolov fand im Frühjahr in Hamburg statt (ZEIT Nr. 16/15) und hat mir dieses Interview eingetragen. Gehört habe ich ihn oft, und der Eindruck bestätigt sich auf der neuen CD: Im großen, klassisch-romantischen Repertoire (Beethovens "Hammerklavier"-Sonate) neigt Sokolov zum Zerlegen, Zelebrieren, als zöge er sich mitten im Zeitfluss auf unsichtbare Sandbänke zurück, um dort zu verharren. Kleineren Werke hingegen (alles von Rameau!) haucht er wie kein Zweiter Geist ein, Brillanz und Witz.

ZEIT: Emil Gilels war eine Figur des 20. Jahrhunderts, er hat auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs Erfolge gefeiert. Würde er heute noch so spielen, wie er gespielt hat?

Sokolov: Erfolge feiern nicht die Künstler, sondern die Zuhörer, die den Künstler mehr und mehr verstehen. Man spielt immer anders, jeden Tag. Das ist keine Frage des Jahrhunderts.

ZEIT: Trotzdem hat die Welt sich verändert, der Kapitalismus hat den Sozialismus "besiegt", wir haben heute ganz andere Probleme. Hängen Kunst und Leben nicht zusammen?

Sokolov: Unsere Gedanken zum Weltgeschehen sind immer relativ. Die Musik aber ist immer modern. Weil Sie ein moderner Mensch sind und Sie die Musik hören. Es gibt keine musealen Interpretationen, das ist ausgeschlossen. Interpreten sind Interpreten ihrer Zeit, ob sie es wollen oder nicht, und die Zuhörer sind es auch.

ZEIT: Was passiert, wenn ich eine historische Aufnahme höre? Emil Gilels spielt Liszts h-Moll-Sonate zum Beispiel oder Griegs Lyrische Stücke, dann sind das doch Grüße aus der Vergangenheit.

Sokolov: Sehr schöne Grüße! Aber Sie sind es, die diese Aufnahmen hören, also sind sie heutig.

"Musik ist immer subjektiv"

Grigory Sokolov spricht nahezu perfekt Deutsch, mit einem sanft schnarrenden russischen Akzent. Trotzdem hat er auf einer Dolmetscherin bestanden, die, peinlich berührt, ebenfalls mit dabeisitzt.

ZEIT: Ist es schwer, über Musik zu sprechen?

Sokolov: Es ist nicht schwer, es ist unmöglich – und das hat nichts mit mir zu tun. Wenn es möglich wäre, brauchten wir keine Musik.

ZEIT: Ich bin der moderne Mensch, wie Sie gesagt haben. Was höre ich, wenn Emil Gilels, sagen wir, Mozarts a-Moll-Sonate spielt? Höre ich: Gilels spielt Mozart, höre ich Mozart, oder höre ich nur Gilels?

Sokolov: Mozart direkt können Sie nicht hören, niemals. Sie hören, wie Gilels diese Musik interpretiert hat. Das heißt: auch nicht ganz, denn Sie hören nur, was Sie davon verstehen können. Ein komplizierter Vorgang.

ZEIT: Noch komplizierter wird es, wenn ich mir die gleiche Sonate von Swjatoslaw Richter gespielt anhöre. Aus westlicher Sicht waren Gilels und er Antipoden. Gilels galt als der Bodenständige, ein fulminanter Handwerker. In Richter hingegen sah man den Exzentriker und großen Subjektiven.

Sokolov: Falsch, absolut falsch. Was heißt subjektiv, was objektiv? Musik ist immer subjektiv. Außerdem halte ich es für keine gute Idee, zwei große Künstler miteinander zu vergleichen. Warum diese beiden? Was ist mit Wladimir Sofronitzki? Er ist nur zweimal im Ausland aufgetreten, einmal in Polen, einmal in Paris. Ist er deshalb unbedeutender? Nein! Einer schreibt etwas, andere plappern es nach – und was herauskommt, ist wiederholter Quatsch. Genauso verhält es sich mit Ost und West. Die Magie eines Künstlers kommt weder aus dem Osten noch aus dem Westen, sondern einzig aus ihm selbst.

ZEIT: Aber jede Persönlichkeit wird geprägt von den Lebensumständen, von der Luft, die er oder sie atmet, von der Herkunft, vom Essen und vom Trinken, von der Freiheit, sich zu entwickeln, von der Politik, der Liebe, von allem!

Sokolov: Aber doch nicht deshalb ist jeder verschieden. Gilels und Sofronitzki zum Beispiel, das sind zwei andere Planeten.

ZEIT: Stehen sie sich nicht doch näher als Gilels und Claudio Arrau, Gilels und Wilhelm Kempff oder Gilels und Arturo Benedetti Michelangeli?

Sokolov: Woran wollen Sie das festmachen?

ZEIT: Maestro, jetzt treiben Sie mich ein bisschen zur Verzweiflung.

"Selbst die jüngeren russischen Virtuosen spielen nicht modern, wie ein Gulda oder ein Glenn Gould es zu tun versuchen", lese ich bei Joachim Kaiser. "Freilich sind sie auch nicht unschuldig altmodisch. (...) Grandezza, dividiert durch Prokofieffs Phantastik und pianistischen Charme: das wäre eine Formel für die Voraussetzungen von Emil Gilels." Ein paar Seiten später nennt Kaiser ihn eine "Präzisionsmaschine", betont seine "Vitalität"und "Gesundheit".

ZEIT: Wie lebendig ist die russische Klavierschule?

Sokolov: Es gibt keine russische Schule, jedenfalls nicht in der Musik. Was soll das sein? Steht Glenn Gould vielleicht für die kanadische Schule, existiert dieser Begriff? Nein.

ZEIT: Man spricht aber von der deutschen oder der französischen Schule und meint einen gemeinsamen Kern, eine Identität.

Sokolov: Wir sind wieder am Anfang: In der Musik gibt es keine Geografie. Wir werden mit Bach, Skrjabin, Rachmaninow und Beethoven geboren. Das ist unsere Musik. Wie kann man solche Genies bloß etikettieren? Was ist besser, Beethoven oder Chopin? Beethoven hat neun Sinfonien geschrieben, Chopin keine einzige. Nun?

ZEIT: Beethoven natürlich!

Sokolov: Nicht so eilig! Chopin hat 58 Mazurken geschrieben, Beethoven keine. Und jetzt? Doch lieber Chopin? Spaß beiseite: Jeder Künstler hat seinen Weg.

ZEIT: Welchen haben Sie?

Sokolov: Ich? Morgen nach Basel.

"Man wird zur Künstlerpersönlichkeit geboren"

Das Gespräch driftet etwas ab, man belustigt sich über den Schokoladenflügel, der kein Pedal, dafür aber die berüchtigten Bösendorfer-Tasten aufweist, 97 Stück, hinunter bis zum tiefen a. Sokolov ist ein Flügel-Verrückter, kennt die Seriennummern aller Steinways auswendig, die er jemals gespielt hat.

ZEIT: Wie wird man eine Künstlerpersönlichkeit?

Sokolov: Man wird so geboren, das sagte ich bereits. Begabung haben viele, Fleiß, Glück. Aber Persönlichkeiten sind selten, das ist etwas Besonderes. Schwer zu sagen: Ist alles determiniert, kann der Weg nur so und nicht anders verlaufen? Der Einfluss von außen ist jedenfalls gering. Die Persönlichkeit ist von Anfang an perfekt, man kann sie nicht "verbessern" oder von außen verändern.

ZEIT: Heißt das, Gilels hätte auch Mathematiker oder Herzchirurg werden können?

Sokolov: Wer weiß. Gilels hat seine Zukunft vorhergesehen. Schon als kleines Kind malte er mit Buntstiften ein Plakat, mit den Daten und dem Repertoire seines ersten großen Konzerts – am Ende hatte er sich nur um ein Jahr vertan.

ZEIT: Was kann man von solchen Genies lernen?

Sokolov: Keine Einzelheiten! Interessant ist die Verbindung zur Kunst. Und zum Leben. Das ist es, was für Ihren Weg wichtig sein könnte. Sie sehen diese Verbindung, oder Sie sehen sie nicht. Sie bekommen diese Energie und verwandeln sich oder nicht. Wenn Sie vor der Sixtinischen Madonna stehen und ihre Schönheit nicht sehen, kann Ihnen niemand helfen. Wer blind ist, ist blind, wer taub ist, ist taub. Da helfen auch keine Analysen.

ZEIT: Das klingt mystisch. Nehmen wir das " Regentropfen"-Prélude von Chopin ...

Sokolov: Dieser Name ist Unsinn!

ZEIT: Der kranke Chopin auf Mallorca, es ist kalt, der Regen klatscht an die Fensterscheiben ...?

Sokolov: Wichtig ist nicht der Regen, wichtig ist die Angst. Chopin hatte Todesangst. Das ließ sich natürlich nicht so gut verkaufen. Bei Schubert gibt es ähnliche Beispiele verlegerischer Willkür.

Die fünfte Zugabe an diesem Abend ist jenes Prélude op. 28 Nr. 15 in Des-Dur. Sokolov spielt es aufreizend langsam, mit tiefschwarzem Schicksalshämmern – um am Schluss jeden Traum von Licht und Wärme in einer einzigen Note, dem finalen hohen B, zerplatzen zu lassen.

ZEIT: Wie verständigt sich ein Publikum über Chopins Magie, wenn es unmöglich ist, über Musik zu sprechen?

Sokolov: Man kann über seine persönlichen Empfindungen reden. Leider trauen sich das viele Menschen nicht. In der Kunst ist alles viel natürlicher, als man denkt. Es geht von selbst. Es existiert. Die Kunst ist ein Paralleluniversum zur Wirklichkeit.

ZEIT: Demnach berühren sich die beiden nicht?

Sokolov: Nicht direkt jedenfalls. So wie sich ein Werk niemals durch Biografie oder Politik erklären lässt. Kunst ist etwas Freies, das drinnen ist.

ZEIT: Haben wir jetzt eigentlich mehr über Emil Gilels gesprochen oder mehr über Sie?

Sokolov: Nur über Emil Gilels!! Ist mir das etwa nicht gelungen? Dann ist es der Fluch der Gattung – und mein persönliches Fiasko.

Schubert/Beethoven (DG)
Informationen zum Festival vom 14.–19. März unter festival.emilgilelsfoundation.net