Manchen fiel es gar nicht auf. Für andere war es eine kafkaeske Grenzerfahrung: Irgendwann nach dem Fahrplanwechsel im Dezember fehlten auf den gelben Abfahrtsplänen der Deutschen Bahn im Hamburger Hauptbahnhof plötzlich die Abfahrtsgleise. Und nicht nur bei einem Plan, stellten Bahnkunden fest, die mit ratterndem Rollkoffer und in wachsender Panik von einem Glaskasten zum nächsten stürzten: nein, auf allen.

Schnell teilten sich die Ratlosen in drei Gruppen: Die erste sammelte sich in Trauben vor den gleislosen Plänen, um Freunde und die Hotline anzurufen und über die neueste Panne der Bahn zu schimpfen. Die zweite stürzte wie eine Horde aufgeregter Krähen von Gleis zu Gleis, denn ihr Zug fuhr in drei Minuten ab, die Frage war nur, wo. Die dritte Gruppe suchte nach weiteren Informationen. Die gab es – auf dem ausgedruckten Ticket in ihrer Tasche, in der Bahn-App auf dem Smartphone, aber auch auf den großen Abfahrtstafeln in der Wandelhalle und auf dem Südsteg.

Und was dort angezeigt wurde, stimmte sogar. Es war nicht so, dass fünf Minuten vor der Abfahrtszeit eine Lautsprecherstimme etwas von einer Gleisänderung nuschelte, und zwar auf Gleis grrknackkzischsch, woraufhin die Wartenden hastig zu ihrem Gepäck griffen und in diverse geratene Richtungen davonstürzten. Zufall?

Absicht, sagt Bahn-Sprecher Egbert Meyer-Lovis, denn genau diese Karawanenzüge wollte die Bahn mit dem "Versuch" vermeiden. Die fehlenden Gleise auf den gelben Plänen waren also keine Panne – sondern ein Experiment. Die Bahn habe Gleissuchende "verstärkt zu den Abfahrtstafeln in der Wandelhalle und auf dem Südsteg" lenken wollen. Dort werden immer die aktuellen Gleise angezeigt, was den Kunden hektische Wechselaktionen in letzter Minute erspare, denn durch die Bauarbeiten am Berliner Tor gebe es gerade ungewöhnlich viele Gleisänderungen.

Eigentlich eine gute Idee. Wie lief der Versuch?

Es habe positive Rückmeldungen gegeben, sagt Meyer-Lovis, aber auch negative. "Wir haben uns daher entschlossen, den Versuch in der vergangenen Woche abzubrechen."

Es ist wie in jeder Beziehung: Die Kunden der Bahn haben sich schon zu sehr an ihre Eigenarten gewöhnt. Auch an die schlechten.