Die Europa-Korrespondentin des staatlichen russischen Radiosenders Westi FM kann die Empörung in ihrer Stimme nicht verstecken. Aufgeregt berichtet sie von der "sensationellen Informationsbombe", die in Österreich von dem kleinen Linzer Magazin Info-Direkt aufgedeckt worden sein soll: Das Blatt belege mit "Verweis auf eigene Geheimdienstquellen, dass die USA in die illegale Migration von Flüchtlingen aus Afrika und dem Nahen Osten nach Europa involviert ist". Als "Reiseführer" sollen die USA Flüchtlinge über das Mittelmeer lotsen und so die Destabilisierung Europas vorantreiben.

Es ist Anfang September 2015, kurz vor dem offiziellen Einstieg Russlands in den Syrienkrieg. Endzeitliche Stimmungsbilder der europäischen Flüchtlingskrise illustrieren in den staatlich kontrollierten russischen Medien die These vom Niedergang Europas und der verderblichen Rolle der USA. Der vermeintliche Scoop aus Österreich kommt wie gerufen und schafft es in die größten Nachrichtensendungen der Medienmaschine unter Kreml-Diktat.

Der Vorwurf komme direkt aus den Reihen österreichischer Geheimdienste, berichtet Info-Direkt: "Gemäß Informationen eines Mitarbeiters des ›österreichischen Abwehramts‹ sollen Erkenntnisse darüber vorliegen, dass US-Organisationen die Schlepper bezahlen, welche täglich tausende Flüchtlinge nach Europa bringen." Dem anonymen Geheimdienstler nach hätten Organisationen aus den USA Finanzierungsmodelle geschaffen und würden erhebliche Anteile der Schlepperkosten tragen.

Was in den russischen Medien nicht erwähnt wird: Hinter dem Scoop steckt eine Quelle, die eigentlich keine ist. Info-Direkt, das "Magazin für eine freie Welt", ist ein kleines, undurchsichtiges Blatt aus Oberösterreich mit engen Verbindungen zur FPÖ, zu rechten Gruppierungen und nach Russland.

Die ideologische Nähe zum Kreml stellt die erste Druckausgabe vom März 2015 offen zur Schau. "Wir wollen einen wie Putin", propagiert die Titelseite. Im Inneren ergänzen Interviews mit dem rechtsradikalen russischen Ideologen Aleksandr Dugin und dem Generalkonsul der Russischen Föderation in Salzburg die Botschaft. Neben "Asylkrise" und "Österreich" ist "Russland" ein eigenes Ressort im Online-Auftritt des Magazins.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 03 vom 14.01.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Auch persönlich pflegt man enge Bande: Im Oktober wurde die fünfte Nummer bei einer Soiree im Vorfeld des "Russischen Balls in der Wiener Hofburg" präsentiert. Dabei habe man das Magazin allen wesentlichen Vertretern der russischen Staatsspitze überreicht, so der stolze Hinweis von Ballorganisatorin Nathalie Holzmüller, die ihre Nähe zu Wiens FPÖ-Chef Johann Gudenus, einem willkommenen Ballgast, gerne demonstriert.

Wer hinter Info-Direkt steckt, wird weniger offen kommuniziert. Im Jänner 2015 wurde der "Verein für Meinungsfreiheit und unabhängige Publizistik" gegründet, der das Blatt herausgibt. Angeführt wird der Verein vom Oberösterreich-Landesobmann der als rechtsextrem geltenden Österreichischen Landsmannschaft. Im Impressum scheint die Firmenadresse des Linzer FPÖ-Gemeinderates Wolfgang Grabmayr auf, Namen von Redaktionsmitgliedern oder eine Telefonnummer fehlen. Auch über die Höhe der Auflage werden keine Angaben gemacht.

Als Mastermind von Info-Direkt trat bei der Soiree im Oktober Stefan Magnet auf: Der 31-jährige Werbeunternehmer präsentierte damals die neue Ausgabe und war früher beim oberösterreichischen Bund freier Jugend (BfJ) tätig, einer mittlerweile aufgelösten rechtsextremen Organisation. Zudem sammelte Magnet journalistische Sporen im BfJ-nahen Jugend-Echo, einer 2007 eingestellten "Kampfschrift der nationalen Jugend in Österreich".

In vergangenen Jahren produzierte Magnet Werbefilme für den damaligen FPÖ-Landesrat und nunmehrigen oberösterreichischen Landeshauptmannstellvertreter Manfred Haimbuchner. Magnet bestreitet trotz seines von der ZEIT dokumentierten Auftritts jegliche Funktion bei Info-Direkt.

Unklar ist, wie sich das sechsmal jährlich erscheinende Medium finanziert. Bis auf spärliche Inserate wie etwa von dem FPÖ-Politiker und dritten Nationalratspräsidenten Norbert Hofer, eines Linzer Verpackungsdienstes sowie des rechten deutschen Verlags Antaios fehlt Werbung weitgehend. Russische Gelder zu erhalten wird von Info-Direkt bestritten.

Während das Blatt in Österreich unbekannt blieb, hat es in Russland mit der verschwörerischen "Informationsbombe" im vergangenen Spätsommer bleibenden Eindruck gemacht. Im österreichischen Verteidigungsministerium sorgt die Enthüllung für Kopfschütteln. Der Autor kenne sich offensichtlich nicht aus, erklärt Ministeriumssprecher Michael Bauer. "Das Abwehramt beschäftigt sich mit ganz anderen Dingen."

Der internationalen Verbreitung der verschwörerischen Meldung tut dies keinen Abbruch. So zitiert Boulevard Voltaire, ein dem französischen Front National nahestehendes Internetportal, die Nachrichten aus Linz, gewürzt mit tiefem Antiamerikanismus: "Indem sie das Chaos in Afrika und die Invasion in Europa organisieren und sich Politikern wie Renzi, Merkel und Hollande bedienen, wenden die Amerikaner neo-machiavellianische Prinzipien von Leo Strauss und Strategen à la Wolfowitz an." Strauss gilt als geistiger Stammvater der amerikanischen Neocons rund um Paul Wolfowitz.

Der französische Artikel wird von einer staatlichen russischen Nachrichtenagentur als Sensation aufgegriffen. Die großen russischen Fernsehsender wie Rossija, Perwyj und TWZ berichten ihrem Millionenpublikum über die vermeintlichen Erkenntnisse aus Linz.

Schnell steht ein russisches TV-Team in Oberösterreich. Über den Dächern von Linz wird Felix Müller interviewt, ein Vertreter von Info-Direkt, der im Trachtenjanker den Flüchtlingsexperten gibt. Müller war 2009 FPÖ-Kandidat für den Linzer Gemeinderat und ist Mitglied der Linzer Burschenschaft Arminia Czernowitz.

Wenige Tage nach dem Fernsehinterview wird die Homepage des Magazins auf einen Server in Moskau ausgelagert. Erklärt wird das mit Hackerangriffen auf den österreichischen Server, die mit Sabotageversuchen von "oben" in Verbindung stünden.

Trotz "Insider-Informationen" und einer nunmehr direkten Datenleitung nach Moskau blieben weitere Scoops, die russische Spindoktoren interessieren könnten, bislang aus. Wie einfach sie in die Welt zu setzen sind, führte erst kürzlich ein Konkurrenzmedium vor: Das Contra Magazin, ein Onlineportal aus Wien, veröffentliche am 1. Jänner die Meldung, dass 300 Soldaten, unter anderem aus der Türkei, gegen die prorussischen Kräfte in der Ostukraine kämpfen wollen. Umgehend berichteten zahllose russische Internetmedien unter Berufung auf die seriöse Quelle aus Österreich über die neuen Gegner. Die russische Staatsangst vor feindseligen Türken war dank Österreich einmal mehr bestätigt.