Es gibt viele Gründe, sich über Betreiber und Besucher von Kaffeebars lustig zu machen. Schon allein der heilige Ernst, mit dem manche über ihre Flat-White-Latte-Art-Cappuccinos im Pappbecher fachsimpeln und diese zu kulturellen Großleistungen aufblasen, rechtfertigt dämpfende Einwände wie: Nun macht mal halblang! Guter Kaffee ist etwas Schönes, aber man muss das Zeug auch nicht wichtiger machen, als es ist.

Schwer in Mode scheint derzeit der Hinweis zu sein, dass dieser oder jener Kaffee "aus der ganzen Bohne" gewonnen sei. Das las beispielsweise Leserin Lily L. neulich auf einem leeren Pappbecher, den ein Connaisseur achtlos auf einem Klapptisch eines ICE-Sitzplatzes (Großraum, Fenster, 2. Klasse) zurückgelassen hatte. Man findet den Hinweis aber auch auf Menükarten oder den großen Schiefertafeln in diesen Café-Filialen mit Glasvitrinen voller Bananabread. Warum aber sollte Ganzbohnigkeit eine erwähnenswerte Besonderheit sein? Selbstverständlich stammt Kaffee von Kaffeebohnen. Natürlich waren diese ganz, bevor sie zu Pulver gemahlen wurden. So macht man das, wenn man Kaffee zubereitet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Sinn würde ein Hinweis wie "aus der ganzen Bohne" allenfalls ergeben, wenn der Kaffeeverkäufer mitteilen wollte, dass er für den Inhalt des Bechers nur eine Bohne verwendet hat. Die Betonung läge in diesem Fall auf dem "der" – also der Einzahl. Sonst hätte er ja auch "aus ganzen Bohnen" schreiben können. Was er aber nicht getan hat. Alternativ könnte gemeint sein, dass die Bohnen tatsächlich während der gesamten Zubereitungsphase ganz geblieben sind. Vielleicht hat der Barista ja wirklich nur heißes Wasser über die ansonsten unbeschädigte Bohne gegossen. Möglich wäre das. Und beide Varianten würden erklären, warum manch Flat-White-Latte-Art-Cappuccino trotz teils unverschämt hoher Preise bisweilen so unerklärlich dünn schmeckt.