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EILMELDUNG: "In Syrien hat die Operation Siegebreaker begonnen. Auf Grundlage bestehender Resolutionen des UN-Sicherheitsrats werfen seit gestern westliche Militärflugzeuge Pakete mit Nahrungsmitteln und Medikamenten über syrischen Ortschaften ab, die infolge des Bürgerkrieges von der Außenwelt abgeriegelt sind. Auch die Bundeswehr beteiligt sich an der Operation Ende der Belagerung. Russland soll zugesichert haben, die Rettungsflüge nicht zu behindern."

Schön wär’s! Leider ist fast nichts an dieser Meldung wahr. Es sind keine "Rosinenbomber" für Syrien aufgestiegen. Lediglich einige UN-Hilfskonvois sind in den vergangenen Tagen ins seit Monaten belagerte Madaja durchgekommen, wo bereits mehrere Dutzend Menschen an Unterernährung gestorben sind. Und Wladimir Putin hat keineswegs sein Herz für Syriens Zivilisten entdeckt, sondern gibt den Aufständischen die Schuld, wenn das Assad-Regime die Bewohner oppositioneller Gebiete mit Fassbomben terrorisiert und aushungert.

Nur eines stimmt: Die Resolutionen des UN-Sicherheitsrates gegen Luftangriffe und Artilleriebeschuss auf zivile Wohnviertel sowie für ungehinderte Versorgung mit humanitärer Hilfe gibt es wirklich. Sie wurden einstimmig verabschiedet, aber nie umgesetzt.

Mindestens 400.000 Syrer in über einem Dutzend Städten werden derzeit von verschiedenen Konfliktparteien belagert, zum Teil seit Jahren. Am brutalsten und häufigsten setzen Pro-Assad-Truppen den Hunger als Waffe ein. Aber auch Anti-Assad-Rebellen sowie der "Islamische Staat" machen sich dieses Kriegsverbrechens schuldig.

Zudem leben über vier Millionen Zivilisten in Gebieten, die über den Landweg nur noch schwer oder gar nicht versorgt werden können. Wer also nach den Ursachen sucht, die Syrer weiterhin in die Flucht und nach Europa treiben – hier sind sie.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Doch kein Land hat bislang die Idee einer Luftbrücke bei akuten Katastrophen wie in Madaja auch nur vorgeschlagen. Warum eigentlich nicht?

Zu teuer? Hilfe aus der Luft kostet mehr als Hilfstransporte über Land. Aber sie kostet garantiert nicht so viel wie die 300 Millionen Dollar, die die US-geführte Koalition gegen den "Islamischen Staat" jeden Monat für Bombenangriffe ausgibt.

Zu kompliziert? 2014 versorgten amerikanische und britische Flugzeuge mehrere Tausend Jesiden, die vom IS auf dem Berg Sindschar eingekesselt waren. Es geht also.

Zu gefährlich? Nicht, wenn man Moskau und damit seinem Schützling Baschar al-Assad endlich das Einverständnis zur humanitären Versorgung von Zivilisten abringt.

Womit wir wieder bei Madaja wären, der Kleinstadt nahe Damaskus, deren Verzweiflungsrufe in den vergangenen Tagen die Weltöffentlichkeit aufgerüttelt haben. Der internationale Druck hat Wirkung gezeigt. Jedenfalls kurzfristig. Sowohl die Menschen in Madaja als auch die Bewohner von Orten, die von Rebellen belagert werden, haben Hilfe erhalten. Gleichzeitig spekuliert das Regime, dass die Aufmerksamkeit nun wieder erschlafft – und hat prompt die Belagerungsringe um andere Städte zugezogen.

Rund 400 Menschen in Madaja sind nach Angaben von UN- und Rotkreuz-Helfern vor Ort dem Hungertod so nahe, dass sie sofort zur medizinischen Versorgung ausgeflogen werden müssen. Genau an diesem Punkt könnte die Operation Siegebreaker beginnen: mit dem Transport dieser Menschen in Krankenhäuser der Nachbarländer – in den Libanon, nach Jordanien oder Israel. Natürlich kann das endgültige Ziel nicht die dauerhafte Luftbrücke für Hunderttausende von Syrern sein – die ist in der Tat nicht zu leisten. Ein Ziel muss aber das politische Signal aus Washington, Brüssel, London und Berlin sein, dass man den Schutz der syrischen Zivilbevölkerung endlich ernst nimmt. Und dass man den Friedensverhandlungen zwischen Regime und Opposition am 25. Januar eine Chance geben will. Syriens Opposition hat angekündigt, dass sie nicht erscheinen wird, solange die Belagerungsringe anhalten.

Ohne diese Gespräche kein Waffenstillstand. Ohne Waffenstillstand keine Aussicht auf Frieden. Und ohne Frieden kein Ende des Flüchtlingsstromes.

Gegenüber dem Text in der gedruckten Ausgabe der ZEIT wurde dieser Text leicht aktualisiert.