Die Mainzer Silhouette © DanyD/photocase.de

Den besten Blick auf Mainz hat man von der anderen Rheinseite aus, aber die gehört zu Wiesbaden, also fahren Sie da besser mal nicht hin. Stattdessen spazieren Sie rechts den Hügel hinauf, wenn Sie aus dem Hauptbahnhof kommen. Besagter Hügel ist der Kästrich, das leitet sich vom lateinischen castrum ab und meint ein "befestigtes Lager": Von hier schauten die Römer früher hinab auf Moguntia, und zweitausend Jahre später ist das Panorama immer noch sehr nett. Jetzt haben Sie zwei Möglichkeiten: Entweder marschieren Sie senkrecht in den Kästrich hinein und verbringen den Rest Ihrer Mainzer Zeit mit einer beschwingten Besichtigung der Kupferberg-Sektkellerei. Oder Sie gehen den Hügel hinunter auf die erstbeste Kirchturmkuppel zu.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Mainz ist erzkatholisch; seine Bischöfe waren mächtige Strippenzieher im Deutschen Reich und ließen sich unbescheidene Gotteshäuser bauen. Zum Dom laufen sie alle, Sie aber gehen fünf Minuten bergab nach St. Stephan: von außen eine ganz normale Kirche, drinnen ein Stück Himmel, durchflutet von blauem Licht, das durch Marc Chagalls Fenster scheint. Der Pfarrer von St. Stephan hatte den Künstler in den Siebzigern einfach gefragt, ob er denn nicht, und vielleicht wäre das, und bestimmt sähe das, und obwohl das erst niemand so richtig glauben wollte, hat Chagall dann tatsächlich neun wunderhübsche Fenster geschaffen.

Von St. Stephan sind es fünf Minuten in die Altstadt. Jetzt brauchen Sie gutes Timing: Die Weinstuben öffnen um 16 Uhr und sind um 16.05 Uhr rappelvoll, weil sich die Mainzer Senioren nachmittags grundsätzlich nicht zu Schwarzwälder Kirsch und Kaffee Hag treffen, sondern zu Riesling und Spätburgunder. Also schnell sein! Oder es in einer Stunde versuchen. Dann bekommen Sie zwar noch immer keinen Tisch für sich, werden aber irgendwo dazugequetscht, was in etlichen Teilen Norddeutschlands ein unerhörter Vorgang wäre, in Mainz aber völlig normal ist.

Nach dem Wein geht’s zum Rhein. Den finden Sie, wenn Sie in irgendeine Altstadtgasse mit rotem Straßenschild einbiegen (die mit den blauen verlaufen parallel zum Fluss). Am Ufer halten Sie sich dann links und schlendern vorbei am Landtag, am Schloss und am Rathaus, das Arne Jacobsen entworfen hat, das die meisten Mainzer aber trotzdem gerne abgerissen sähen. Schlendern Sie weiter, es ist schön am Rhein mit seinen Lastkähnen und Ausflugsdampfern. Die Frauenlobstraße bringt Sie über die Hindenburgstraße nach ein paar Hundert Metern zur Neuen Synagoge, einem architektonischen Ausrufezeichen, wie man es eher in Los Angeles vermuten würde. Vielleicht noch in Paris. Oder in Tel Aviv. Aber bestimmt nicht in Mainz.

Ein paar Ecken weiter: der Gartenfeldplatz. Eine Hamburger Frauenzeitschrift hat das Viertel neulich zu einer der hippsten Ecken der Republik gekürt, eine Narretei, die in Mainz mit leise gesummtem Narhallamarsch und dreifachem Helau registriert wurde. Aber nett ist es in den kleinen Cafés und Kneipen, und das Bukafski ist eine Buchhandlung, die zeigt, wie Buchhandlungen in Zeiten von Amazon sein müssen. Holen Sie sich zum Schluss gegenüber noch ein Eis bei N’Eis. Am besten zwei Kugeln. Wenn Sie die aufgegessen haben, sind Sie zurück am Bahnhof.