Der kleine, knallrote Alfa sticht ins Auge, wie er da direkt vor dem Eingang der Armenküche auf der 109. Straße am Rande des New Yorker Bezirks Harlem parkt. Dutzende Menschen haben sich an diesem Dienstagmorgen hier angestellt; es ist Weihnachten, neben ein paar Lebensmitteln gibt es heute Geschenke. Aus der Seitentür der Einrichtung kommt eine Frau, die eher in eine der nobleren Ecken Manhattans passt: Die blonden Haare fallen in frisch geföhnten Wellen über die Schulter, sie trägt einen schwarzen Wollmantel, schwarze Strümpfe, schwarze Lederschuhe mit schmalen, hohen Absätzen. Daniella Schlisser begrüßt mit Küsschen links und rechts, wie sich das eben gehört für eine 50-jährige Wienerin aus gutem Haus. "Servus", sagt sie mit einer Stimme, die eine Oktave tiefer ist als erwartet.

Ihren Arbeitsalltag verbringt die Immobilienmaklerin mit Menschen, bei denen Geld keine Rolle spielt. Doch der Dienstagmorgen gehört den Ärmsten der Stadt: Seit mehr als einem Jahr serviert sie das Frühstück in der New York Common Pantry. Sie brauche das, um den Bezug zur Realität nicht zu verlieren, erklärt sie auf der Fahrt durch Manhattans Straßenschluchten zu ihrem Büro. Einfach ist das nicht, denn die meisten ihrer Kunden kommen aus der Finanzelite oder dem alten Geldadel der Metropole. Sie verkaufen ein Penthouse, um ein größeres zu erwerben, oder zahlen siebenstellige Beträge für ein Apartment, das anschließend leer steht. Aufsehen erregt man hier nur noch mit Verkäufen wie dem im vergangenen Frühjahr, als Hedgefonds-Milliardär Bill Ackman ein Penthouse für 100 Millionen Dollar erwarb. "Die Ziffern sind so astronomisch, es schockiert mich noch immer", sagt Schlisser. Immer wieder erwische sie sich dabei, wie sie "absurde Sachen" sage – etwa, wenn sie eine Zweizimmerwohnung für zwei Millionen Dollar als "Schnäppchen" anpreise. Ihr eigener Rekord liegt bei 26 Millionen. Sie ist eine der erfolgreicheren New Yorker Maklerinnen. Und dabei war das Immobiliengeschäft für die studierte Politologin nur eine Notlösung, als sie vor 13 Jahren mit ihren drei Kindern alleine dastand.

An ihrem Alfa, den sie seit 1984 fährt, lugt noch das alte Wiener Nummernschild unter dem New Yorker Kennzeichen hervor. Mit acht Jahren ist sie von New York zu ihrer Mutter nach Wien gezogen, um für ein Jahr die American International School im 19. Bezirk zu besuchen. Dann zog sie zurück zum Vater, der nach der Scheidung in Amerika geblieben war. Als er starb, holte ihre Mutter, selbst Amerikanerin, aber "eine Wienerin durch und durch", sie zurück nach Österreich. Schlisser spricht mit starkem Wiener Akzent. Viertel heißen bei ihr "Grätzel", und wenn sie vom Spaß in ihrem Job spricht, sagt sie, es sei "a Hetz". Mindestens einmal im Jahr ist sie in Wien, um ihre Mutter zu besuchen, die heute im 13. Bezirk wohnt.

Die österreichische Erziehung schlägt im Umgang mit den New Yorkern oft durch. In E-Mails bleibt sie förmlich, bis ihr Gegenüber den Vornamen verwende. Nur die Wiener Gemütlichkeit hat sie abgestreift. Sechs Tage pro Woche arbeitet Schlisser, ihr Tag beginnt früh und endet spät. Bis zu zwanzig Wohnungen besichtigt sie täglich. Abschalten fällt ihr schwer. "Ich weiß nicht, ob das eine gute Entwicklung ist", sagt sie und verfällt wie so oft in ein lautes, kräftiges Lachen.

Ihr Büro befindet sich im 12. Stock direkt an der prestigeträchtigen Park Avenue. Auf zwei Etagen hat hier die Immobilienfirma Brown Harris Stevens ihre Räume. Auf die Fenster prasselt an diesem Vormittag der Regen, dahinter fällt der Blick auf einige der teuersten Immobilien der Stadt. Wenige Blocks entfernt ragt die abgerundete Spitze des One57 in den grauen Winterhimmel, jenes Wolkenkratzers, in dem sich auch Ackmans 100-Millionen-Dollar-Penthouse befindet.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 03 vom 14.01.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Schlissers Büro ist karg eingerichtet: Beige Büromöbel, ein schwarzer Schreibtischstuhl, viel mehr gibt es nicht. Es sieht aus, als könne sie jederzeit ein anderes beziehen, ohne viel einpacken zu müssen. Nur an der Wand über ihrem Schreibtisch hängen Bilder ihrer drei Kinder, eines Apartments in Paris, das sie eines Tages gern hätte, und ein Foto des Wiener Grabens, den sie ihrem jüngsten Sohn häufiger zeigen will, weil der "zu sehr Amerikaner" sei, wie sie sagt. Dass keines ihrer Kinder Deutsch spricht, schmerzt sie. Das Foto vom Brandenburger Tor erinnert an die Reise nach Berlin, die sie ihrem Ältesten zum Uni-Abschluss geschenkt hat und für die, wie so häufig, noch keine Zeit war. Daneben hängt ein Symbolbild für einen Fitnesskurs, den ihre Tochter gemeinsam mit ihr machen will, der in New York aber "wahnsinnig viel" koste. Ab und zu müsse sie den Kopf heben, um sich zu erinnern, warum sie so ruhelos, fast rund um die Uhr schuftet, erklärt sie. "Das ist meine Motivations-Collage."

Nach dem Studium in Wien und Paris heiratete sie mit gerade 20 Jahren einen Franzosen. Sie arbeitete zwei Jahre lang für die Nachrichtenagentur Associated Press und half später dem US-Designer Ralph Lauren, seinen ersten Laden in Paris zu eröffnen. Es waren gute Jahre, an die sie sich gern erinnert. Fünf Jahre später zerbrach die Ehe, sie ließ sich scheiden und zog nach New York. Schlisser war kaum angekommen, da lernte sie ihren zweiten Mann kennen. Nach drei Kindern und zehn gemeinsamen Jahren stellte sie fest, dass ihr Mann das gemeinsame Geld über die Jahre mit zweifelhaften Investitionen verbrannt und zahllose Anleger mit in den Abgrund gerissen hatte.

Sie ließ sich scheiden und musste mit drei Kindern in New York von vorne anfangen, da war sie 39 Jahre alt.

"Ich brauchte schnell einen Beruf, in dem ich zeitlich flexibel war und Geld machen konnte, ob es mir gefällt oder nicht, war mir egal", erzählt sie. Der Maklerberuf war Mittel zum Zweck. Jeden Sonntag wühlte sie sich durch den Immobilienteil der New York Times und klopfte an Türen von Wohnungen und Häusern, die zum Verkauf standen, um die Verkäufer als Kunden zu gewinnen.