Die Schriftstellerin Marie Darrieussecq © Ji-Elle / Wikipedia

Amerikanischen Liebesaffären macht häufig die Feststellung ein Ende: "Er hat mich nicht zurückgerufen." Die Amour fou der französischen Hollywoodschauspielerin Solange in Marie Darrieussecqs Roman Man muss die Männer sehr lieben fängt damit erst an: "Sie wartete auf einen Mann", heißt es, "ihr Warten war der Beweis seiner Existenz." Eine zeitgemäße Lebenseinstellung findet so eine Leidenschaft ungesund. Das Machtgefälle zwischen einem, der sich rarmacht, und einer, die wartet, ist ein mieses Klischee in der Liebe. Und fesselt doch immer wieder, auch an dieses Buch. Was mit der Vorstellung zu tun hat, dass Ungleichheit ultimativ romantisch ist.

Als Solange den Erwarteten endlich im Bett hat, sagt sie ausgerechnet: "I love your skin." Für eine "durchscheinende Französin" eine sinnliche Bemerkung. Für ihn, Kouhouesso, einen in Kamerun geborenen Kanadier, der als Schauspieler und Regisseur in Hollywood lebt, ist es ein Thema. Er ist schwarz, sie fürchterlich weiß. In ihrem Wunsch nach Verschmelzung bemerkt Solange erst den Rassismus ihrer Umgebung. Und den eigenen, in der Romantisierung der Unterschiedlichkeit positiv verschleierten.

Den Titel dieses Romans hat Darrieussecq, die in Frankreich viel gelesen und selten ins Deutsche übersetzt wird, einem Interview mit Marguerite Duras entnommen. Vollständig heißt es: "Man muss die Männer sehr lieben. Sehr, sehr. Sehr lieben, um sie lieben zu können. Sonst ist es nicht möglich, sonst kann man sie nicht ertragen." Neben der schwülstigen Duras nennt Darrieussecq Nathalie Sarraute als Vorbild ihres Schreibens. Deren essayistische Tropismen erforschen, welche Form Gefühle unter dem Druck von Konventionen annehmen. Entsprechend ist Man muss die Männer sehr lieben in seinem neugierigen Ton ein Experiment, zwei Tropen übereinanderzulegen: die Selbstvergessenheit in der Liebe und die Entfremdung im Rassismus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Als ihr dafür der Prix Médicis verliehen wurde, dankte Darrieussecq mit der Bemerkung, der Rassismus sei im Kolonialzeitalter eine Ausrede für die Ausbeutung der Schwarzen gewesen. Heute stehe er für die Angst der deklassierten Weißen, selbst schwarz zu sein, also zu den Ausgebeuteten der Welt zu gehören. Womöglich ist die Lust der Romanfigur Solange, sich in der Liebe zu Kouhouesso aufzulösen, mit dieser Angst verwandt. Wobei dieser Mann genügend von sich selbst eingenommen ist, um ein solches Liebesopfer weder zu verlangen noch sich sehr dafür zu interessieren. Also lässt er sie hängen, und sie, das privilegierte Starlet, kann es sich leisten zu warten.

In der zweiten Hälfte des Romans reist sie ihm schließlich nach Kamerun hinterher, wo er Conrads Herz der Finsternis verfilmen will. Ein Projekt, an dem schon Orson Welles gescheitert ist und Francis Ford Coppola irre wurde. Man nebelt den Urwald mit Insektenschutzmittel ein, George Clooney und Vincent Cassel spielen Nebenrollen im Film und damit im Roman.

Bis zuletzt fürchtet man, diese Geschichte werde unter der Wiedererkennbarkeit ihrer Motive ersticken. Aber weil Darrieussecq dabei auf jede Selbstsicherheit verzichtet, glückt der Erzählversuch. Und der gefühlsmutigen Solange wird auf bezeichnende Weise der Wunsch erfüllt, im Chaos der Selbstverwirklichung des Liebhabers zu verschwinden.

Marie Darrieussecq: Man muss die Männer sehr lieben. Roman; Hanser Verlag, München 2015; 256 S., 21,90 €, als E-Book 16,99 €