Demonstranten vor einer McDonald's-Filiale in Miami im November 2015. © Joe Raedle/Getty Images

McDonald’s soll seine Marktmacht in Europa missbraucht und damit den eigenen Franchisenehmern und Verbrauchern geschadet haben. Das jedenfalls berichtete der Gewerkschaftsverband Service Employees International Union (SEIU) am Dienstag in Brüssel. Gemeinsam mit drei italienischen Verbraucherorganisationen will SEIU Kartellbeschwerde bei der Europäischen Kommission erheben, was eine Geldbuße von neun Milliarden Dollar bedeuten könnte. McDonald’s sei nämlich "der größte Franchisegeber und Immobilienbesitzer weltweit". Seinen Franchisenehmern, die formal unabhängige Unternehmer sind, habe der Konzern die Restaurantimmobilien aber zu Wucherpreisen "teilweise zehnmal über dem Marktpreis" vermietet. Der entstehende ökonomische Druck habe dort zu miesen Arbeitsbedingungen und schlechter Essensqualität geführt.

Seit Jahren schon kämpft die in Washington beheimatete SEIU zusammen mit südamerikanischen und europäischen Gewerkschaftsverbänden gegen McDonald’s. Sie wollen Löhne und Arbeitsbedingungen für die 1,9 Millionen Menschen verbessern, die weltweit im Zeichen der golden arches Burger grillen und Pommes frittieren. Die Brüsseler Aktion ist dabei nur ein Teil einer größeren, global orchestrierten Kampagne. Die Strategie dahinter haben sich die Gewerkschaften ausgerechnet bei ihren Gegnern abgeschaut: Internationale Konzerne lassen ihre Gewinne in Ländern anfallen, in denen sie die geringsten Steuern zahlen. Und so greifen auch Gewerkschaften dort an, wo sie sich den größten Erfolg versprechen. Es sind erste Anzeichen einer sich globalisierenden Arbeiterbewegung.

Im McDonald’s-Hauptquartier in Oak Brook im US-Bundesstaat Illinois war kein Vorstandsmitglied zu einem Interview über das Thema bereit. Eine Konzernsprecherin aus London sagte auf die Vorwürfe lediglich, dass McDonald’s seine Franchisenehmer unterstütze: "Der Ansatz, Risiken und Chancen miteinander zu teilen, ist seit vielen Jahren erfolgreich und hat dazu beigetragen, das Beste für Franchisenehmer und Kunden zu erreichen."

McDonald’s ist ein perfekter Gegner für globale Kampagnen. Die Marke ist in mehr als 100 Ländern bekannt. Trotz rückläufiger Geschäftszahlen setzte der Konzern 2014 immer noch mehr als 27 Milliarden US-Dollar um und erzielte einen Nettogewinn von 4,8 Milliarden Dollar. Und während die Vorstandschefs in den Listen der bestverdienenden US-Manager auftauchen, ist "McJob" heute weltweit ein Synonym für schlecht bezahlte Arbeit.

Hinter der Kampagne aus Brüssel steckt ursprünglich nicht einmal ein europäisches Ziel. Alles hat mit der "Fight for 15"-Bewegung zu tun, mit denen SEIU und andere einen Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde in den Vereinigten Staaten erkämpfen wollen. Seit Jahren organisiert SEIU Demonstrationen gegen McDonald’s und andere Fast-Food-Ketten, zum Beispiel im Bundesstaat New York – mit Erfolg. Noch vor Kurzem bekamen Mitarbeiter in Schnellrestaurants dort im Schnitt nicht mehr als neun Dollar pro Stunde. Doch Ende 2015 verkündete der demokratische Gouverneur Andrew Cuomo, dass der Mindestlohn für die 200.000 Beschäftigten in der Fast-Food-Branche bis 2021 schrittweise auf 15 Dollar angehoben werde.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

So soll das nun weitergehen, in den USA und anderen Ländern. Auch in Brasilien hat SEIU mit massiven Demonstrationen im vergangenen Jahr erzwungen, dass sich der Kongress mit den Arbeitsbedingungen bei McDonald’s befasst. Die Siege in einem Land werden als Waffe in anderen Kämpfen benutzt – das ist der Gedanke hinter der Kampagne.

Auch das klassische Gegenargument von McDonald’s nehmen die Gewerkschaften auseinander: Kritik an Arbeitsbedingungen konterte der Konzern bislang mit dem Hinweis, dass die meisten Mitarbeiter bei seinen Franchisenehmern beschäftigt seien. Nur 18 Prozent der weltweit 36.000 Restaurants betreibt McDonald’s in Eigenregie. Im Heimatmarkt USA ist der Anteil sogar nur halb so groß. Schon Ende 2014 wetterte der Konzern gegen eine "von Gewerkschaften finanzierte Kampagne". Damals begann die staatliche Arbeitsrechtsbehörde NLRB nämlich, McDonald’s und seine Franchisenehmer trotzdem als "gemeinsame Arbeitgeber" anzusehen. Damit wären nicht nur Tausende Franchisenehmer, sondern wäre auch McDonald’s selbst der Verhandlungspartner für Gewerkschaften. Der Streit ist aber noch nicht endgültig geklärt.

Auch in Brüssel ist SEIU bekannt. Anfang 2015 griffen Gewerkschaften McDonald’s wegen seiner Firmenstruktur an, die europäische Regierungen um "mehr als eine Milliarde Euro Steuereinnahmen" gebracht hätte. Zwar sind Steuern eigentlich kein klassisches Gewerkschaftsthema – als Schlag gegen den Lieblingsgegner taugen sie dennoch. Und völlig aus der Luft gegriffen scheinen die Vorwürfe auch nicht zu sein: Anfang Dezember leitete die EU-Kommission ein "beihilferechtliches Prüfverfahren zur steuerlichen Behandlung von McDonald’s in Luxemburg" ein. Dortige Finanzbehörden sollen 2009 den Weg dafür bereitet haben, dass McDonald’s in den Folgejahren trotz hoher Gewinne keine Körperschaftsteuer in Europa gezahlt habe. Ein möglicher Verstoß gegen europäische Beihilferegeln.

Auch darauf kann McDonald’s mittlerweile bloß noch reagieren. Man halte sämtliche europäischen Steuervorschriften ein und zahle eine signifikante Summe an Körperschaftsteuern, teilte eine Sprecherin auf Anfrage mit. Die zu McDonald’s gehörenden Gesellschaften in der EU hätten "zwischen 2010 und 2014 mehr als 2,1 Milliarden Dollar Körperschaftsteuern gezahlt, bei einem durchschnittlichen Steuersatz von fast 27 Prozent".