Frage: Bei Missbrauch steht meistens die katholische Kirche im Fokus. Sie wurden im evangelischen Windsbacher Knabenchor drangsaliert.

Andreas Ebert: Gegen die Vorkommnisse in Regensburg war das in Windsbach vergleichsweise harmlos. Dort ist mir kein Fall sexuellen Missbrauchs bekannt. Doch es gab auch bei uns ein System der Gewalt. Delinquenten wurden vom Internatsleiter übers Knie gelegt und mit der Peitsche behandelt. Sein Nachfolger hat im Jähzorn brutal zugeschlagen. Unser Chorleiter wandte selten körperliche Gewalt an. Das lief vor allem auf der psychischen Ebene ab. Für ihn waren wir "Stimmmaterial". Wenn wir versagten, wurden wir erniedrigt.

Frage: Sie wurden geschlagen?

Ebert: Ich habe im Gegensatz zu anderen von einem Lehrer höchstens mal eine Ohrfeige gekriegt. Die körperliche Gewalt war unter den Schülern wesentlich schlimmer – und sie wurde von oben geduldet und durchgegeben. Es war ein perfides System. Die 15-Jährigen wurden zu Gruppenleitern in den großen Schlafsälen und hatten sechs bis sieben Jüngere unter sich. Wenn einer geschwätzt hat, musste er antreten, die Hände an die Hosennaht, Augen zu, bis zehn zählen. Ob er eine geklebt bekam oder nicht, war reine Willkür. Da hat man sich nicht beschwert.

Frage: Sie sind trotz Missbrauchsgeschichte Pfarrer geworden.

Ebert: Für mich waren diese Erfahrungen ein Beispiel dafür, wie Kirche nicht sein sollte. Ich dachte: Jesusmäßig ist das nicht. Ich wollte die Kirche ändern.

Frage: Von einem Knabenchor werden Höchstleistungen erwartet. Ist das nur mit einem gewissen Drill möglich?

© Christ & Welt

Ebert: Damals wurde behauptet, es gehe nur mit Drill. Der Chorleiter nannte das "Schrottveredelung". Nicht gerade ermutigend. Aber es ist wie im Sport: Wenn du zur Spitze gehören willst, dann verlangt das wahnsinnige Opfer. Das war uns bewusst. Der Drill wurde durch den Stolz und das Zugehörigkeitsgefühl teilweise aufgehoben. Was wir musikalisch gelernt haben, ist ja auch ein Schatz fürs Leben. Ohne das System der Gewalt hätte ich das nicht.

Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen Autorität und autoritär?

Ebert: Lehrer und Eltern brauchen Autorität. Erziehung ist immer beides: Fördern und Fordern. Aber die Wertschätzung und Liebe zum Kind muss spürbar sein. Kinder wollen etwas leisten und etwas Tolles auf die Beine stellen. Manche machen es sportlich, andere finden sich in der Musik wieder. Wenn Kinder nicht gefördert und gefordert werden, verkümmert auch viel im Leben.

Frage: Und wo hört das Fördern und Fordern auf?

Ebert: Wenn es zu einem System aus Lohn und Strafen wird. Wo die Würde des Kindes angetastet und eine Person erniedrigt wird. Das war in Windsbach häufig der Fall, wenn man nicht die erwünschte Leistung gebracht hat. Autoritär bedeutet Befehl, Gehorsam und Strafe. Das kann physisch geschehen. Die psychische Form ist aber auch nicht zu unterschätzen, wenn dich der Chorleiter angrinst und du zum 20. Mal eine Stelle falsch singst und er dann vor allen sagt: "Wenn du nicht bis Ostern einwandfrei vom Blatt singst, kannst du gehen." Das ist keine sexuelle und körperliche Gewalt, aber es ist menschenverachtend. Bei mir hat es nackte Angst erzeugt.

Frage: Brauchte es die Erfolgserlebnisse mit dem Chor, um verzeihen zu können?

Ebert: Die Auftritte waren toll, aber auch der Ruhm war zwiespältig. Es wurde ja selbst nach den wunderbarsten Konzerten nicht gelobt. Lob gehörte nicht zum pädagogischen Konzept. Das Wertvolle dieser Zeit war die Begegnung mit Bach, Schütz – die geistliche Musik. Bis heute lebe ich von diesen Schätzen. Und es gab eine starke Identifikation mit dem Chor. Daraus speiste sich paradoxerweise unser späterer Widerstand. Wir wollten dabei sein und auch dabeibleiben. Wir haben diesen Chor und letztlich auch unseren Chorleiter geliebt. Nur die Übergriffe wollten wir nicht mehr.

Frage: Hatten Sie Verbündete unter den Lehrkräften?

Ebert: Ja. Unser Physiklehrer veranstaltete zum Beispiel bei sich zu Hause einen philosophischen Arbeitskreis. Da konnten wir aufatmen und uns auskotzen. Bei einem jungen Referendar durften wir rauchen. Wir haben ihn heimlich geduzt. Diese Kleinigkeiten waren wichtig. Da gab es Menschen, die uns spüren ließen, dass sie auf unserer Seite sind.

Frage: Aber Ihre Verbündeten kannten und duldeten das Gewaltsystem.

Ebert: Sie haben es im Kleinen bekämpft und dann auch mit uns Widerstand geleistet. Ein Vikar, der auch Präfekt war, hat unseren Eltern einen Brief geschrieben. Er flog daraufhin leider raus. Ihm wurde kirchlicherseits übelgenommen, dass er eine andere Position bezog als die der Landeskirche und des damaligen Landesbischofs Dietzfelbinger. Die hatten sich hinter das autoritäre System des Chorleiters gestellt.

Frage: Um den Chor zu retten?

Ebert: Ja. Man hat ihm keinerlei Auflagen gemacht und keine Kritik an seinen Erziehungsmethoden geäußert.

Frage: Das klingt nicht gerade nach vorbildlicher Aufklärung.

Ebert: Nein, vorbildlich war das nicht. Der Umbruch kam nach einer Schülerrebellion im Jahr 1968. Das Jahr war ein deutlicher Einschnitt – auch in der Kirche, sowohl auf evangelischer als auch auf katholischer Seite. Das autoritäre Regime wurde nicht mehr geduldet. In Regensburg lebte der Stil allerdings bis in die Neunzigerjahre weiter.