Bis heute gilt Somalia als Brutstätte des Islamismus, als Basis für Terroroperationen in ganz Ostafrika. Abwerbeversuche des IS haben die Al-Shabaab-Führer kürzlich damit beantwortet, dass sie eigene Kämpfer enthaupteten, die mit dem Kalifen im fernen Irak sympathisierten. Die internationale Staatengemeinschaft hält sich zurück. Seit dem letzten großen Eingriff 1993 unter der Führung der Amerikaner hat die Welt Mogadischu aufgegeben, jene einst prunkvolle, lebendige Hafenstadt mit ihren Villen, Bars und Restaurants am Indischen Ozean.

Doch nun macht sich leise Hoffnung breit, dass der Frieden wachsen und der Aufschwung halten könnte. Es gibt wieder Straßenbeleuchtung, es gibt überhaupt Straßen, eine Müllabfuhr, Strom, Internet. Es gibt Geschäftsstraßen, Telekommunikationskonzerne, eine Bank, und bald soll das erste Mal ein somalisches Fußballspiel live im Fernsehen gezeigt werden.

Der Koch und Restaurantbesitzer Ahmed Jama kam vor dem Aufschwung, er kam für den Aufschwung nach Somalia zurück. Er hatte das Land 1988 verlassen. In Tansania hatte er für 500 Dollar einen gefälschten Pass gekauft und war nach England ausgewandert. Er hatte eine Münze auf die Landkarte Englands geworfen und war ihr gefolgt, nach Exeter. Dort lernte er Koch, später eröffnete er in London mehrere Restaurants. Je länger er blieb, desto öfter bemerkte er an sich selbst, was er an vielen Exil-Somaliern beobachtete: Wenn man sie fragte, woher sie kommen, sagten sie: England, Italien, USA. Aber nie: Somalia.

Schließlich lernte Jama den Sohn eines Holocaustüberlebenden kennen, der ihn dazu bewegte, die Sicherheit Englands zu verlassen: der Direktor eines Krankenhauses, in dem Jama kochte. Dessen Großvater, ein deutscher Jude, hatte sein Heimatland nie verlassen. "Die Leute fragten ihn: Warum bleibst du in einem Land, das dir das angetan hat? Und er antwortete: Wenn ich gehen würde, hätte der Hass gewonnen. Und er sagte zu mir: Geh zurück in dein Land, lass den Hass nicht gewinnen." Jama folgte dem Rat.

Heute, in Mogadischu, spürt Jama die Anspannung, die über der Stadt liegt. Natürlich habe er Angst, sagt er. Wer habe die nicht. Er schickt Angestellte, um Einkäufe zu erledigen. Sie stehen nicht auf der Liste – der Todesliste von Al-Shabaab. Jama schon. Die Anrufe haben wieder zugenommen. Kurze Anrufe von Al-Shabaab. "Wir haben dich nicht vergessen", mehr würden sie nicht sagen, erzählt Jama. Einen Mann, der Lebensfreude propagiert, Musik spielt und bei dem die Gäste tanzen dürfen, wollen die Islamisten nicht dulden.

Einen Tag zuvor zündeten die Gottesmänner von Al-Shabaab eine Bombe im Auto einer Journalistin, eine weitere im Auto einer Universitätsangestellten. Einige Tage später werden sie eine UN-Mitarbeiterin und eine Angestellte einer lokalen NGO in ihrem Auto erschießen. Bis heute wird Mogadischu das Stalingrad Ostafrikas genannt. Doch wenigstens ist der Tod einer Journalistin heute ein Thema. Als Ahmed Jama 2008 in die Stadt zurückkam, bedeutete ein Toter gar nichts.

Al-Shabaab kämpfte damals gegen Truppen aus Äthiopien, die die Übergangsregierung unterstützten. Straße um Straße, Block um Block. Jama kam mit 50.000 Dollar, die er in seiner Zeit in London zurückgelegt hatte. Er kam, um, wie er sagt, "einen Anfang zu machen".

Im Sahafi-Hotel traf er die Warlords. "Sie dachten, ich müsse mit Millionen Dollar gekommen sein. Dachten, ich wolle Kohle oder Benzin oder Zucker schmuggeln." Als er sagte, er habe 50.000 Dollar und wolle ein Restaurant eröffnen, lachten sie. Als er es wiederholte, lachten sie wieder. Als er für sie kochte, liebten sie sein Essen. Somalier essen gern Pasta und Fleisch. An Fisch haben sie sich noch immer nicht ganz gewöhnt. In der traditionellen somalischen Gesellschaft zählte ein Fischer fast nichts. Wer es zu etwas gebracht hatte, servierte seinem Gast Kamelsteak oder Ziegenrippchen.

Man kann den 45-jährigen Ahmed Jama als Pionier betrachten. Oder ihn für einen Irren halten, so wie es seine Frau tut, die zwar mit den Kindern nachgekommen ist, aber kein Wort mehr mit ihm redet als nötig, genau wie seine Töchter. Die Liebe seiner Nächsten, er hat sie seinem Land und seinem Traum geopfert. Ein paar Mal haben ihn seine Frau und seine Kinder besucht, aber immer wieder zog es sie zurück nach England. Zu groß war der Graben zwischen der Weltmetropole London und dem Loch, in das ihr Vater gezogen war. Dann aber hatte Jamas Frau Angst, er könnte sie betrügen. Sie nahm die Kinder und zog nach Mogadischu. Jetzt lebt die Familie in getrennten Zimmern, in einer Art privatem Kriegszustand.