Als Patricia Kopatchinskaja und Teodor Currentzis mit seinem Orchester MusicAeterna in der Laieszhalle Beethovens Violinkonzert spielten – auf historischen Instrumenten –, blieb kein Ton auf dem anderen.

Adieu, ihr lieb gewordenen Hörgewohnheiten, die ihr Beethoven als Klassiker aller Klassiker auf einen ehernen Sockel gewuchtet habt!

Adieu, ihr Klangschmalzlocken, die ihr seit 70 Jahren unsere Ohren verstopft!

Und adieu vor allem, liebe Rituale, die ihr das Heil der Musik auch im 21. Jahrhundert in der Wiederholung des Immergleichen sucht.

Die Moldawierin und der Grieche. Die Geigerin, die barfuß spielt (was ihr anfangs als PR-Gag ausgelegt wurde, inzwischen aber als künstlerische Notwendigkeit akzeptiert wird), und der Dirigent, der sich in Perm kurz vorm Ural sein eigenes Musik-Imperium erschaffen hat, mit Opernhaus, Orchester, Chor, Ballett und jeder Menge durchreisender Stars.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Schöne, die nicht allzu viel auf schöne Töne gibt, und der Mystiker. Das Migrantenkind und der Glückssucher. Die Anarchistin und der Revoluzzer. Was für ein Traumpaar! Fast wundert man sich, dass diese beiden Ausnahme-Erscheinungen des Musikbetriebs nicht schon früher zueinandergefunden haben, magnetisch angezogen von der Unbeugsamkeit des jeweils anderen.

Jemanden wie Patricia Kopatchinskaja, dem Konventionen wenig bedeuten, müsste eine Stadt wie Hamburg eigentlich brüskieren (und jemanden wie Teodor Currentzis erst recht). Diese Stadt mit ihrem so sehr gediegenen klassischen Musikleben, ihrem so sehr bürgerlichen Publikum und ihren verlässlichen Abo-Programmen: Wie verträgt sich das mit einem derart flammenden Künstlerinnenherz?

Bei Kopatchinskaja hört man tobenden Schmerz, die Motorik des Wahnsinns

Kopatchinskaja ist in dieser Saison artist in residence bei den Elbphilharmonie-Konzerten, vier Auftritte (eigentlich fünf, aber dann zwang eine Sehnenscheidenentzündung sie im November und Dezember zum Pausieren) präsentieren sie in all ihren Facetten: mit russischer und mit deutscher Literatur, mit alter und mit neuer Musik, als Solistin mit Orchester und als Kammermusikerin. "Eine Residenz ist wie ein Garten", schwärmt die 38-Jährige, und man sieht sie förmlich im Grün herumhüpfen, säen, düngen, zupfen, Unkraut rupfen, ernten. "Man schaut nach der Sonne und danach, ob es genug regnet, und dann wachsen in diesem Garten die unterschiedlichsten Geschöpfe heran. Das ist toll."

Fragt sich nur, ob diese Geschöpfe im besagten Garten auch wirklich Platz haben. Ist Hamburgs Musikleben vielleicht längst viel besser und das heißt: lebendiger, mutiger, experimenteller als sein Ruf? Dann wäre Kopatchinskaja so etwas wie der klingende Beweis dafür. Oder ist das Engagement der "Wildsau unter den klassischen Geigern" (Die Welt) lediglich eine Behauptung, eine Willensbekundung, ganz so wie man Hamburg ja auch die Elbphilharmonie immer noch nicht ganz zutraut? Dann wäre Kopatchinskaja das Feigenblättchen, das es braucht, um an der Behauptung weiter festzuhalten.

Oder aber – und das würde zu der heutigen Wahl-Schweizerin am besten passen – sie ist die Galionsfigur eines sich ankündigenden Imagewandels. "Die Sterne sind nahe, aber auch sehr weit", lautete hierzu ein typischer Kopatchinskaja-Satz. Ein anderer: "Je mehr man sich ein Haus baut, desto weniger Türen gibt es nach außen."