DIE ZEIT: Herr Wallner, Sie kennen das Bistum Regensburg gut: 22 Jahre gehörten Sie dem Diözesanrat an, einem katholischen Laiengremium, das dem Bischof beigeordnet war. Jetzt fordern Sie den Rücktritt des Generalvikars Michael Fuchs. Warum?

Fritz Wallner: Weil die Bistumsleitung schon lange gewusst oder zumindest geahnt haben muss, dass die Zahl der Gewalttaten gegen Domspatzen eklatant war und damit auch die Zahl der Täter. Trotzdem wurde immer wieder so getan, als handele es sich um Einzelfälle. Vor fast sechs Jahren versprach der damalige Bischof Gerhard Ludwig Müller: Was in den vergangenen Jahrzehnten durch einzelne Erzieher, Lehrer und Bedienstete den Chorknaben angetan wurde, muss lückenlos aufgeklärt werden. Doch dann wurde die Aufklärung verschleppt, auf Anzeigen nicht reagiert. Erst in den letzten acht Monaten hat der Sonderermittler Ulrich Weber einen Großteil der Fälle zusammengetragen: Es sind ungefähr dreimal so viele wie bislang behauptet.

ZEIT: Derzeit liegen allein 231 Meldungen über körperliche Attacken und 64 Meldungen über sexuellen Missbrauch vor. Und das ist nur der Zwischenbericht. Sind Sie überrascht vom Ausmaß der Gewalt?

Wallner: Ja. Ich bin überrascht und entsetzt, obwohl ich selber ein betroffenes ehemaliges Chormitglied der Domspatzen kenne. Und obwohl es in meiner Schulzeit noch normal war, dass Lehrer den Stock einsetzten. Aber ich nehme erst jetzt voller Trauer zur Kenntnis, wie viel Unrecht im weltberühmten Chor passiert ist.

ZEIT: Sie waren zwei Jahre lang Vorsitzender des Diözesanrates. Haben Sie in der Zeit nie von Gewalt gegen Domspatzen gehört?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Wallner: Nein. Allerdings wurde der Diözesanrat, der seit 1968 existierte, bereits im Jahr 2005 vom damaligen Bischof Müller aufgelöst. Mir hat er das passive Wahlrecht aberkannt, weil ich angeblich die Meinungsfreiheit überstrapaziert hatte. Rückblickend sehe ich es so: Kritik von Laien war dem Bischof suspekt. Man wollte das Heft des Handelns wieder allein in die Hand nehmen. Und das verärgerte nicht nur das Kirchenvolk, sondern erwies sich auch für die innerkirchliche Missbrauchs-Aufklärung als fatal.

ZEIT: 2002 kam die öffentliche Debatte über Missbrauch durch Priester in den USA in Gang.

Wallner: Für Deutschland begann eine echte Offenlegung erst durch Pater Klaus Mertes im Januar 2010. Aber in Regensburg verhinderte ein System aus klerikaler Selbstherrlichkeit und mangelndem Respekt, dass die Taten schnell ans Licht kamen. Das lag meiner Meinung nach vor allem an Bischof Müller, dem heutigen Kardinal und Chef der Glaubenskongregation. Und sein Generalvikar Fuchs trug als Stellvertreter und Leiter der Diözesanverwaltung eine Mitverantwortung für die Verschleppung. Deshalb muss er zurücktreten.

ZEIT: Als Regensburger Bischof besuchte Gerhard Ludwig Müller schon im März 2010 das Domspatzen-Gymnasium. Er wurde mit Beifall empfangen und nannte Missbrauch und Körperverletzung große Verbrechen. Was lief danach schief?

Wallner: Die Leitung des Chores drängte dem Vernehmen nach auf Aufklärung, aber die Leitung des Bistums bremste. Viele Betroffene wären sonst viel eher gehört worden. Leider: Das System Regensburg verhinderte, dass die Wahrheit ans Licht kam.

ZEIT: Das Bistum zahlte Opfern Entschädigung.

Wallner: Sie sollten 5.000 Euro bekommen, hatte die Deutsche Bischofskonferenz angekündigt. Daraus wurden später in Regensburg 2.500. Doch die Höhe des Betrages ist nicht entscheidend, sondern der Umgang mit Betroffenen. Wie kann es sein, dass das Bistum vor einem Jahr nur 72 Fälle kannte, also zwei Drittel der jetzt ruchbar gewordenen Fälle nicht? Webers Bericht zeigt, dass sich Regensburg abgeschottet haben muss. So wurden keinerlei Akten über polizeiliche Ermittlungen gefunden. Wie ist das möglich, wenn nach neuestem Kenntnisstand zwischen 1945 und 1992 etwa 30 Prozent der Schüler von körperlicher Gewalt betroffen gewesen sein sollen? Wir wissen jetzt von 42 Beschuldigten, und wir wissen auch, dass 14 Täter Jungen sexuell missbraucht haben sollen. Mir erscheint es geradezu als Hohn, wenn Generalvikar Fuchs nun bald einem beratenden Kuratorium angehören soll, das das weitere Vorgehen plant.

ZEIT: Die Domspatzen haben doch noch einen Sonderermittler bekommen, der sich tatkräftig für sie einsetzt. Wie ist die Stimmung in Regensburg?

Wallner: Der Unmut im Kirchenvolk über das Verschweigen und die Betroffenheit über die Enthüllungen sind groß. Aber es gibt auch eine Erleichterung, dass der Anwalt ohne falsche Rücksichten reinen Tisch macht. Sicher spielte dabei der Bischofswechsel eine Rolle: Bischof Rudolf Voderholzer ist seit 2013 im Amt. Doch der eigentliche Anstoß für die Offenlegung war aus meiner Sicht erst eine Dokumentation des Bayerischen Rundfunks: Sünden an den Sängerknaben von 2015. Da ist Regensburg aufgewacht.

ZEIT: Dem Stiftungsrat des Chores lag bereits im Jahr 1987 ein Dossier mit massiven Gewaltvorwürfen vor. Der neue Ermittlungsbericht zeigt, dass der Schuldirektor Johann Meier, der von 1953 bis 1992 im Amt war, alles abstritt und keine personellen Konsequenzen zog. Auch nach 1992 wurden Briefe über körperliche und sexuelle Gewalt von der Direktion zurückgehalten. Warum kritisieren Sie die Schule nicht?

Wallner: Wie gesagt: weil die heutige Leitung nicht schuld ist. Und weil es mich schmerzt, wenn der wunderbare Chor in der Öffentlichkeit Schaden nimmt.

ZEIT: Der Kapellmeister Georg Ratzinger, Bruder des emeritierten Papstes Benedikt, leitete das Ensemble von 1964 bis 1994. Er bestreitet, von den Missbrauchsfällen gewusst zu haben. Ist das glaubhaft?

Wallner: Nein! Ich halte es auch hier mit dem Anwalt Weber, der gefragt wurde, ob Georg Ratzinger von der Gewalt wusste. Antwort: Davon gehe ich aus.