Das Geld ist da, die Luxusgüter auch. © Adam Berry/Getty Images

Oliver Kreider hat so viel Geld verdient, dass er längst nicht mehr an Arbeit denken müsste. Jeder Tag könnte für ihn Sonntag sein, das Problem ist nur: An freien Tagen langweilt Kreider sich. Seine Freundin, eine lettische Schönheit, fliegt erst in einigen Tagen zum Kurzbesuch ein. Also tigert er allein durch seine spektakuläre Villa am unspektakulären Chemnitzer Stadtrand. Man hätte ihn in anderen Vororten vermutet, aber Kreider denkt praktisch. Seine Firmenzentrale ist in der Nähe, außerdem hat er zwischen all den unscheinbaren Häuschen eine Immobilienperle aus der Gründerzeit entdeckt. Gerade ist er unschlüssig, ob er gleich noch ins hauseigene Schwimmbad geht oder in dem Buch weiterliest, das auf seinem Nachttisch liegt, Kabbalah: Die Kraft alles zu verändern.

Aber dann wandert er doch weiter durch sein gespenstisch stilles Anwesen, 1200 Quadratmeter sind auch eine Beschäftigung. "Mein Museum", nennt Oliver Kreider es, die Betonung liegt dabei auf dem Possessivpronomen, denn ausgestellt ist hier nichts anderes als sein Reichtum. Sein Formel-1-Wagen in der Eingangshalle – der tonnenschwere Schlitten hängt gerahmt an der Wand. Seine Marmorbäder, seine goldenen Tische, seine Antiquitäten, sein brillantenbesetzter Maybach draußen in der Garage. Hier und da hat der Hausherr vom Innenarchitekten seine Initialen anbringen lassen, dicke, güldene Buchstaben. Er hatte noch nie ein Problem damit, zu zeigen, was er hat.

Oliver Kreider, nach eigener Aussage Multimillionär, könnte mit alldem zufrieden sein. Aber da bohrt diese Unruhe in ihm. "Geld verdienen, das ist wie eine Sucht", sagt er. Abhängig geworden ist er, als er im Herbst 1989 vom Westen in den Osten kam. Die beste Zeit seines Lebens, mit hessischem Zungenschlag erzählt er davon; abgeklärt, wenn es ums Geldverdienen geht, beeindruckt von sich selbst, wenn er seine Biografie reflektiert. Ein schmaler Mann, leicht gebräunt, beige gekleidet, passend zur Sitzlandschaft, in der er versinkt. Die Füße in Hauspantoffeln ruhen auf dem Designer-Wohnzimmertisch.

Mit Anfang zwanzig ist er losgezogen, weil das Leben im kleinen südhessischen Bürstadt ihn langweilte. Realschulabschluss, Schlosserlehre, außer ein paar lauen Geschäftsversuchen war noch nicht viel passiert. Mit einer Reifenpanne blieb Kreider in Karl-Marx-Stadt liegen und schaute sich um. Die Stadt trostlos und grau, die Menschen überfordert von den Wendewirren. Neuland, in dem sich gerade alles verschob. Genau das, was er suchte, um sehr schnell sehr viel Geld zu verdienen. Zuerst mit einem Automarkt: "Da kam ich bald auf die ersten 100.000 Mark im Monat." Dann mit Spielautomaten: "Da war es schon eine Viertelmillion im Monat." Später kamen Immobilien dazu.

Heute zählt Kreider knapp 2.000 Wohnungen zu seinem Besitz, alle in Ostdeutschland, verteilt auf ein Geflecht von mehr als 30 Firmen. Auch eine Burg in Radebeul gehört ihm. Der Vorort von Dresden wird "sächsisches Nizza" genannt, auch weil hier besonders viele Millionäre wohnen, die Weinhänge sind mit Villen bestückt. Kreider hat eine der exklusivsten gekauft und darin Maximilian Strauß untergebracht. Den Sohn der bayerischen CSU-Ikone lässt er als Vertriebschef für eine seiner Firmen arbeiten, die medizinische Technik zur Behandlung von Depressionen entwickelt. Kreider glaubt, dass dies sein nächster Coup werden könnte. "Ich müsste eigentlich nicht mehr arbeiten", sagt er, "aber ich mag Golf nicht, Fußball auch nicht. Mir fällt nichts ein, was ich sonst tun könnte."

Glücksritter, als solchen hat man ihn schon oft bezeichnet. Kreider hat kein Problem damit. "Der Osten hat mir alle Möglichkeiten gegeben", sagt er.

Große Erbschaften gibt es hier kaum. Dafür manchen Wende-Gewinnler

Wenn man nach Reichtum in Ostdeutschland sucht, trifft man häufig Leute wie Oliver Kreider. Abenteurer aus den alten Bundesländern, die mehr als 25 Jahre nach dem Mauerfall in ostdeutschen Villen sesshaft geworden sind. Menschen wie Kreider sind die Antithese zum Bild vom armen Osten; auch wenn dieses grundsätzlich stimmt. Im Osten gibt es immer noch weniger Vermögen als im Westen, viel weniger sogar, aber auch hier findet man reichlich Geld. Kaum altes Geld allerdings. Die wohlhabenden Ostler sind im Prinzip alles Neureiche, relativ unerfahren beim Umgang mit Vermögen. Die einen verstecken, die anderen verprassen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 3 vom 14.1.2016.

Man weiß nur wenig über diese oberste Schicht. Für Vermögensforscher ist die Gruppe ein interessantes, aber schwer zugängliches Untersuchungsobjekt, denn valide Daten über das reichste Prozent der Bevölkerung gibt es kaum (siehe Interview links). Millionäre und Milliardäre werden in Befragungen aus Datenschutzgründen nicht erfasst, und mit der Abschaffung der Vermögensteuer ist eine weitere Statistikquelle versiegt. Es bleiben nur Schätzungen – und Schlussfolgerungen aus Zahlen der restlichen 99 Prozent. Markus Grabka wertet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin die Verteilung von Vermögen aus. Allerdings: Viel passiert ist da nicht. "In beiden Landesteilen sind die Nettovermögen zwar insgesamt gestiegen, aber es gibt weiterhin immense Unterschiede", sagt er. Ost-Haushalte besitzen noch nicht einmal halb so viel Vermögen wie die übrigen: im Schnitt 67.400 Euro; im Rest der Republik sind es etwa 153.000 Euro. In die Erhebung fließen unter anderem Sparguthaben, Wertpapiere und Bausparverträge ein, die wichtigste Vermögensform sind überall Immobilien.

Die Gründe, die der Forscher für das Ungleichgewicht findet, gehören zur Litanei des Ostens: geringere Löhne, massenhafte Abwanderung, höhere Arbeitslosigkeit. Vor allem gibt es hier selten große Erbschaften. In der DDR existierte kaum Reichtum, das meiste war Volkseigentum. Erst nach dem Mauerfall konnten sich die Konten füllen.

An vielen Orten konnte man dabei zusehen. Auch Babis Kirillidis ist ein Wende-Gewinnler, er tauschte Anfang der neunziger Jahre Dortmund gegen Leipzig, weil er der Routine im Westen entfliehen wollte. Der Sohn eines Griechen, eigentlich Informatiker, wurde Betreiber eines italienischen Lokals. Das Kochen übernehmen bis heute andere für ihn. Kirillidis sieht sich als Gesellschafter. Ein kleiner, drahtiger Mann, der abends durch seine Trattoria No. 1 spaziert, plaudert, scherzt, Bussis verteilt, seine Gäste sollen das Gefühl haben, sie seien etwas Besonderes. Die Zeiten, in denen das Lokal auch kulinarisch kaum Konkurrenz hatte, sind längst vorbei. Ein Wohnzimmer der Schickeria ist die Trattoria trotzdem noch. Oder wie Kirillidis sagt, "des neuen Leipziger Bürgertums". Manchmal kommt Prominenz, Thomas Gottschalk, Neo Rauch, Michael Ballack, solche Namen zählt Kirillidis stolz auf. Seine Stammgäste aber sind Menschen aus der Nachbarschaft. Nicht die Superreichen, sondern die, die noch nach oben klettern.