Die Freiheit kam mit der Gotik und dem Ende des Mittelalters. Erst durften die Maler die Bauhütten verlassen, dann mussten sie sich auch nicht mehr als Handwerker verstehen; endlich durften sie auch Künstler sein. Ein entsprechend selbstbewusstes Atelierbild entstand um 1490 am Niederrhein. Derick Baegert stellte darauf einen Mann an einer Staffelei dar, der die danebensitzende Madonna mit dem Kind malte: Der Künstler selbst durfte nicht nur unmittelbaren Zugang zur Mutter Gottes haben, mit seinem Gewand gar ihres berühren; ihm war inzwischen sogar erlaubt, sich selbst an der Seite Marias und in gleicher Größe abzubilden – wenngleich noch nicht in eigener Identität, sondern in der des malenden Evangelisten Lukas. Aber immerhin: Mit der Emanzipation der Künste von ihren Auftraggebern – der Kirche, den Höfen, dem Adel – hatte eine geistesgeschichtliche Emanzipationsbewegung begonnen, ohne die keine Moderne möglich gewesen wäre.

525 Jahre nach Baegerts programmatischem Bild ist am Kunstmarkt von der Bedeutung dieser Epoche und ihrer Kunst nicht mehr viel zu spüren. 2015 war nicht das Jahr der alten Meister – im Gegenteil: Gegenüber der New York Times sprach Anthony Crichton-Stuart, Direktor der angesehenen Londoner Galerie Agnew’s, sogar von einem "ziemlich ernsten Moment" für den auf alte Kunst spezialisierten Handel. Die Zahlen geben ihm recht: Bei der Hauptauktion von Christie’s standen im Juli einer unteren Gesamttaxe von 31,5 Millionen Pfund am Ende des Abends gerade einmal 19 Millionen Pfund gegenüber. Von den 44 Altmeister-Werken, die Sotheby’s am folgenden Tag anbot, ließ sich ein Drittel nicht verkaufen. Die Bernheimer-Auktion bei Sotheby’s floppte, fast die Hälfte des Angebots fand in der Abendauktion im November keinen Käufer. Wirklich bedeutende Bilder von großen Malern fehlten in den meisten Auktionen.

Und was von ihnen überhaupt angeboten werden konnte, erfüllte dann häufig nicht die Erwartungen der Einlieferer. Fontebassos großformatiges alttestamentliches Motiv Rebekka und Elieser am Brunnen hatte eine italienische Adelsfamilie 1990 bei Habsburg-Feldman für 286.000 Dollar gekauft. Im Dezember erzielte sie dafür bei Christie’s nur noch umgerechnet 170.000 Dollar – ein Verlust von fast 40 Prozent. Ein Hasen-Aquarell von Hans Hoffmann und eine Venedig-Vedute von Francesco Guardi blieben in derselben Auktion gleich ganz hängen. Nach einer Statistik der New York Times sanken die Erlöse bei den Old Master Sales in den vergangenen vier Jahren in beiden großen Häusern um 34 Prozent.

Nur noch wenige Museen bilden die Besucher dafür aus, die alten Meister zu verstehen

Marktexperten begründen die Flaute bei den alten Meistern mit dem Aussterben einer alten und der Dominanz einer jungen Sammlergeneration, die weder im Kunstgewerbebereich noch bei Zeichnungen und Gemälden das ursprüngliche Interesse an den entsprechenden Arbeiten fortführt. Außerdem stünden, sagt Henry Pettifer, Direktor der Abteilung Alte Meister bei Christie’s, kaum mehr bedeutende Werke zur Verfügung. Sie befänden sich inzwischen zum größten Teil in Museen oder in privaten Sammlungen, die sich angesichts der schwachen Marktsituation davon zurzeit nicht trennen wollten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Über den dritten Aspekt, der für die aktuelle Entwicklung maßgeblich ist, wird wenig gesprochen: Die Bildungsarbeit, die nötig ist, um Bilder aus Mittelalter und Renaissance lesen und in ihr bedeutungsgeschichtliches Umfeld einordnen zu können, wird nur noch selten geleistet. Nur noch wenige Museen in Deutschland wollen oder können es sich – anders als beispielsweise in den USA – leisten, große Ausstellungen aus diesem Bereich zusammenzutragen. Engagierte Häuser mit entsprechenden Mitteln wie das Frankfurter Städel, die Kunsthalle Karlsruhe oder die Alte Pinakothek in München sind längst die Ausnahme. In Bonn musste eine Michelangelo-Ausstellung ohne ein Werk von Michelangelo stattfinden. In Düsseldorf wurden großzügig Bilder Caravaggio zugeschrieben, an deren Eigenhändigkeit namhafte Experten berechtigte Zweifel hatten. Ausstellungsprojekte wie Die Botticelli-Renaissance in der Berliner Gemäldegalerie tragen dazu bei, dass die alten Meister nur noch als Maßstab und Blaupause für eine Gegenwartsmoderne vermittelt werden, die ihrerseits die Vorbilder für die eigene Bedeutungsbehauptung dringend benötigt, weil es ihr selbst zunehmend an Substanz fehlt.

Schon im 15. Jahrhundert dienten Gemälde im Privathaus als Ausweis von Prestige

Dabei gibt es zwei aktuelle Veröffentlichungen, die die autonome Bedeutung dieser Werke fundiert und verständlich vermitteln. Bilder ohne Auftraggeber heißt die großartige Dissertation der Frankfurter Kunsthistorikerin Berit Wagner, in der sie die Gründung und Entwicklung des deutschen Kunsthandels im 15. und frühen 16. Jahrhundert nachzeichnet (Michael Imhof Verlag, 69 Euro). Sie beschreibt, wie sich in jener Zeit ein durch wirtschaftliche Erfolge selbstbewusster werdendes Bürgertum von der Kirche und den Fürstenhäusern allmählich emanzipierte und wie sich dieses neue Selbstbewusstsein auch im Aufbau von Stadtgesellschaften mit repräsentativen Profanbauwerken und deren Ausschmückung mit Kunst materialisierte. Von der "Ära des Privatbildes" hatte schon Hans Belting gesprochen. Berit Wagner zeigt nun, wie sich Auftraggeberschaft und Bildbesitz voneinander trennten: "Der freie Kunstmarkt etablierte sich, und mit kommerziellen Bildern konnte unter den üblichen ökonomischen Gesichtspunkten gehandelt werden."

Ihre Erkenntnisse über diesen jüngsten aller Kunstmärkte bindet die Autorin immer auch an die motiv- und ideengeschichtlichen Entwicklungen des Spätmittelalters und der Renaissance an: Der Handel mit Bildern war schon damals keine allein ökonomische Angelegenheit. "Die mobilen Bilder agierten als Medien der Vermittlung komplexer kultureller Inhalte, die Besitzer (Konsumenten) von Bildern ohne Auftraggeber kommunizierten vermittels dieser Objekte innerhalb ihrer jeweiligen Beziehungsgeflechte." Was in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts der jährlich neue Gursky im Loft in Manhattan war, war damals das private Andachtsbild im Stadthaus: Anlass für Gespräche und Ausweis von Prestige. Die Entwicklung dazwischen, vom Kirchenschatz zum Privatmuseum, zeichnet der Münsteraner Historiker Hans-Ulrich Thamer in seinem Buch Kunst sammeln. Eine Geschichte von Leidenschaft und Macht nach (Verlag Philipp von Zabern, 29,95 Euro).

Ob auch der Kunstmarkt im 21. Jahrhundert wieder an die Bedeutungstradition der alten Meister anknüpfen kann, soll sich in den ersten vier Monaten des neuen Jahres erweisen: Sotheby’s bleibt vorerst beim traditionellen Januartermin für seine Altmeister-Auktion – wohl auch, weil der vierte Nachlassteil des langjährigen Sotheby’s-Besitzers Alfred Taubman mit alten Meistern von Raffael und Botticelli bis Gainsborough seit Langem für den 27. Januar angekündigt war. Auf bis zu 35 Millionen Dollar wird bei Sotheby’s eine von Gentileschi gemalte Danae aus dem Besitz des Händlers Richard Feigen geschätzt. Christie’s hingegen hat entschieden, in diesem Jahr auf die Januar-Auktion zu verzichten, bei der sich sonst die Galeristen traditionell mit Ware für die Maastrichter Messe im März eindecken. Stattdessen soll erst im April eine sogenannte "kuratierte" New Yorker Auktion mit Kunst vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert und dann im Juli eine Veranstaltung unter dem Titel "Classic Art" neue Käufer erschließen.