Wir brauchen mehr Ungleichheit im Schulsystem! So lautet auf den Punkt gebracht das Ergebnis eines neuen Gutachtens des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Klingt kurios. Schließlich gibt es schon viel Ungleichheit in der Schule: Kinder aus sozial schlechter gestellten Familien haben weniger Erfolg in der Schule. Das ist unfair. Doch gerade deshalb hat das deutsche Schulsystem mehr Ungleichheit nötig – bei der Finanzierung.

Wie viele Lehrer an einer Schule unterrichten, hängt bisher von der Zahl der Schüler ab. Pro Kind gibt es ein bestimmtes Kontingent an sogenannten Lehrerwochenstunden. Auf dem Papier erscheint das gerecht. Schließlich gilt für alle Klassen – abhängig von Schulform und Alter – derselbe Stundenplan, hat jeder Schüler das Recht auf die gleiche pädagogische Betreuung.

In der Praxis freilich benötigt ein türkischstämmiger Schüler in Duisburg-Marxloh, München-Hasenbergl oder Berlin-Neukölln sehr viel mehr Unterstützung als sein biodeutscher Alterskollege aus den feineren Vierteln. Ihren Schulen die gleichen Budgets zu verordnen würde die soziale Schieflage des Bildungssystems verstärken.

Ganz so ist es glücklicherweise nicht. Klassen mit hohem Migrantenanteil erhalten zusätzliche Sprachkurse. Wo viele Hartz-IV-Familien leben, bekommen die Schulen eher einen Sozialarbeiter. Der Sachverständigenrat zeigt in seiner Analyse freilich, dass dieser Chancenausgleich in den meisten Bundesländern kaum ins Gewicht fällt und die Fördergelder wenig transparent vergeben werden. Noch immer bestimmt das Prinzip Gießkanne die Schulfinanzierung. Berücksichtigt man darüber hinaus die unterschiedliche Finanzkraft der (für die Unterrichtsräume zuständigen) Kommunen sowie das Vermögen mancher privater Elternfördervereine, dann steht Schulen in Armenvierteln mitunter sogar weniger Geld zur Verfügung als solchen in privilegierten Quartieren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Dabei müsste es genau umgekehrt sein, müsste das Solidarprinzip – wer bedürftig ist, bekommt mehr vom Staat – auch bei der Bildung stärker durchschlagen. Vorbilder gibt es. Die Hamburger Schulbehörde zum Beispiel verteilt die Lehrerstellen von vornherein nach einem Sozialindex. Sie analysiert dafür das soziale Umfeld der Schulen, befragt Eltern wie Schüler. Ebenso könnte man sich vorstellen, Lehrer an Brennpunktschulen besser zu bezahlen. Das wäre fair. Denn nichts ist so ungerecht, wie Ungleiches gleich zu behandeln. Das gilt besonders in der Bildung.