"Ich kann nicht mehr", sagt Rosemarie. Ihr Gesicht ist wütend verkrampft und wirkt zugleich erschöpft. Ein Ausdruck, den nur die Alten beherrschen. Die Hände hat sie tief in den Taschen vergraben. Ihre Nase läuft, es ist kalt. Und ich treibe sie an. "Gleich haben wir es geschafft", lüge ich, denn ich habe keine Ahnung, wo genau der tote weiße Wal liegt, der hier angespült worden sein soll. Der Wal, von dem mir eine Einheimische erzählt hat. "Guckt ihn euch an, es bringt Glück", hat sie gesagt, und: "Nur zehn Minuten Fußmarsch!" Ich überredete meine rund zwanzig betagten Mitreisenden, den warmen, sicheren Bus zu verlassen und das Tier zu suchen. Ein Wagnis einzugehen. Etwas zu erleben, das nicht auf unserem Reiseplan steht.

Nun laufen wir schon eine Dreiviertelstunde über einen schwarzen Strand im Süden Islands. Jeder Fleck am Horizont wird zum Wal. Jede nervöse Möwe zum Indiz. Der Wind weht scharf. Die wenigen Haare der Männer sind zerzaust, die Mützen der Frauen drohen wegzufliegen. Bei jedem Schritt sinken die Füße ein. Feuchte Luft dringt durch die Jacken. Die Laune ist wie die Temperatur, am Tiefpunkt.

"Wir schaffen das", sage ich, muss ich ja sagen. Und plötzlich rieche ich den Tod, ein süßlicher Geruch, und in der Ferne liegt etwas, das einem großen weißen Felsen ähnelt. "Da!", rufe ich erleichtert. Sofort löst sich die Stimmung, aufgeregt umringt die Gruppe das Tier und fotografiert es. "Traust du dich, ihn anzufassen?", höre ich jemanden fragen, und schon beginnen alle, den Wal anzustupsen. Faszination und Ekel. Noch nie habe ich so viel Begeisterung über ein totes Tier erlebt.

Es ist nicht leicht, eine Gruppe deutscher Rentner zufriedenzustellen, doch es ist überraschend aufregend, mit ihnen zu reisen. Es ist das erste Mal, dass ich mit Menschen unterwegs bin, die dreißig oder vierzig Jahre älter sind als ich. Dabei bin ich mit meinen 34 Jahren schon viel herumgekommen. Privat und beruflich. Allein, mit Freunden, Freundin, den Eltern. Jedes Jahr suche ich neue Abenteuer: Reise nach Haiti und trinke Ziegenblut. Spaziere durch Minenfelder in der Westsahara, fahre mit dem Motorrad durch Laos. Und erzähle danach von den großen Aufregungen meines Reiselebens.

Doch womöglich, dachte ich kürzlich, als ich im Amazonas-Regenwald in der Hängematte schaukelte, liegen die großen Abenteuer nicht nur in fernen Ländern. Und wie lange kann ich solche Touren überhaupt noch machen? Vielleicht sollte ich mal eine Reise in meine eigene Zukunft unternehmen – mit alten Menschen. Dann weiß ich: So werde ich mal reisen, so werde ich mal sein. Und kann mich fragen: Möchte ich so werden?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Studiosus bietet solche Touren an. Natürlich heißen sie nicht: "Reisen in die eigene Zukunft". Und auch nicht: "Reisen mit Rentnern". Doch wer bei einem Studienreisen-Anbieter bucht, ist oft automatisch mit Senioren unterwegs. Der Altersdurchschnitt ist wenigstens über fünfzig, meist zwischen sechzig und siebzig. Zumindest, wenn man Ziele wie Island anvisiert. Die skandinavischen Länder haben eine besondere Anziehungskraft auf ältere Reisende: Nie zu heiß, der Komfort ist vergleichbar mit dem in der Heimat und die Durchfallerkrankungswahrscheinlichkeit gering. Klar, dorthin reisen auch junge Menschen, trinken in den Bars von Reykjavík schmallippig überteuerten Alkohol; die fahren aber nicht in Funktionskleidung an stürmische Strände. Dort trifft man nur den Gymnasial- oder Hochschullehrer a. D.

Rosemarie, die auf der Suche nach dem Wal kurz die Nerven verliert, ist so eine Person. Graue Haare, strenge Augen, aber ein freundlicher Mund. Lehrerin war sie, im Osten Deutschlands. Sie reist mit ihrem Mann, Siegfried. Immer. Ein langer Typ, der viele Witze erzählt, von denen etliche flach sind, einige unanständig und alle lustig. Wir lernen uns am ersten Abend der Reise kennen, als die Gruppe in einer Hotellobby in Reykjavík zusammenkommt. Alle stellen sich vor: Zahnärzte, Ingenieure, Menschen mit Doktortiteln, Hoteliers, die meisten schon oder fast in Rente. Und ich. Der hibbelige Journalist mit Bomberjacke und Hosen, die auf halb Acht sitzen. Ich habe keine Eigentumswohnung, keine lange Karriere und wenig Lebenserfahrung vorzuweisen. Und frage mich plötzlich, wie ich in diese Gruppe passen soll. Ob die denken, dass ich ein Erbschleicher bin?