Kann man über "den" arabischen Mann schreiben? Eigentlich nicht, denn es gibt ihn so wenig, wie es "den" deutschen Mann gibt. Mehr noch: Der Araber, der Muslim, der Muselman – das sind Klischees, die von jenem kolonialen Blick zeugen, der tief in der westlichen Kultur verankert ist. Um vor sich selbst zu rechtfertigen, dass man in Arabien wieder und wieder einmarschieren und mit der dortigen Bevölkerung nach Belieben umspringen darf, wurden die Araber als minderwertig, wild, verschlagen, aggressiv, geil und undiszipliniert dargestellt. Darum ist einiges Selbstmisstrauen angebracht, wenn "wir" über "die" zu sprechen beginnen.

Der Versuch jedoch, über die Kölner Ereignisse sowie über die Zuwanderung von beinahe einer Million Menschen insgesamt zu reden, ohne dabei über die arabischen Männer zu sprechen, hat in der ersten Woche dieses Jahres völlig in die Irre geführt und überdies ein ganz anderes Vorurteil bloßgelegt – das über "die" Deutschen.

In vier falsche Hoffnungen haben sich staatliche Stellen und viele Medien nach der Kölner Silvesternacht geflüchtet: 1. Hoffentlich ist nicht viel passiert. 2. Hoffentlich waren es keine Araber. 3. Hoffentlich sind keine Flüchtlinge darunter. 4. Hoffentlich war die sexualisierte Gewalt nur der Nebeneffekt von Eigentumsdelikten. Alle Hoffnungen haben getrogen. Es ist viel passiert, Schlimmes, es waren fast nur Araber, unter ihnen nicht wenige Flüchtlinge. Und wer denkt, dass sexualisierte Gewalt gegen Frauen die Begleiterscheinung eines Taschendiebstahls sein könnte, der sollte dringend eine Frauenbeauftragte in seiner Nähe um Rat und Hilfe bitten.

Neben das Nicht-wahrhaben-Wollen trat in der Zeit danach noch etwas weit Schwerwiegenderes: das Nicht-sagen-Wollen. Es brauchte Tage, bis Polizei und Politik die Dinge beim Namen nannten, und auch bei Teilen der Medien, insbesondere öffentlich-rechtlichen, verstrich verdächtig viel Zeit, bis endlich ins Zentrum rückte, was sofort ins Zentrum gehört hätte: Hunderte arabische Männer haben massenhaft sexualisierte Gewalt an Frauen verübt.

Dieses Nicht-sagen-Wollen enthüllt ein politisch fatales Vorurteil, das viele bei der Polizeiführung und in den Medien, man könnte auch sagen, das erhebliche Teile der Elite über das Volk der Deutschen hegen: dass es nämlich nach wie vor ein gefährliches und gefährdetes Volk ist, dem man bestimmte Wahrheiten über Fremde nur wohldosiert, pädagogisiert und auf Zimmertemperatur abgekühlt verabreichen kann, weil es sonst gleich seine zivilisatorische Contenance verliert und flugs zurückfällt in die Barbarei, die tief in ihm steckt (nicht aber in seinen Eliten, versteht sich).

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Es gibt dieses Vorurteil in einer rechten und in einer linken Variante. Erstere möchte den Deutschen möglichst wenige Flüchtlinge zumuten, Letztere möglichst wenige verstörende Tatsachen über Flüchtlinge. Beides wird jedoch nicht gehen, die Million Flüchtlinge werden so bald nicht wieder weggehen, die Zahl der Neuankömmlinge lässt sich auch in diesem Jahr gewiss nicht auf, sagen wir, 200.000 drücken. Andererseits muss eine von oben verordnete Willkommenskultur, die sich vor der Wahrheit und vor der Mehrheit fürchtet, früher oder später scheitern.

In der Debatte über die Straftäter von Köln werden zurzeit einige Argumente vorgebracht, die das Thema Flüchtlinge vor dem giftigen Fallout dieser Silvesternacht schützen sollen. Etwa, dass es sich bei den tausend arabischen Männern nur um eine kleine Minderheit handele, von der man nicht auf "die" Flüchtlinge schließen dürfe. Das ist absolut richtig, ändert aber nichts daran, dass diese Minderheit noch eine Menge Probleme bereiten wird.

Auch das in der Diskussion um Islamismus und Flüchtlinge gern gebrauchte Argument, diese Menschen seien ja gerade vor Unterdrückung und Terror geflohen, könnten folglich nur freiheitlich und friedlich gesinnt sein, hält einer näheren Prüfung nicht stand. Ein kleiner Teil der Flüchtlinge bringt leider alles das mit, wovor die meisten anderen geflohen sind: Islamismus, Frauenverachtung, Hass auf den Westen, Kriminalität. Wie auch sonst! Wir kriegen hier kein Best-of geliefert, sondern ein Von-allem-Etwas.

Ein weiteres schwieriges Schutzargument kommt dieser Tage von jungen Feministinnen, die in einem Aufruf unter dem Hashtag "#ausnahmslos" argumentieren, sexualisierte Gewalt sei ein männliches Phänomen, kein arabisches oder muslimisches. Auch das ist zunächst einmal wahr. Die jungen arabischen Männer sind keineswegs nach Egalia, ins Paradies der Gleichberechtigung und Gewaltfreiheit eingewandert, sondern in eine Gesellschaft, in der es immer noch Vergewaltigung und sexuelle Nötigung in erheblichem Ausmaß gibt, auch durch Deutsche.