Früher wohnte der erfolgreichste Landwirt Europas auf einem Bauernhof wie aus dem Kinderbuch: zwei Hunde, Ponys auf der Weide und vor der Scheune ein großer grüner Traktor. Hier verbrachte Siegfried Hofreiter seine Kindheit. Aber ein klassischer Bauer bleiben, das kam für ihn nicht infrage. "Ich habe großen Respekt vor jedem Landwirt, der das macht", sagt er. "Aber ich wollte nicht 365 Tage im Jahr um sechs Uhr morgens im Stall stehen." Hofreiter weiß, dass Landidylle hart sein kann.

Heute könnte Hofreiter, 53 Jahre alt, pechschwarze Haare, vom kleinbäuerlichen Leben kaum weiter entfernt sein: Er ist Chef der Hamburger KTG Gruppe, eines der größten Agrarbetriebe Europas. Er bewirtschaftet mehr Land als jeder andere Bauer auf dem Kontinent. Frühmorgens in den Stall muss er längst nicht mehr, das machen seine rund tausend Angestellten für ihn. Sein heller Teint und seine Hände sehen nach langen Bürotagen aus, nicht nach Feldarbeit. Er besitzt 28 Höfe und 45.000 Hektar Ackerland in Ostdeutschland, Litauen und Rumänien – eine Fläche, größer als der Stadtstaat Hamburg. Auf den Feldern wachsen Weizen, Kartoffeln, Raps und Soja. 2015 machte KTG damit mehr als 250 Millionen Euro Umsatz.

Agrarindustrie statt Hofidylle, Hightech-Traktoren statt Feldarbeiter – viele sehen in Hofreiter ein Symbol für eine Landwirtschaft, die wenig mit Land und viel mit Wirtschaft zu tun hat. Hofreiter kennt die Kritik, er hört sie ständig. Sie ist ihm nicht egal, aber sie hält ihn auch nicht davon ab, das zu tun, was er seit mehr als zwanzig Jahren tut. "Für uns zählt vor allem eines", sagt er, und seine bayerische Herkunft ist noch immer zu hören: "Bringt das, was wir machen, dem Kunden Nutzen?" Nutzen stiften, das heißt für Hofreiter: gute Lebensmittel anbauen, zu möglichst günstigen Preisen.

Der Großbauer empfängt in Putlitz, einem 3.000-Seelen-Dorf im Norden Brandenburgs. Nicht weit von hier hat er 1994 seine ersten Hektar bewirtschaftet. Nun sitzt er im Konferenzsaal des Putlitzer Herrenhauses, wo er normalerweise Seminare für seine Mitarbeiter veranstaltet. Der Unternehmer trägt Jeans und eine rote Sportjacke. Neben ihm auf dem Tisch liegt ein Smartphone. Es ist Hofreiters Taschenbüro: Mit ihm überwacht er seinen vollautomatisch gesteuerten Maschinenpark, checkt Börsenkurse und organisiert das nächste Investorentreffen.

Als Hofreiter jung war, besuchte er ein Internat, weil es auf dem Land kaum Gymnasien hab. "Bauern galten damals als die Dorfdeppen." Heute ist Hofreiter eher auf dem internationalen Finanzparkett zu Hause als auf dem Acker. 2007 ging er als erster deutscher Bauer an die Börse. Zu seinem Unternehmen gehören neben den Zehntausenden Hektar Land auch mehr als zwanzig Biogas-Anlagen. Zudem produziert KTG seit 2011 Müsli und Tiefkühlware.

Ein rasanter Aufstieg. Nach seinem Studium, Landwirtschaft und BWL, beginnt Hofreiter bei null: Den elterlichen Hof in Bayern hat sein älterer Bruder geerbt. Hofreiter geht in die USA und schaut sich dort große Agrarbetriebe an. Er will auswandern, verwirft den Plan aber seiner Familie wegen. Was bleibt, ist sein Traum von Traktoren mit mannshohen Rädern, die ihre Bahnen gen Horizont ziehen. "Das hat so etwas Cowboyhaftes", sagt Hofreiter.

Hofreiter bekommt mehr als zehn Millionen Euro Subventionen – pro Jahr

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder zieht der Jungbauer 1988 in die Welt, um den Traum eines modernen Agrar-Imperiums zu verwirklichen. Die Brüder kaufen einen Hof in Frankreich, doch ihre große Chance kommt nach der deutschen Wiedervereinigung: Als im Osten die Landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaften (LPG) aufgelöst werden, erstehen sie für wenig Geld 400 Hektar Ackerland. Hofreiter hat ein Gespür für neue Geschäftsfelder: Als einer der ersten deutschen Großbetriebe bewirtschaftet er Teile seines Landes ökologisch. Und er expandiert. Ob Missernten, sinkende Getreidepreise oder fehlende Nachfolger – immer wenn Betriebe in der Region aufgeben müssen, steht Hofreiter bereit, deren Land zu übernehmen. Die Agrarpolitik nach der Wende nützt ihm; damals fallen große Teile der LPG in den Besitz einstiger Manager und Parteifunktionäre, die großflächigen Strukturen bleiben erhalten. Viele der "roten Junker" begreifen ihr Land als Altersvorsorge. Nach und nach kommen sie ins Rentenalter und freuen sich, dass sie ihre Flächen für gutes Geld loswerden können. Über die Jahre kauft und pachtet Hofreiter ganze Landstriche.

Hofreiter wagt viel – manchmal zu viel. Neben der Landwirtschaft versuchte er sich als Leiter eines mäßig laufenden Getränkevertriebs in Bayern, bis er 2002 der Konkursverschleppung schuldig gesprochen wurde. Danach durfte er fünf Jahre lang keiner Kapitalgesellschaft mehr vorstehen. Umstritten ist Hofreiter auch, weil sein System von den Agrarsubventionen der EU massiv profitiert. Sie zahlt Prämien pauschal pro Hektar. Mehr Fläche bedeutet mehr Subventionen. Mittlerweile streicht Hofreiter pro Jahr mehr als zehn Millionen Euro an Steuergeldern ein. Geld, das er für neue Zukäufe nutzen kann.