Mohammed findet das iPhone geil. Vielleicht klaut er bald wieder eins, um es zu verkaufen. So sorgt er nicht nur für sich, sondern auch für seine Familie in Marokko, bezahlt deren Miete und das Essen, das dort abends auf dem Tisch steht. Ob der Mittdreißiger wirklich Mohammed heißt, kann man nicht mit Sicherheit sagen. Jedenfalls hat er sich hier im Einkaufszentrum in Köln-Kalk so vorgestellt. Mohammed hat zwei Kumpels im Schlepptau, beide etwas jünger. Sie vertreiben sich die Zeit im Media Markt und daddeln auf den Ausstellungsmodellen herum. Die beiden scheinen eher Untergebene zu sein, sie reden nicht viel, lassen lieber den Chef sprechen. In den vom Neonlicht gefluteten Köln Arcaden lassen sie sich auf eine harte Holzbank fallen. Sie seufzen. Das Leben als Ganove ist offenbar anstrengend.

Mohammed ist vor etwa vier Monaten in Köln-Kalk angekommen – aus Süditalien, wo er für einen Hungerlohn bei der Olivenernte half. Für ihn sah es auf WhatsApp und Facebook so aus, als gäbe es in Deutschland was zu holen.

"Wir lungern herum, so wie zu Hause." Er lässt die weichen Schultern hängen, vergisst einen Moment lang, den Bauchansatz einzuziehen. Doch schnell besinnt er sich, drückt den Rücken durch und sagt: "Hier in Europa gibt es dumme Nutten en masse." Er meint Frauen, die kurze Röcke tragen und angeheitert durch die Stadt ziehen. Die gibt es zwar auch in Marokko, in Köln aber bilden sie eine kritische Masse, vor allem an Silvester. "Ich habe aber niemanden begrapscht, ich musste arbeiten, leider." Er macht eine Geste – dreht die Hand einmal nach rechts um. Arbeiten heißt hier: klauen.

Seit die Ereignisse der Kölner Silvesternacht bekannt wurden, fragt sich Deutschland: Woher kommen all diese Diebe, Schläger, Vergewaltiger, gegen die die Polizisten offenbar so wehrlos waren wie die Opfer selbst?

Mohammed ist gar nicht überrascht. Die Leute, die das Land in Angst und Schrecken versetzt haben, sind seine Freunde und Bekannten. Er ist Teil der lose organisierten Gruppe von Marokkanern, die in ganz Nordrhein-Westfalen schon länger ihr Unwesen treibt. In Köln, Leverkusen und Düsseldorf kennt man sie schon. Jetzt richtet plötzlich die gesamte deutsche Öffentlichkeit das Schlaglicht ihrer Aufmerksamkeit auf dieses Milieu der brutalen jungen Männer.

Vor einigen Jahren sind sie aus den Bergdörfern Marokkos – gelegen im idyllischen Rif, im Atlas-Gebirge – und aus den Städten des Landes über die Türkei, Libyen oder die Meerenge von Gibraltar nach Europa gelangt. Einige der Männer – sie kommen ohne Frauen – halten sich schon jahrelang in der EU auf. Nach der Wirtschaftskrise 2008 zogen sie weiter Richtung Frankreich, Belgien und Deutschland. Als der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi fiel, setzten noch mehr sich in die Boote gen Europa. Spätestens im Sommer 2015, als die europäischen Grenzen nicht mehr ganz so unüberwindbar wirkten, machten sich noch einmal weitere auf den Weg. Verlässliche Statistiken über die Zahl gibt es nicht.

In Deutschland leben 130.000 Marokkaner oder Deutsche mit marokkanischen Wurzeln – die Mehrheit gut integriert. Die Zahl der schwarzen Schafe in Nordrhein-Westfalen schätzen Mitglieder der marokkanischen Community auf 1.000.

Eine Untersuchung des Kölner Kriminalkommissariats 41 ergab: Von den mehr als 800 Marokkanern, Algeriern und Tunesiern, die zwischen Oktober 2014 und November 2015 in der Auswertung erfasst wurden, begingen 40 Prozent eine Straftat. Zum Vergleich: Bei Syrern lag die Quote bei unter 1 Prozent, bei Irakern bei 2 Prozent.

Kaum haben die Deutschen sich mit dem Zustrom Hunderttausender Kriegsflüchtlinge halbwegs arrangiert, müssen sie die Bekanntschaft mit einem ganz anderen Migrationsstrom machen: Die globale Unterschicht ist in die gated community Europa eingedrungen. Die Männer kommen aus den ärmsten Verhältnissen ihrer ohnehin nicht wohlhabenden Heimatländer in Nordafrika. Oft waren sie dort schon kriminell, man nennt sie welad zenqa, "Straßenkinder". Hier in Europa schlagen sie die Zeit tot, kiffen, nehmen Pillen, sniffen Klebstoff, trinken Bier. Sie fahren mit dem Regionalticket durch die Gegend und verkaufen die Fahrkarte dann für ein paar Euro weiter.

Flüchtlinge - "Wir möchten Deutschland etwas zurückgeben" Der syrische Flüchtling Basel Esa ist immer noch entsetzt über die Ereignisse in der Silvesternacht. Gemeinsam mit anderen Syrern will er deshalb ein Zeichen gegen Sexismus setzen. Kriminellen Asylbewerbern würde er jede Unterstützung entziehen.

Einige geben sich als Syrer aus, kommen mal in Flüchtlingsunterkünften unter, mal bei Bekannten, bisweilen finden sie Unterschlupf in einer Moschee, schlafen dort ein bisschen. Wenn der Muezzin ruft, flüchten sie auf die Straßen und an die Bahnhöfe, in die Parks und Einkaufszentren. Der öffentliche Raum, der jedem zur Verfügung steht, ist ihr Revier. Nicht wenige führen sich auf, als hätten sie hier das Sagen.

Mohammed hat kein Asyl beantragt. Er besitzt keine gültigen Aufenthaltspapiere. "Ich bin illegal", sagt er, "ich habe nichts zu verlieren, ich habe nichts." Die Polizei macht ihm keine Angst, die Ausländerbehörde auch nicht. Er erwartet nichts von niemandem, also soll auch niemand was von ihm erwarten. So schnell er in Köln angekommen ist, so schnell kann er weiterziehen. Wenn er von der Polizei aufgegriffen würde, wäre das zwar ein bisschen ärgerlich. Andererseits: Abschiebeverfahren sind langwierig. Vor allem in seinem Fall, weil er seine Papiere weggeworfen hat. Und wenn es doch mal klappt mit der Abschiebung: "Fahre ich eben zum Familienbesuch nach Marokko, danach geht es zurück nach Europa."

Die jungen Männer wissen, sie haben keine Chance auf einen sicheren Aufenthaltsstatus. Ihnen mit Abschiebung zu drohen ist, wie einem Selbstmordattentäter mit der Todesstrafe zu kommen. Nichts hindert die jungen Maghrebiner daran, ihre Zeit in Deutschland zu nutzen – ein paar Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre. Die Männer brauchen Geld. Deshalb klauen sie. Sie brauchen den Kick. Dafür nehmen sie Drogen. Sie brauchen ein Ventil für ihren Frust. Deswegen demütigen sie Frauen.

"Sie behandelten uns wie Freiwild", so beschrieben einige Opfer der Silvesternacht die Vorfälle. "Eine Ehefrau mit gültigen Papieren oder einer EU-Staatsbürgerschaft, das ist der Jackpot", erklärt Mohammed. Es kommt ihm nicht in den Sinn, dass der Griff nach dem Busen alles andere ist als ein zielführender Annäherungsversuch. Mohammed wundert sich vielmehr, als er erfährt, dass die Öffentlichkeit über die Ereignisse in Köln bestürzt ist. "Es ist doch niemand gestorben oder so", entgegnet er.

In Marokko ist Mohammed der Sohn, von dem seine Mutter stolz erzählt. Er schickt ihr regelmäßig 100 oder 200 Euro, mit harter Arbeit verdient, behauptet er ihr gegenüber. Vielleicht macht er ihr weis, er habe ein Restaurant eröffnet oder eine Anstellung in der Fabrik bekommen. Er will nicht ins Detail gehen. Seine Mutter glaubt ihm. Solche Märchen vom Erfolg und dem besseren Leben in Europa erzählt man sich in den Wellblechhütten der Slums von Casablanca. Deshalb machen sich noch mehr junge Männer auf den Weg.

Zwei Bäckereien, ein Restaurant und ein Versandshop, das ist das "marokkanische Viertel" von Köln-Kalk. Die Community hier ist überschaubar. Mit Passanten kann, wer mag, darüber sprechen, wo es das beste Olivenöl gibt. In der Cafeteria Amin in der Taunusstraße, nicht weit von den Köln Arcaden, wärmen sich nach Feierabend ein paar Männer auf. Sie haben müde Augen und raue Hände. An einem großen Tisch sitzt unter anderem ein Postbote. "Scheiße ist das", sagt er. "Diese Typen bringen nur Probleme." In den Medien heiße es jetzt, man solle sich vor "nordafrikanisch aussehenden Menschen" in Acht nehmen – und er selbst sehe ja auch so aus.

Die Männer im bunt gekachelten Gemeindezentrum der Düsseldorfer Omar-Ibn-al-Khattab-Moschee, ein paar Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt, können ebenfalls ein Lied singen von den marokkanischen Stressmachern. Die Hauptstraße heißt hier Nador-Straße, weil die meisten ihrer Einwohner aus der nordmarokkanischen Stadt Nador kommen. "Irgendwann fing es damit an, dass Schuhe geklaut wurden", erzählt Moustapha Barkouki, Vorsitzender des Gemeindevereins. Sein schwarzer, flauschiger Bart ist von grauen Haaren durchzogen. Zwischendurch klopfen Mädchen mit Kopftüchern an die Tür und fragen, ob die Koranrezitationen aus den Lautsprechern etwas leiser gedreht werden könnten.

Als vor fünf Monaten besonders aggressive Jungmänner auftauchten und sich in den Cafés und der Moschee herumtrieben, versuchte die Community, sie zu verscheuchen. "Hilfsbedürftige lehnen wir nie ab. Aber wenn sie Ärger machen, haben sie keinen Platz hier", sagt der 49-jährige Barkouki. Und sie machten Ärger: Der Besitzer eines Cafés duldete keine Hehlerei in seiner Einkehr, das Ergebnis waren mehrere zerbrochene Fenster. "Wir haben in Frieden gelebt, bis diese Idioten kamen", sagt ein Mann, der anonym bleiben möchte. Um die Sicherheit ihrer Töchter haben sie in der marokkanischen Community seit geraumer Zeit Angst. Die Frauen werden ständig belästigt. "Nach dem Gebet nach Sonnenuntergang halten wir uns schon lange nicht mehr auf der Straße auf."

Seit Silvester haben sie noch ein anderes Problem: Sie bekommen noch häufiger als sonst Besuch von rechten Schlägern und Hooligans. Die nennen sich jetzt "Bürgerwehr" und wollen deutsche Frauen beschützen.

"Die Stadtverwaltung muss mit uns zusammen an einer Lösung arbeiten", sagt Samy Charchira. Er ist Sozialpädagoge und engagiert sich in muslimischen Gemeinden Nordrhein-Westfalens. In der Moschee versammeln sich mehr und mehr Männer, sie wollen ihrem Ärger Luft machen. Die Polizei solle endlich transparent und klug handeln – und auf das Wissen der ansässigen Marokkaner zurückgreifen. "Anstatt mit uns zu sprechen, stellen sie uns unter Generalverdacht", beschwert sich Charchira. Vor einigen Monaten hätte die Polizei das ganze Viertel abgesperrt und alle "nordafrikanisch aussehenden" Menschen kontrolliert. Vier Männer haben sie festgenommen. Doch offenbar vergeblich. "Am nächsten Morgen saßen sie wieder im Frühstückscafé", sagt Charchira und lacht bitter.

Drei der ungezählten marokkanischen Taugenichtse Nordrhein-Westfalens haben Gleis 15 des Düsseldorfer Hauptbahnhofs zu ihrem speziellen Betätigungsort gemacht. Dort verkehren die Regionalexpresse mit großer Verspätung, sodass sich oft viele Leute auf dem schmalen Bahnsteig drängeln. Aus der Handtasche einer jungen Frau lugt eine Marlboro-Schachtel heraus. Sie telefoniert, ist unaufmerksam. Mimoun geht dicht an ihr vorbei, streift sie, ohne dass sie es bemerkt, und befördert mit den Fingerspitzen die Zigaretten in die eigene Hosentasche. Mimoun heißt in Wahrheit anders, doch selbst seinen Vornamen will er nicht verraten. "Sie hat nur zwei geraucht!", ruft er, als er die Packung öffnet. Fünf Sekunden Triumph, bevor die Jungs die erste Zigarette anzünden. Mimoun trägt eine billige Jeans, eine grüne Jacke mit kunstfellgerahmter Kapuze. Seine Sportschuhe sind von einer preiswerten Marke. Die Hände sind flink, der Blick ist geschärft. Noch während er raucht, checkt er bereits die nächsten Opfer am Gleis. Der Bahnhof von Düsseldorf ist für ihn ein reich gedeckter Tisch.

Mohammed dagegen ist kurz vor Mitternacht an diesem eiskalten Januarabend am S-Bahnhof Trimbornstraße in Köln-Kalk anzutreffen. Hier ist es dunkel und zugig, eine unheimliche Stille ist eingekehrt. Wer unbedingt aussteigen muss, beschleunigt seinen Schritt. Mohammed hat sich mit einer Fußsohle an die Wand am Ausgang gelehnt. Im Arabischen sagt man: mit dem Bein die Mauer stützen. Selbst im schwachen Licht erkennt man, wie gerötet Mohammeds Augen sind. Er hat sich wieder ein paar Pillen eingeworfen. Aber Freitagabend ist hier nichts los. Keine Frauen weit und breit, keine iPhones zum Klauen. Mohammed starrt auf den Asphalt.

"Was machst du hier, Mohammed?"

Er blickt langsam auf: "Ich weiß es nicht."