An diesem Freitag will Marie noch einmal über den Kiez gehen. Mit einem Freund, der zwei Meter groß ist. "Einfach mal sehen, wie das ist", sagt Marie. Dabei weiß sie es eigentlich schon jetzt: Sie wird Angst haben. Und sie will sich ihr stellen. Seit zwei Wochen sind Marie und die Angst ein Paar. Sie packt die 18-Jährige immer wieder, meist ganz plötzlich. Marie muss sich ständig umdrehen, schauen, ob da jemand ist. Dann fühlt sie kalten Schweiß auf ihrer Haut, beginnt zu weinen. Für Außenstehende aus heiterem Himmel.

Erst vor ein paar Tagen wieder. Eine enge Straße. Und die Angst. Dabei war Marie nicht mal allein unterwegs. Immer wieder fragte sie ihre Begleiter: "Bin ich hier sicher?" Die Frage treibt seit der Silvesternacht viele Frauen in Hamburg um. Seit Gruppen junger Männer in der Großen Freiheit gezielt Frauen umringten, sie zwischen den Beinen begrabschten, Strumpfhosen und Wäsche zerrissen. "Ich hatte Todesangst", sagt Marie, die in Wirklichkeit anders heißt.

Inzwischen gibt es mehr als 150 Anzeigen wegen sexueller Übergriffe an diesem Abend in der Stadt, mehr als 200 Frauen sind betroffen. Dutzende von ihnen wurden während der Attacken auch bestohlen. Etwas verloren ging bei allen: das Gefühl, als Frau in dieser Stadt sicher zu sein.

In den vergangenen Tagen wurden weitere Übergriffe von Männern gemeldet, die arabisch aussahen oder sprachen. Auf eine zehnjährige Schülerin auf dem Schulhof des Gymnasiums in Ohlstedt, auf eine 24-Jährige in einem Bus in Eidelstedt, auf zwei 53-jährige Frauen in Winterhude.

Warum hat den Frauen auf dem Kiez keiner geholfen? Weil es in dieser Nacht einfach zu voll war? Weil die Täter im Schutz der feiernden Masse untertauchten?

"Weil sich jeder nur selbst in Sicherheit bringen wollte", sagt Jaclyn Leimbach. Sie sitzt in einem dunklen Kellerbüro, Große Freiheit 9, ungefähr auf Höhe der Straße, auf der die Männer Marie überfallen haben. Auf dem Schreibtisch stehen die schwarzen Funkgeräte der Sicherheitsleute. Leimbach zündet sich eine Zigarette an. "So etwas habe ich noch nie erlebt."

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

In den oberen Stockwerken betreibt sie zusammen mit ihrem Vater den PAT-Club. Seit Leimbach 18 ist, arbeitet sie rund um die Reeperbahn. In dieser Nacht habe sie Schreie gehört, erzählt sie, doch die Menschen seien einfach weitergerannt. Voller Angst. Weinende Mädchen mit zerrissenen Kleidern hätten bei ihr im Club Schutz gesucht. Selbst Frauen mit Männern an der Seite, großen, kräftigen Schränken, hätten sich in den Vorraum geflüchtet. Zwei Polizisten seien im Eingang des Clubs gestanden, hätten wahllos Taschen und Ausweise von ausländisch aussehenden Menschen kontrolliert. "Ratlos und sehr, sehr überfordert", sagt Leimbach.

Überfordert. Schlecht vorbereitet. Zu wenige. Diese Vorwürfe werden der Polizei nun gemacht. Dabei ist die Wahrheit noch erschreckender: Die Polizei hat von den Vorfällen lange Zeit schlicht nichts mitbekommen. 200 Beamte waren an diesem Silvesterabend rund um die Reeperbahn im Einsatz, so viele wie im Vorjahr. Hätte man ahnen müssen, dass ein Silvester mit mehreren Zehntausend neuen Menschen in der Stadt ein anderes werden würde? Dass sich etwas verändert hat?

Die Beamten hatten an diesem Abend vor allem ein Ziel: zu verhindern, dass die Menschen sich in der Masse tottrampeln, wie damals bei der Loveparade in Duisburg. Sie standen am Eingang zur Großen Freiheit und lenkten gewissermaßen die Menschenströme, während sich drinnen in der engen, lauten Straße traumatisierende Szenen abspielten. Kaum eines der Opfer schaffte es, die 110 zu wählen. "Ich hätte damit gerechnet, dass Handys gezogen werden, aber es gab diesbezüglich nur einen Anruf von dort", sagt Ralf Martin Meyer, der Hamburger Polizeipräsident. Meyer klärte früher selbst Sexualdelikte auf. Eines macht ihn ratlos: "In der Nacht hat nur eine Frau gegen drei Uhr den Notruf gewählt und gesagt, sie sei in der Großen Freiheit sexuell belästigt worden." Warum so wenige? "Ich kann mir die Gründe nicht erklären."

Die Polizisten am Ende der Großen Freiheit hätten nicht mitbekommen, was ein paar Meter weiter passierte. Es habe ihnen auch niemand von der Jagd auf Frauen berichtet. Deswegen habe die Polizei die Straße nicht geräumt, sondern später nur wegen Überfüllung geschlossen. "Wir ärgern uns alle darüber, dass wir es nicht gemerkt haben", sagt Meyer. Was er heute anders machen würde? "Eigentlich alles. Denn jetzt kennen wir dieses neue Phänomen und können ganz anders darauf reagieren."

Jetzt hat die Polizei eine eigene Ermittlungsgruppe eingerichtet, zwei Dutzend Beamte werten private Handyfotos von der Silvesternacht aus, suchen Täter im Milieu der Taschen- und Trickdiebe, überprüfen Handys. "Wir haben einige Spuren", sagt Meyer, "aber ich glaube, die beweiskräftige gerichtliche Verurteilung wird die Herausforderung." DNA-Spuren von Verdächtigen gibt es kaum.