In den USA sind Uni-Absolventen hoch verschuldet. Studiengebühren werden jetzt zum Wahlkampfthema.

Als Julie Brennan Heinzelman 2006 mit ihrem Jurastudium an der Northeastern University begann, hatte sie sehr genaue Vorstellungen davon, wie ihr Leben mit Anfang 30 aussehen würde. Einen Job bei einer großen Non-Profit-Organisation oder einer Regierungsbehörde wollte sie haben, etwas Gutes tun, "so klischeehaft das klingen mag", sagt sie. Und natürlich ein Haus und Kinder.

Sechs Jahre später sieht die Realität anders aus. Sie arbeitet in einer mittelgroßen Kanzlei in Boston, 60 Stunden in der Woche. Sie vertritt Unternehmen in Vertragsstreitigkeiten, Banken, die sich Klagen wegen Zwangsvollstreckungen gegenübersehen, und Ärzte, die gepfuscht haben. Sie wohnt mit ihrem Mann, der auch Jurist ist, in einer kleinen Wohnung in Boston. Kinder hat sie keine, auch ein eigenes Haus ist in weite Ferne gerückt.

Immerhin ist der Job in der Kanzlei gut bezahlt, anders ginge es nicht: Julie Brennan Heinzelman ist jetzt 32 Jahre alt und hat 150.000 Dollar Schulden. Angehäuft in nur drei Jahren Studium. Alleine an Gebühren kostete die Universität 35.000 Dollar pro Jahr. "Es ist frustrierend. Ich arbeite so hart und weiß trotzdem nicht, ob ich da jemals rauskomme", sagt sie.

Die Juristin ist kein Einzelfall, sondern die Regel. Studenten, die 2014 ihren Abschluss machten, hatten im Schnitt 28.950 Dollar an Schulden. Der höchste Wert, seit das zuständige Institute for College Access & Success vor zehn Jahren mit den Aufzeichnungen begann. Seitdem sind die Schulden um 56 Prozent angestiegen und die Gebühren im Schnitt um mehr als 25 Prozent. Einer der Gründe ist, dass viele Bundesstaaten die Unterstützung der College-Ausbildung in den vergangenen Jahren reduziert haben und die republikanischen Mehrheiten auf immer mehr Kürzungen drängen.

Viele zahlen die Schulden noch Jahrzehnte nach dem Abschluss ab. Das alte Versprechen, dass zwar die Kosten hoch seien, aber danach lukrative Jobs warteten, gelte nicht mehr, schreibt das National Bureau of Economic Research. Rund die Hälfte der Absolventen muss sich mit Stellen zufriedengeben, für die sie überqualifiziert sind, neun Prozent sind arbeitslos. Beim Bachelor gehe es nicht mehr darum, eine Managerposition oder einen hoch bezahlten Tech-Job zu bekommen, sondern darum, "sich beim Kampf um die Barista-Stelle gegen die schlechter ausgebildete Konkurrenz durchzusetzen", heißt es in der Studie von 2014.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Julie Brennan Heinzelman hatte für die Zeit nach dem Studium bereits ein Referendariat an einem Gericht in Boston sicher. Doch dann kam die Finanzkrise, Gelder wurden gestrichen, die Finanzierung für ihr Referendariat fiel weg. Zwei Monate vor ihrem Abschluss stand sie ohne Plan da. "Um so eine Stelle zu bekommen, muss man jahrelang darauf hinarbeiten und frühzeitig Praktika machen. Ich konnte mir nicht einfach etwas Neues suchen", erzählt sie.

Schließlich entschied sie sich, das Referendariat anzutreten – ohne Bezahlung. Die Uni versuchte, ihr, wie vielen anderen in ähnlicher Situation, ein kleines Stipendium zu verschaffen. Doch das Geld reichte bei Weitem nicht, um die Kosten zu decken. Abends und am Wochenende jobbte die Juristin in einem Geschäft für Damenbekleidung in der Innenstadt. Neun Monate hielt sie das durch, eine Krankenversicherung hatte sie in der Zeit nicht. Kosten für ärztliche Behandlungen, Medikamente und Kredite wuchsen ihr über den Kopf. "Es war schrecklich", erzählt sie. Sie sprach mit den Kreditfirmen und stundete die Zahlungen für sechs Monate. Doch die Zinsen arbeiteten weiter und ließen den Schuldenberg wachsen.