Tony Oursler: Gerade bin ich hier in Hongkong gelandet; als ich aus dem Flugzeug stieg, hörte ich von Davids Tod. Ich kann es nicht glauben, er war ein so guter Freund.

DIE ZEIT: Seit wann kannten Sie ihn?

Oursler: Ja, seit wann? So um 1994 muss es gewesen sein, da waren wir beide an einer Ausstellung in Italien beteiligt, wobei ich zur Eröffnung gar nicht hingefahren bin, anders als David. Sechs Monate später rief er mich an und hinterließ eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter: Hier ist David Bowie, sagt er, wollen wir uns nicht auf einen Kaffee treffen? Unglaublich, ich dachte, ich werd nicht wieder. Sofort habe ich alle meine Brüder und Schwestern angerufen, die seit Kindertagen seine Fans waren, so wie ich.

ZEIT: Er war aber auch Ihr Fan!

Oursler: Ja, das war er wohl, auch wenn mir das bis heute sehr seltsam vorkommt, weil Bowie ja eine so unwirkliche, eine so übergroße Figur ist. Diese Figur kam als mein Freund öfter mal im Atelier vorbei, wir quatschten über die Kunst oder über Bücher. Wirklich seltsam.

ZEIT: Als wäre es das Normalste der Welt, hat er auch an einigen Ihrer Videoarbeiten mitgewirkt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 3 vom 14.1.2016.

Oursler: Ja, erst wollte David einige meiner Filme auf seiner Geburtstagsparty zeigen, er wurde 50, ein Riesending damals im Madison Square Garden. Na gut, sagte ich zu ihm, ich überlass dir meine Ideen, aber im Gegenzug könntest du auch mal bei mir mitmachen. So kam es dann.

ZEIT: Welche Rolle hatten Sie ihm zugedacht?

Oursler: Den durchgeknallten Filmregisseur, der immerzu Kommandos brüllt. Ein rätselhafter, aber auch skurriler und lustiger Auftritt, typisch Bowie. Obwohl er ein Musiker war, verstand er doch mehr von Film und Video als viele Regisseure. Zum Glück kam ihm bei allem Pathos doch die Selbstironie nie abhanden.

ZEIT: Zum Ende hin schon, oder? Für seine vorletzte Platte haben Sie vor drei Jahren das Video zu Where Are We Now? gedreht. Da wirkte Bowie sehr melancholisch, eine unbewegliche Puppe, nur das Gesicht lebendig. War er damals schon krank?

Oursler: Ja, ein anrührender, sehr persönlicher Film, aber vom Krebs wusste damals niemand etwas. Als wir das drehten, war er ungeheuer lebendig, kann ich Ihnen berichten. In nur einem Monat haben wir das gestemmt, ein Wahnsinn. Er schaute damals zurück auf seine Vergangenheit, vor allem auf seine Tage in Berlin. Und er wollte die Puppe in dem Video dabeihaben, die schon zu seinem fünfzigsten Geburtstag dabei war.

ZEIT: Die Puppe sitzt im Zentrum, mit zwei Gesichtern, männlich und weiblich, alt und jung.

Oursler: Eine gewisse Zerrissenheit liegt darin, das stimmt. Auch das war Bowie.