Der Sicherheitsbeamte am Bahnhof von Tel Aviv stopft meinen Rucksack in die Röntgenschleuse und nimmt mich ins Verhör. Gehorsam zeige ich meinen Pass, in dem die israelischen Visa inzwischen sechs Seiten füllen. Wohin die Reise geht? In ein freies Land, liegt mir auf der Zunge. "In den Norden", sage ich stattdessen.

Ich bin einer Legende auf der Spur. Ein Idyll am Strand soll es sein, ein winziger Staat im Staat ohne Gesetze, ohne Religion und ohne Beamte. An seiner Spitze ein Erotik-Fotograf und Hobby-Archäologe, der als Präsident von eigenen Gnaden beachtlichen Erfolg hat. Außer dem Sultan von Oman regiert im Nahen Osten niemand länger als Eli Avivi. Mit seiner Frau habe ich tags zuvor am Telefon geplaudert. In Achzivland gibt es nur eine Verbindung, und die führt direkt zur First Lady. Der Staatsgründer hört nicht mehr gut.

Für zwei Tage will ich Urlaub machen in der Utopie. Viel verrückter als das Land ringsum kann sie nicht sein. Meinen Platz im Zug teile ich mit dem Lauf eines Maschinengewehrs und dem nervös wippenden Bein des dazugehörigen Soldaten.

Tausende von Mikronationen gibt es in der Welt, Scheinstaaten, Fantasiegebilde. Die meisten entstehen an entlegenen Orten, für die sich sonst niemand interessiert. Sie werden von den Behörden ignoriert oder mit einem Schmunzeln geduldet. Aber dem ohnehin winzigen Israel ein Stück abknapsen – einem Land, in dem seit seiner Entstehung jeder Quadratmeter umkämpft ist? Dazu muss mehr gehören als ein bisschen Chuzpe. 1972 sollen Eli Avivi und seine Frau Rina ihre israelischen Pässe zerrissen und eine Flagge mit einer Meerjungfrau gehisst haben.

Eine Badewanne mit Kanonenkugeln

Endstation Naharija. Die nördlichste Küstenstadt Israels liegt fast schon an der Grenze zum Libanon. Auf halber Strecke, neben dem Achziv-Nationalpark, verzeichnet die Karte einen namenlosen grauen Fleck. Ich wandere eine Stunde im Graben an der Küstenstraße entlang, vorbei an Bananenplantagen. Autos halten an, und Männer fragen durchs Seitenfenster, ob man zusammen was trinken wolle am Abend. Ich habe eine gute Ausrede: Dann bin ich schon nicht mehr im Land!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

In der Einfahrt zum Nationalpark weist ein amtliches Ortsschild zu einer sandigen Piste. "Eli Avivi" steht da. Mehr nicht. Als wäre der Mann selbst das Land. Die Flügel des blauen Eisentors stehen weit offen. Der Grenzübergang ist unbewacht; die Hirtenhunde zählen nicht. Zu alt, um zu bellen, taumeln sie blind auf mich zu, dann trotten sie davon über buckliges Gras, verschwinden zwischen antiken Amphoren und Mühlsteinen, hinter einem Ruderboot – in all den Nischen, die sich auftun zwischen Fischerhüttchen und einer Villa mit einer monströsen Veranda. Drumherum Palmen, windverblasener Bambus und Kakteen.

Aus dem Fundament eines Steinhauses im Zentrum ragt ein Konstrukt aus verwitterten Brettern – als hätte ein Orkan alles Strandgut heraufgefegt und zu einer Villa Kunterbunt arrangiert. Eine Armada von Tauben zankt um die Logenplätze im Gebälk. "Museum" steht über der offenen Tür. Entlang der Eingangsstufen quillt Kurioses bis in den Garten. Ein Blechfass mit deutscher Aufschrift: "Wehrmacht hochentzündlich" und eine Badewanne mit Kanonenkugeln. Daneben steckt auf einem Pfosten ein Telefonapparat, von dem der Rost blättert. Versuchsweise nehme ich den Hörer von der Gabel.

Phönizische Gräber und römische Wegsteine

"Die Leitung reicht nur noch zu Gott." Ertappt drehe ich mich um. Platinblonder Pony, ein schwerer Körper im Oversized-Shirt, viel Bling-Bling an den Fingern. Die First Lady von Achzivland hatte ich mir ätherischer vorgestellt. Mit dem Blick einer Hausfrau auf die Bierdeckelsammlung des Ehemanns mustert die 67-Jährige das Spalier aus Ankern, Steingut und urtümlichem Farmwerkzeug. "Eli hat den Plunder aus dem Meer gehoben oder aus dem Boden gewühlt." Dann entsinnt sie sich ihres Amtes und fügt mit gewichtiger Stimme hinzu: "Wir leben hier auf 3.000 Jahren Geschichte."

Im Gegensatz zu manch anderer Mikronation war Achziv immer besiedelt. Hier wurden phönizische Gräber gefunden, griechische Inschriften, römische Wegsteine. Im benachbarten Nationalpark stehen die Reste einer Kreuzfahrerfeste – und eine Moschee. Zur Mandatszeit lebten 2.000 Muslime in dem Ort, der damals Al-Zib hieß, eingerahmt von Granatapfelhainen und Feigenbäumen. Der Chef der britischen Polizei nannte ihn das schönste Dorf in Palästina. 1948 walzten die Israelis alles nieder, bis auf die Moschee und das Haus des Dorfoberen. Es ist es das Museum, vor dem wir stehen.

Der Präsident wird demokratisch gewählt durch seine eigene Stimme
Aus der Verfassung von Achzivland

In den ersten Jahrzehnten von Achzivland diente es als Präsidentenvilla. Dann hielt Rina Avivi die Sammelwut ihres Gatten nicht mehr aus: "Mir wurde es zu voll und zu düster, um darin zu wohnen." Sie führt mich weiter zu einem Häuschen, das ich bisher übersehen habe. Vielleicht, weil es im Gegensatz zum Rest geradezu spießig wirkt: abgezirkelt von einem Gartenzaun, Blümchen an der Fertigbaufassade. Ihr Alterssitz.

Von der Veranda aus erhasche ich einen ersten Blick auf den Mann, der wie ein Zimmerer auf LSD das Land zugebaut hat. Der 86-jährige Regent döst im Rollstuhl unter einem knorrigen Karobbaum im Nachbargarten. Hinter ihm steht eine junge Frau; sie massiert ihm den Kopf und scheint dabei leise zu singen. Die weißen Wattebäusche an seinen Schläfen leuchten in der Sonne und geben seinem Gesicht etwas Messianisches.

Mit einer unwirschen Geste ordert Rina mich ins Haus. Das winzige Wohnzimmer ist gleichzeitig ihre Amtsstube. Es ist der erste Winter, in dem der Präsident die Einreiseformalitäten nicht mehr selbst versieht. Zwei abgegriffene Holzstempel liegen schon bereit. Ich bin nicht die einzige Anwärterin auf eine Trophäe im Pass. Auf dem Sofa sitzt ein Rentnerpaar aus Kanada und pickt in einem Haufen Fotos. Das neueste: der Präsident mit dem Model Bar Refaeli. "Heute sieht sie besser aus", findet Rina Avivi. Die meisten Bilder aber sind viel älter, sie stammen aus der Zeit, als Achzivland das Haight-Ashbury Israels war.

Sieben Jahre soll Avivi hier schon gelebt haben – von Fisch und Sonne und ein bisschen Obst, das er den benachbarten Kibbuzim abschwatzte –, als Künstler und Rucksacktouristen den Strandbesetzer entdeckten und zu ihrem Guru ernannten. Auf den Bildern sieht man sie tanzen, rauchen und lachen. Oder durch die Ruinen tollen, leicht bekleidet in der Brandung. Manche blieben Wochen, andere Monate. Aber nur eine für immer: Mit gerade mal 17 Jahren verfiel eine Jüdin aus München dem freien Land und seinem Herrscher. "Es waren die schönsten Jahre", erklärt sie nun dem ehrfürchtig lauschenden Paar. "Ich war ein großer Fan von Sophia Loren, und dann stand sie vor mir und hat mich gelehrt, wie man Spaghetti kocht."