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Über sechs Jahrzehnte lang hat das Tabu gegriffen, nun ist es zerbrochen. So lange ist es keiner Partei rechts von der Union gelungen, sich in der deutschen Politik zu etablieren. Die AfD jedoch wird den Sprung in die Parlamente schaffen. Nicht weil sie so viel schlagkräftiger wäre als all die früheren gescheiterten Versuche, sondern weil die Bedingungen für ein rechtspopulistisches Projekt nie zuvor so günstig waren.

Der Umbruch, den die Republik mit der Flüchtlingskrise erfährt, markiert womöglich die tiefste Veränderung ihrer Geschichte. Er mobilisiert nicht nur ungeahnte Hilfsbereitschaft gegenüber den Flüchtlingen und unvoreingenommene Offenheit für das Neue, sondern er weckt zugleich Zukunftsangst, Desorientierung und Aggression. Eine Partei, die diese Stimmungen aufnimmt und verschärft, wird ihren Platz im politischen Gefüge der Republik finden.

Ginge es allein um die AfD, man müsste vielleicht nicht sonderlich beunruhigt sein. Doch nicht nur auf den Straßen und im Netz, sondern bis in die Kommentarspalten der etablierten Medien hinein ergießt sich Wut über die Zumutungen der Krise und eine Kanzlerin, der man sie anlastet. Die AfD ist nur das sichtbarste Symptom einer sich verändernden gesellschaftlichen Stimmungslage. Ihr gegenüber kann sich nicht einmal das historische Tabu behaupten. Ohnehin war es schon lange schwächer geworden. Der wachsende zeitliche Abstand zum Nationalsozialismus trug seinen Teil dazu bei. Auch dass man heute Rechtspopulist sein kann, ohne Antisemit und Revisionist sein zu müssen, hat den Raum rechts von der Union geöffnet.

Das Zusammentreffen von historischer Enttabuisierung und perfekter Gelegenheit lässt die herkömmlichen Methoden der etablierten deutschen Politik, mit Rechtspopulismus umzugehen, ins Leere laufen. Die insbesondere von Horst Seehofer und Sigmar Gabriel angewandte Mischung – das Aufgreifen populistischer Parolen bei gleichzeitiger Stigmatisierung der Populisten – wird die AfD nur stärker machen. Sie sollten damit aufhören. Andernfalls könnte auch Deutschland bald da landen, wo Frankreich schon jetzt hilflos zappelt: in der Falle des modernen Rechtspopulismus.

Hätte sich die AfD einen gelungenen Jahresauftakt ausmalen dürfen, er wäre in etwa so ausgefallen: massenhafte sexuelle Übergriffe arabisch-stämmiger Migranten auf Frauen, eine überforderte Polizei, konsternierte Politiker, die ihre Hilflosigkeit mit Entschlossenheitsbekundungen kaschieren, dazu Medien, die verspätet über das Ausmaß der Exzesse berichten. Wenn irgendwann einmal gefragt wird, wie es dem Rechtspopulismus in Deutschland gelingen konnte, sich als politische Kraft zu etablieren, werden die Ereignisse vom Jahresbeginn 2016 eine Schlüsselrolle spielen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Die AfD ist die einzige Partei, die der neuen deutschen Flüchtlingspolitik von Anfang an den Kampf angesagt hat. Das ist ihr nicht schwergefallen. Tief sitzende Vorbehalte gegen den Islam, nationale Abschottungsfantasien und die Begeisterung für autoritäres Machtgehabe gehören zu ihrem politisch-mentalen Grundbestand. Für die AfD sind Migranten eine Gefahr für Kultur und Wohlstand in Deutschland und die politischen Akteure ein skrupelloses Kartell. Mit dieser Perspektive erreicht die Partei zwar keine gesellschaftlichen Mehrheiten, doch in dem wachsenden Teil der Bevölkerung, der Merkels Flüchtlingspolitik schon heute ablehnt, finden sich inzwischen etwa zehn Prozent, die bereit sind, sich auf die Rechtspopulisten einzulassen. Überdies zucken inzwischen auch altersreaktionär gewordene Publizisten nicht mehr zurück, wenn ihnen vorgeworfen wird, genauso zu argumentieren wie die AfD. Auch sie schaffen für die Populisten eine geistig-moralische Rampe in die Mitte der Gesellschaft.

Die AfD wird im März bei den Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, allen Prognosen zufolge, die Fünfprozenthürde nehmen, in Sachsen-Anhalt wohl ohnehin. Schon vor Wochen hat der stellvertretende AfD-Vorsitzende, Alexander Gauland, die Flüchtlingskrise als "Geschenk" für die AfD bezeichnet. Über Geschenke freut man sich normalerweise, und so ist es auch in diesem Fall. Denn im Abscheu der Partei über den massenhaften Zuzug kulturfremder Migranten, in ihren Tiraden über versagende Staatsorgane und quasikriminelle Politiker schwingt immer auch die Begeisterung über die Zustände mit, die ihr in die Hände spielen.

Von Beginn an war die AfD auf krisenhafte Zeiten angewiesen, erst die Turbulenzen an den Finanzmärkten, dann die europäische Währungskrise. Damals saßen die Südeuropäer auf der Anklagebank der AfD, die mit ihrer Misswirtschaft die deutschen Milliarden verspielten. Heute sind es die arabischen Krisenregionen, deren Flüchtlingsströme als Gefährdung von Wohlstand und deutscher Lebenswelt angesehen werden. 2013 lockte die Partei ihre Sympathisanten mit der Auflösung des Euro, heute sind rigorose Abschiebung und Grenzschließung die Mittel der Wahl.

Bei den Bundestagswahlen 2013 verhalfen jedoch weder Panikmache noch Elitenverachtung der AfD zum Durchbruch. Die große Mehrheit der Deutschen hatte Finanz- wie Euro-Krise eher als abstrakte Bedrohung erlebt – wie im Kino.

Die Flüchtlingskrise hingegen betrifft die Lebenswelt der Deutschen unmittelbar: im Wohnviertel, im Klassenzimmer, bald auch am Arbeitsmarkt. Sie ist – nach Wolfgang Schäuble – das "Rendezvous der Deutschen mit der Globalisierung". Es ist kein Wunder, dass sich nicht alle auf dieses Rendezvous einlassen mögen. Ihre Sehnsucht nach übersichtlichen Verhältnissen, nach souveränen Entscheidungen und nationalen Optionen hat die AfD zu ihrer Sache gemacht.

Dass es dem Rechtspopulismus bislang nicht gelungen ist, sich in der bundesdeutschen Politik festzusetzen, trotz gelegentlicher Wahlerfolge von DVU, NPD und Republikanern, war auch einer Volkspartei zu verdanken, die das politische Spektrum von der Mitte bis zum rechten Rand erfolgreich integrierte. Doch unter Angela Merkel hat die Union den rechten Rand aufgegeben und den Raum für eine rechtspopulistische Konkurrenzpartei frei gemacht.

Das war weder Absicht noch Zufall. Merkel votierte nur immer, wenn sie vor der Entscheidung Traditionspflege versus Regierungspragmatismus stand, nüchtern und unideologisch gegen die Konservativen. Für die geriet Merkels Kanzlerschaft zu einer Folge politischer Demütigungen. Ihre Union stand nun plötzlich für die Gleichstellung Homosexueller, für die Abschaffung der Wehrpflicht, den Ausstieg aus der Atomkraft, die bedingungslose Euro-Rettung. Dabei hat Merkel die Traditionalisten nicht etwa an den Rand gedrängt, weil sie etwas gegen sie hatte, sondern weil sie mit ihren überkommenen Rezepten und Emotionen in einer sich modernisierenden Gesellschaft nicht erfolgreich regieren konnte.

Doch sind die Überzeugungen und kulturellen Prägungen, die in der Ära Merkel aus der Zeit fielen, nicht einfach verschwunden. Vielmehr sorgt die Krise für deren Revitalisierung. Die AfD ist die radikalisierte, hässliche Wiederkehr des Konservatismus, der im vergangenen Jahrzehnt seine politische Heimat verlor. Sie ist eine Sammlungsbewegung all derer, für die Angela Merkels Kanzlerschaft den Niedergang des guten alten Deutschlands verkörpert.