DIE ZEIT: Herr Hilsberg, wenn Sie die vielen Bands hören, die heute auf Deutsch singen – denken Sie dann: Das ist auch auf meinem Mist gewachsen?

Alfred Hilsberg: Um Gottes willen. Es stimmt, dass andere Leute und ich Ende der siebziger Jahre für deutschsprachige Musik gekämpft haben. Aber nicht für die, die jetzt den Mainstream beherrscht.

ZEIT: Warum nicht?

Hilsberg: Mir ist das alles zu weichgespült. Für mich war der Anstoß damals Punk. Etwas, das gegen die herrschende Strömung gerichtet war, gegen die tote Rockmusik mit ihren endlosen Gitarrensoli und aufgeblasenen Live-Shows. 1977 gab es die ersten Punkbands in Hamburg, die waren von ihren englischen Vorbildern extrem beeinflusst und überwiegend langweilig. Aber ich bin schnell mit ganz jungen Bands in Kontakt gekommen, die von Punk inspiriert waren, sich in ihrer Sprache auszudrücken. Das war oft holprig, aber originell und provokativ. Daher habe ich versucht, Ansätze zu fördern, die versuchten, alte Inhalte und Strukturen zu überwinden, wie Einstürzende Neubauten und Die Tödliche Doris.

ZEIT: Sie waren Kritiker bei der Zeitschrift Sounds und haben diese Bands vorgestellt – unter einer Überschrift, die der Bewegung ihren Namen gab: Neue Deutsche Welle.

Hilsberg: Der Begriff wurde gegen meinen Willen da drübergeschrieben.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Was war Ihr Problem damit?

Hilsberg: Mir passten alle drei Worte nicht. "Neue Welle" – das klingt wie etwas, das schnell kommt und schnell wieder vorbei ist. Ich glaubte aber, dass das bleibt. Und ich habe was gegen Deutschtümelei.

ZEIT: Das Deutschsingen war Ihnen aber wichtig. In einer Plattenkritik schrieben Sie 1980: "Warum immer noch englisch gesungen wird, ist mir ein Rätsel."

Hilsberg: Was damals an englischen Texten geschrieben wurde, war grauenhaft. Deutsch zu singen war für viele Musiker aber ein Problem: "Da verstehen die Leute uns ja!" Die merkten, dass es plötzlich Reaktionen auf ihre Texte gab, dass die Leute darüber diskutierten. Das wollte ich. Aufregende Musik mit aufregenden Texten.

ZEIT: Sie schrieben damals von einer Revolution.

Hilsberg: Mir war nichts an der alten SPD- und Hippie-Ideologie gelegen. "Versöhnen statt Spalten"? Nein! Es ging mir darum, zu spalten: das Gute vom Bösen, das Neue vom Alten. Ich habe in verschiedenen Wohngemeinschaften in Ottensen gelebt und dort in einer autonomen Stadtteilgruppe mitgemacht. Mit denen habe ich mich wegen Punk total zerstritten. Für die war das Nazimusik, weil sich einige Punks zur Provokation Hakenkreuze umgehängt hatten. Die meisten Linken haben das nicht verstanden.

"Es ging mir darum, zu spalten"

ZEIT: Wie kam es, dass Sie Ihr eigenes Label gründeten?

Hilsberg: Es setzte sich mehr und mehr durch, Musik nicht im Studio, sondern zu Hause in der Küche oder im Wohnzimmer aufzunehmen. Niemand legte Wert auf Hi-Fi-Sound, es war wichtig, schnell hörbar zu machen, was in den Kellern und Übungsräumen entstand. Über Nacht habe ich dann mit Klaus Maeck zusammen ZickZack gestartet. Wir hatten uns zunächst auf Vinyl-Singles spezialisiert, in Auflagen zwischen 1000 und 3000 Stück, verkauft für ein paar D-Mark. Die Leute standen Schlange, wenn die Pakete mit den neuen Platten von Abwärts oder Palais Schaumburg kamen. Anfang 1982 stiegen dann die großen Plattenfirmen ein. Mitte der Achtziger, nach dem NDW-Overkill, war wieder ein Vakuum da.

ZEIT: Dann kamen neue Bands, die sogenannte Hamburger Schule – und wieder waren Sie einer der Ersten, die deren Platten herausgebracht haben.

Hilsberg: Es gab mutige junge Leute, die aus der Provinz nach Hamburg kamen und die Schnauze voll hatten von NDW. Die Sterne, Tocotronic, Blumfeld, das war eine neue Generation, die wieder hungrig war auf was Aufregendes. Den Begriff der Hamburger Schule habe ich aber nie verwendet. Den finde ich so falsch wie Neue Deutsche Welle.

ZEIT: Wie schätzen Sie die Musikszene in Hamburg heute ein?

Hilsberg: Bands wie Zucker, Trümmer, Die Heiterkeit oder Schnipo Schranke sind voller Enthusiasmus, aber scheinen erst mal limitierte Möglichkeiten zu haben. Tonträger sind für das Publikum uninteressant geworden, deshalb müssen sich Bands und Labels neu aufstellen – und sich vielleicht noch mehr als früher selbst ausbeuten.

ZEIT: Wäre es naiv, heute auf einen Aufbruch zu hoffen wie durch Punk oder die Hamburger Schule?

Hilsberg: Das Bedürfnis nach Frischem, Radikalem sehe ich heute nur bei einer Minderheit junger Menschen. Aber radikale Positionen haben es eh schwer. Aber vielleicht verändert sich auch durch die Flüchtlingsbewegung noch einiges im Land.

"Geniale Dilletanten", Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz 4, vom 23. Januar bis zum 30. April. www.mkg-hamburg.de