Das neue Jahr ist noch keine Stunde alt, da wird Roland E. von einem Knall aus dem Schlaf gerissen. Er erhebt sich von der Couch, schaut aus dem Fenster und sieht, wie Kinder Raketen in die Luft jagen, wie sie Böller werfen, wie sie lachen und jubeln. Roland E. wird wütend. Wahnsinnig wütend.

Er geht in den Keller, holt seine Pistole, nimmt die Munition aus dem Schrank und lädt die Waffe durch. Dann steigt er die Treppe wieder hinauf und verlässt das Haus, läuft durch seinen Garten, biegt um eine Ecke und feuert seine Pistole drei- oder viermal ab, "horizontal mit flachem Winkel", wie der ermittelnde Staatsanwalt später sagen wird. Er schießt also nicht in die Luft, er zielt auf fröhliche Kinder. Ganz bewusst. Und er trifft. Er tötet ein elfjähriges Mädchen, das in diesem Jahr zum ersten Mal ohne Eltern Silvester feiern darf.

Als Janina auf der Wiese am Ortsrand des unterfränkischen Dorfes Unterschleichach zusammenbricht, begreift zunächst niemand, was geschehen ist. Die Sanitäter versuchen, das Mädchen wiederzubeleben, im Krankenwagen spricht der Notfallseelsorger ein Gebet. Wenige Stunden danach stirbt Janina im Krankenhaus in Schweinfurt. Erschossen von einem 53 Jahre alten Mann, der sich in seiner Ruhe gestört fühlte.

Als die Beamten der Schweinfurter Kriminalpolizei die Ergebnisse der Obduktion bekommen und erfahren, dass ein Geschoss, Kaliber .22, Durchmesser 5,6 Millimeter, Janina am Hinterkopf traf, ihr Gehirn durchdrang und kurz vor dem Austritt im vorderen Stirnknochen stecken blieb, geht in Unterschleichach ein 15-Jähriger zu seinem Vater und stellt ihm diese Frage: "Papa, hast du das gemacht?"

Der Vater ist Roland E., 53 Jahre alt, Lkw-Fahrer bei der Justizvollzugsanstalt Ebrach. Von seiner Umwelt hat er sich in den vergangenen Jahren immer mehr abgewandt, obendrein ging es ihm gesundheitlich von Jahr zu Jahr schlechter. Der Sohn, selbst aktiver und erfolgreicher Schütze, hat den Niedergang des Vaters miterlebt, er weiß, der Vater hat vier Waffen im Haus. Er will Gewissheit, ob nicht eine davon in der Silvesternacht benutzt wurde. Doch Roland E. belügt den Sohn.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Erst elf Tage später, am Morgen des 12. Januar, sagt E. die Wahrheit. Als die Polizei an seinem Arbeitsplatz auftaucht, gesteht er die Schüsse, bestreitet aber eine Tötungsabsicht. Er habe nur seine Ruhe haben wollen.

Der Versuch, diesen Wahnsinn zu verstehen, führt in das kleine Dörfchen im Steigerwald mit seinen 450 Einwohnern. Hier glaubt jeder jeden zu kennen, und doch wusste niemand, was in Roland E. vorging. Der Reporter hat mit mehr als 30 Menschen gesprochen: Nachbarn, Freunden, Verwandten von Roland E. Sie alle zeichnen das Bild eines unauffälligen Mannes, der nie mit dem Gesetz in Konflikt kam, eines Mannes, dem sein Leben entglitten ist, als seine Lebensgefährtin ihn verließ. Eines Mannes, der in seinem kleinen Haus total vereinsamte und innerlich verrottete.

Roland E. ist in Unterschleichach aufgewachsen, seine Kindheit verbrachte er "auf der Straße", wie eine Freundin aus Kindertagen erzählt. Die Kinder waren immer draußen, Natur, Freiheit, ein Baumhaus am Waldrand – "wir hatten eine tolle Jugend". Die Grundschule war im Nachbarort, ein Lehrer, eine Klasse, "wie bei Michel aus Lönneberga". Allerdings – E.s Familie war sehr verschlossen, sie galten als schwierige Nachbarn, fremde Kinder durften dort nicht spielen. Der Vater, das sagen mehrere Jugendfreunde, legte extremen Wert auf "Reinlichkeit", er sei "sehr streng" gewesen mit Roland und dessen jüngerer Schwester. "Sie mussten picobello funktionieren."