"Wie lange noch?" Diese Frage hat die Frage "Wie viele noch?" abgelöst. Längst geht es dabei nicht mehr nur darum, wie lange der Flüchtlingsstrom noch anhält, sondern darum, wie lange das Land den Stresstest durchhält und wie lange die Frau sich im Amt hält, die in diesem Land politisch verantwortlich ist.

Merkel müsse sich korrigieren, fordern CSU und inzwischen auch Teile der SPD. Sie meinen: Merkel solle nicht noch mehr Flüchtlinge ins Land lassen. Und die Medien lauern darauf, die Kanzlerin beim Zurückrudern zu erwischen. Doch abgesehen davon, dass es mitnichten Merkels Ziel ist, so viele Flüchtlinge wie möglich einzuladen, und dass schon kräftig zurückgerudert wird: Womöglich ist die Frage gar nicht, wann Merkel sich von sich selbst distanziert, sondern wann sie sich endlich zu sich selbst bekennt. Wann sie ihre Politik auf die Höhe ihrer eigenen Analyse bringt.

Merkel knüpfte an ihr Erfolgsmotiv an: Sie kennen mich, alles bleibt beim Alten

Wie früher werde es nie wieder werden, das hat die Kanzlerin schon zu Beginn der Flüchtlingskrise in kleinem Kreis gesagt. Weil nicht nur ein paar Menschen mehr als sonst in Bewegung gekommen sind, sondern die Welt. Weil Wohlstandsgefälle, Klimaveränderungen, Kriege eine neue Weltunordnung verursachen, die Menschen dazu bringt, dorthin zu wollen, wo es Sicherheit und Wohlstand gibt. Und weil moderne Kommunikations- und Verkehrsmittel dafür sorgen, dass sie das auch können. Doch Merkels erste Reaktion auf diese Erkenntnis massiver Veränderung war eine Festlegung: keine Steuererhöhungen. Merkel knüpfte an ihr Erfolgsmotiv an: Sie kennen mich, alles bleibt beim Alten.

Wenn es aber stimmt, dass dies die erste Krise ist, die aus dem Fernseher zu uns ins Wohnzimmer gekommen ist, dann wird es womöglich auch die erste Krise sein, die jeden trifft. Den kleinen Mann, die mittelgroße Frau und sogar – hold on to your seat! – den Autofahrer. In diesem Sinne lässt sich auch Wolfgang Schäubles Überlegung verstehen, man könne den Benzinpreis erhöhen, um europäische Lasten zu finanzieren. Schäuble teilt die Grundanalyse der Kanzlerin von der Zeitenwende, aber er vermisst die passende Politik dazu, den großen Plan, das Infragestellen von buchstäblich allem: rechtlichen Standards, sozialpolitischen Errungenschaften, alten Gewohnheiten. Er findet, in so einer Situation müsse man sich politisch Spielräume verschaffen, statt sie zu begrenzen.

Flüchtlingszahlen runter, mit griechischer und türkischer Hilfe, und dann bringen "wir" "denen" unsere Werte bei, auf dieses Rezept hat sich die Regierung verständigt, so klingt es auch aus dem Mund der Kanzlerin. Doch wenn Merkel mit ihrer Grundannahme recht hat, dann ändert sich auch dieses "wir" gerade. Genau das ist es, was vielen Bürgern Angst macht, und deshalb sind die Debatten um Zahlen und den Familiennachzug so neuralgisch.

Wenn es also stimmt, was Merkel und Schäuble denken und viele Bürger ahnen, dann lautet die Antwort auf die Frage "Wie lange noch?" nicht "Bis März oder bis September", sondern "Ab jetzt". Und womöglich für immer. Denn dann werden weiter sehr viele Menschen nach Europa und Deutschland drängen, selbst wenn Merkel nicht mehr Kanzlerin sein sollte. Und die, die hier sind, werden das Land verändern. Weil die Tatsache, dass sie es geschafft haben, der Grund für andere sein wird, es auch zu versuchen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Das heißt nicht, dass man Grenzkontrollen am besten gleich abschaffen sollte. Es bedeutet aber, dass dem Land nicht geholfen wäre, wenn Merkel morgen eine Obergrenze verkünden würde oder einen Zeitpunkt, von dem an die Zahlen runtergehen müssen. Dann müsste Merkel sich nicht dementieren, sondern bei einem Satz anknüpfen, den sie selbst gesagt hat und der viel interessanter war als "Wir schaffen das": "Deutsche Gründlichkeit ist super, aber jetzt wird deutsche Flexibilität gebraucht." Dann müsste sie eine Debatte führen, ganz konkret darüber, was sich in Deutschland ändern muss.

Ja, aber wäre das nicht politischer Selbstmord, wo doch eh schon alle durchdrehen? Die Antwort lautet: Das kann schon sein. Aber wenn Merkel das nicht tut und wenn sie gleichzeitig recht hat mit ihrer Analyse einer Zäsur, dann wird sie auf Raten scheitern. Nicht an der CSU und auch nicht an der SPD, nicht daran, dass sie das Land nicht genug abgeschottet hat, sondern daran, dass sie es nicht gut vorbereitet hat auf die Veränderungen, die sie hat kommen sehen.

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