Am 22. Dezember 1964 gerät ein Volvo auf der Landstraße zwischen Trelleborg und Malmö auf die Gegenfahrbahn. Er rast frontal in ein anderes Auto. Den Fahrer, Erik Wesslén, 47 Jahre, bringt man umgehend ins Krankenhaus, er stirbt noch am selben Tag. Eine Woche später wird er in seinem Heimatort Falun, Dalarna, beerdigt.

Erik Wesslén war auf dem Weg nach Berlin, wo er mit Freunden Weihnachten feiern wollte. Kurz vor dem Unglück besuchte er Erik Myrgren – der Stopp lag am Weg. Die beiden verband eine alte Freundschaft und eine einschneidende Erinnerung: Sie arbeiteten während des Zweiten Weltkriegs in der schwedischen Victoria-Gemeinde in Berlin-Wilmersdorf. Der eine als Pastor, der andere als Küster. Vielen Menschen haben sie dabei das Leben gerettet: Die Gemeinde bot Verfolgten Unterschlupf, sie verhandelte mit der Gestapo, um Juden freizubekommen – und versuchte, sie außer Landes zu schmuggeln, unter Lebensgefahr und abenteuerlichen Bedingungen.

Erik Wesslén kam im Frühjahr 1942 nach Berlin, um als Gärtner zu arbeiten. Womöglich auch, weil er den Militärdienst satthatte. Er nahm früh Kontakt auf zur schwedischen Gemeinde. Dort lernte er Karin Hirschberg kennen, eine Schwedin mit deutschem Vater, und verliebte sich in sie. Gemeindepastor Erik Perwe traute das Paar am 31. Juli 1943 in der Kirche der Victoria-Gemeinde – mitten im Krieg. Die Bombennächte hatten begonnen, und abends war Verdunkelung angeordnet. Karin ging bald zurück nach Schweden, Erik Wesslén wäre ihr vielleicht gefolgt – hätte Pastor Perwe ihn nicht gebeten, vorübergehend Küster in der Gemeinde zu werden.

Wesslén willigte ein und erfuhr nach und nach, was auf dem Gelände der Kirche neben Gottesdiensten, Trauungen und Seelsorge für die Schweden in Berlin und Norddeutschland vor sich ging: Die Pastoren standen seit der Machtübernahme durch die Nazis 1933 in Kontakt mit deutschen Widerstandskämpfern und halfen untergetauchten Juden, die vor den Deportationen flohen.

Die Gestapo überwachte die Kirche. Manchmal saß ein Spion im Gottesdienst und schrieb mit, was gepredigt wurde. Dass Pastor Birger Forell, Perwes Vorgänger, Verfolgte unterstützte, blieb nicht verborgen. Auf Drängen der Gestapo wurde er 1942 nach Schweden zurückgeschickt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Erik Perwe führte die Arbeit von Forell fort, erweiterte sie sogar – und hielt sie besser geheim. Die Untergetauchten bekamen in der Kirche Essen, manchmal Geld oder Tauschwaren. Man suchte sichere Verstecke für sie. Wenn es nicht anders ging, kamen sie auf dem Dachboden des Gemeindehauses oder im Keller unter. Viel Platz war dort nicht, trotzdem lebten zuweilen mehr als fünfzig Menschen auf dem Grundstück. Man baute den Kartoffelkeller zu einem kleinen Bunker um. Die Luftangriffe der Alliierten wurden von Monat zu Monat stärker.

Informanten hielt man mit Butter oder Zigaretten bei Laune

Erik Wesslén lernte schnell, das Kontaktnetz der Gemeinde zu nutzen. Trotz Kriegswirtschaft, Rationierung und Mangel war er bald in der Lage, alles zu besorgen, was in Berlin noch zu bekommen war: ein Auto im Tausch gegen ein paar Kilo Kaffee, Benzin gegen Schokolade und Alkohol. Schmuck und Zigaretten halfen, bei den Behörden an Stempel und Siegel zu gelangen.

Ein ums andere Mal versuchte die Gestapo in die Kirchenräume vorzudringen: Weibliche Spitzel klopften nachts an die Tür und gaben sich als Jüdinnen aus, die Schutz oder Hilfe suchten. Man erkannte sie sofort. Erik Wesslén bekämpfte die Gegner fortan mit den gleichen Waffen: Er weitete sein Kontaktnetz auf die Berliner Polizei und die Gestapo aus; die Informanten hielt er mit kleinen Geschenken wie schwedischer Butter oder Zigaretten bei Laune.

Eine besondere Rolle spielte das Polizeirevier 155, im Haus gegenüber in der Landhausstraße in Wilmersdorf. Oberwachtmeister Hoffmann und Wachtmeister Mattick hatten für Hitler und die Nazis nichts übrig: Wenn Gestapo-Offiziere im Anmarsch waren, um vom Revier aus die Schweden zu überwachen, ließ Mattick als Warnzeichen eine Rollgardine herunter. Die Polizisten gaben den Schweden auch Blankopässe und besorgten Stempel und Unterschriften, um gefälschte Papiere für die Untergetauchten herzustellen. Im Keller des Reviers sollen sie einmal sogar einen Deserteur versteckt haben. Hin und wieder kamen die Polizisten für eine Partie Schach herüber oder um im Radio BBC zu hören. Das Revier 115 schützte die Gemeinde bis zum Kriegsende wie ein Wachturm.

Die "Aktion Schwedenmöbel"

Einige Untergetauchte blieben nur kurz in der Kirchengemeinde, andere länger – fast alle warteten auf die Chance, Deutschland zu entkommen. 1941 begannen die Berliner Behörden, Juden in sogenannten Osttransporten zu deportieren. Bevor die Nazis an die Macht kamen, lebten in der Stadt nach Schätzungen rund 200.000 Juden. Bis 1941 war bereits ein Großteil von ihnen ausgewandert, etwa 60.000 harrten aus. Die meisten von ihnen wurden nach Auschwitz gebracht und ermordet. Ältere Menschen kamen nach Theresienstadt. Manche nahmen sich das Leben, bevor sie abgeholt wurden. Nur wenige tauchten unter. Knapp 7.000 Berliner Juden überlebten die Schoah und den Krieg, einige davon durch die Hilfe der Victoria-Gemeinde.

Pastor Perwe begann, den Verfolgten Scheinidentitäten auszustellen, indem er ihnen Namen von Gemeindemitgliedern übertrug, die kürzlich verstorben oder nach Schweden gezogen waren. Mithilfe der schwedischen Botschaft in Berlin wurden Pässe gefälscht. Küster Wesslén bestach Beamte in der Berliner Verwaltung, um die nötigen Stempel zu erlangen. Die Menschen sollten außer Landes geschleust werden. Doch der Krieg schloss einen Ausweg nach dem anderen, auch die Flugverbindung nach Schweden wurde unsicher, die Pastor Perwe oft benutzte, um zu Hause Geld, Kleider und Nahrungsspenden einzusammeln.

Die Straßen von Wilmersdorf verschwanden 1944 zusehends unter Trümmern. Die Victoria-Gemeinde allerdings blieb von den Bomben der alliierten Flugzeuge lange verschont. Bis in der Nacht vom 15. auf den 16. Februar 1944 zwei Sprengbomben einschlugen: Sie rissen Wände nieder, der Dachstuhl fing Feuer. Die Untergetauchten krochen aus allen Winkeln der Gebäude hervor. Einige von ihnen waren seit Tagen nicht im Freien gewesen. Jetzt half jeder beim Löschen. Pastor Perwe schrieb am Abend in sein Tagebuch: "Alles ist bedeckt mit Glas und Ruß. Es fehlt Gas und Licht, die Wärme zieht davon. Es schneit ins Haus. Niemand wurde verletzt – Omnia gratia!" Alles durch Gnade.

Perwe fürchtete im Frühling 1944, dass die Kirche den Untergetauchten nicht mehr lange Schutz bieten konnte. Berlin bestand aus kaum mehr als Ruinen, selbst die schwedische Gesandtschaft am Tiergarten hatte ihre Mitarbeiter samt Akten und Möbeln auf das Landgut Altdöbern bei Cottbus gebracht. Wer konnte, floh – eine schwedische Familie nach der anderen machte sich auf den Weg nach Norden.

Im Sommer 1944 ergab sich für die Kirchengemeinde ein wichtiger Kontakt. Eine junge deutsche Adlige, die sich als Tierärztin vorstellte und Maria von Maltzan hieß, kam zu Besuch. Sie war keine Gestapo-Spionin: In ihrer Wohnung versteckte sie hinter einer falschen Wand ein knappes Dutzend Juden; einer davon war Hans Hirschel, der Mann, den sie liebte. Eine Reihe von Rettungsaktionen schoben Perwe, Wesslén und Maltzan in den Monaten von Mitte 1944 bis zum Kriegsende gemeinsam an. Am spektakulärsten war die "Aktion Schwedenmöbel".

Im August 1944 plante die schwedische Botschaft, ihre Möbel und Akten nach Stockholm zurückzubringen. Der Botschaftssekretär Lennart Nylander bat bei der deutschen Reichsbahndirektion in Halle zu diesem Zweck um zwei geschlossene Güterwagen. Zur Überraschung der Botschaft wurden die Waggons bewilligt. Erik Wesslén, so beschrieben es später Zeitzeugen, entwickelte daraufhin einen tollkühnen Plan. Er trug ihn der Botschaft vor und weihte die Widerstandskämpferin Maria von Maltzan ein.

Am Morgen des 28. August werden die zwei Güterwagen in Altdöbern beladen. Im Reichsarchiv Stockholm liegt eine ausführliche Packliste für diesen Tag, sie umfasst 368 Posten: Betten sind aufgeführt, Tische, Stühle, Schränke, außerdem Fahrräder, Autoreifen, Skier – alles verpackt in Kästen. Per Zug sollen die Waggons nach Sassnitz gebracht werden, von dort nach Trelleborg. Nach der Beladung werden die Schiebetüren mit einem diplomatischen Siegel plombiert. Der Zug rollt los in Richtung Norden.

Ein Husten konnte man sich auf der Flucht nicht leisten

Maria von Maltzan fährt am Nachmittag dieses 28. August mit der S-Bahn hinaus in den Vorort Frohnau, wo sie zwei junge Männer trifft, die von Erik Wesslén instruiert worden sind. Vom Bahnhof gehen sie durch die kleine Gartenstadt, bis sie in einen Wald kommen. Dort, im Schutze der Blätter und hinter einem Erdwall, wartet eine Gruppe von vielleicht 15 Menschen. Maltzan führt sie weiter durch den Wald, bis zu einer Bahnstrecke. Dort verabschiedet sie sich von ihnen.

Später, im Schutz der Dunkelheit, hält ein Zug mit zwei Waggons vor den Augen der Wartenden. Erik Wesslén hat die Zugführer mit Kaffee und Zigaretten geschmiert, damit sie an diesem Ort stehen bleiben, ohne zu schauen, was passiert. Wessléns Helfer entfernen das Siegel an einem der Wagen, klettern hinein und werfen in Windeseile Möbel und Kästen hinaus. Die Wartenden steigen ein; Wessléns Leute verteilen Essen, dazu Codein, damit die Passagiere nicht im falschen Moment husten, und stellen einen Pott auf für die Notdurft. Das Siegel hat Wesslén mit einem Stempel kopiert. Seine Leute bringen es fein säuberlich wieder an. Dann fährt der Zug weiter Richtung Ostsee.

Maria von Maltzan geht wie verabredet den Weg zurück, den sie gekommen ist. Sie stellt sicher, dass ihr niemand gefolgt ist. Nach einer Weile hört sie Hunde bellen und sieht Scheinwerfer aufleuchten. In der Gegend gibt es ein Zwangsarbeiterlager, das von SS und Gestapo bewacht wird. Maltzan schlägt sich tiefer in den Wald, läuft durch einen Bach, damit die Hunde ihre Witterung nicht aufnehmen, und versteckt sich am Ufer.

Irgendwann heult der Fliegeralarm. Bomben fallen, in der Nähe brennt es. Maltzan hilft beim Löschen, reibt sich mit Ruß ein und tritt den Heimweg an. Spät am Abend klopft sie an die Hintertür der Kirche, und Pastor Perwe öffnet ihr mit den Worten: "Da ist ja unsere Tierärztin."

Im Herbst des Jahres 1944 drängten sich jeden Tag neue Menschen auf der Treppe zur schwedischen Kirche. Der Pastor machte sich Sorgen: Wenn so viele wussten, was hier vor sich ging – wann würde die Gestapo kommen? So bald wie möglich sollten die versteckten Juden außer Landes geschmuggelt werden. Perwe und Wesslén planten die Evakuierung von 24 Personen. Sie baten Freunde und Kollegen in Schweden, für die Flüchtlinge zu bürgen.

Den Untergetauchten teilte Erik Perwe Scheinidentitäten zu, er nahm ihre alten Pässe an sich. Am Ende des Jahres wollte er mit diesen Unterlagen nach Stockholm fliegen, wo das Außenministerium provisorische Pässe ausstellen sollte, mit denen sie nach Schweden reisen konnten. Gerüchten zufolge waren auch hochrangige Nazi-Funktionäre über diese Aktion informiert und hatten sie akzeptiert – Perwe, heißt es, sollte im Gegenzug die Regierung in Stockholm dazu bringen, sich bei den Westalliierten für einen Separatfrieden einzusetzen. Den gleichen Wunsch äußerte Heinrich Himmler tatsächlich kurze Zeit später, als er mit dem Grafen Folke Bernadotte über die Freilassung der dänischen und norwegischen KZ-Häftlinge verhandelte. Die Aktion "Weiße Busse", mit denen das Rote Kreuz dann in letzter Minute Norweger und Dänen aus deutschen Konzentrationslagern herausholen konnte, sind ins kollektive Gedächtnis der Schweden eingegangen.

Ende im Meer

Perwes Unterfangen nahm hingegen keinen glücklichen Ausgang. Am 29. November 1944 stieg er auf dem Tempelhofer Feld in eine Lufthansa-Maschine Richtung Schweden. Das Wetter war grau und regnerisch. Kurz vor der schwedischen Küste gab es einen lauten Knall. Der Flieger brannte, rauchte, trudelte – und stürzte in die eiskalte Ostsee; abgeschossen von einem deutschen Kriegsschiff, das das Flugzeug nicht richtig identifiziert hatte. Niemand überlebte.

In Berlin-Wilmersdorf sprach sich die traurige Nachricht schnell herum: Schwedische Gemeindeglieder und Mitarbeiter der Botschaft kamen zur Kirche, um zu kondolieren, viele in Tränen aufgelöst. Deutsche, Freunde, Beamte, auch die Polizisten von gegenüber. Und in der Nacht die Untergetauchten.

Die Nachfolge des Pastors trat der junge Erik Myrgren an; Erik Wesslén wurde sein Lehrmeister für den konspirativen Teil der Gemeindearbeit. Sie setzten die Liste, mit der Erik Perwe über der Ostsee abgestürzt war, von Neuem auf. Im Dezember 1944 stellte das Außenministerium in Stockholm allen Flüchtlingen eine Einreisegenehmigung für Schweden aus. Manche versuchten die Flucht auf eigene Faust, andere bekamen Hilfe von der Gemeinde: Dem jüdischen Ehepaar Margot und Martin Weissenberg zum Beispiel besorgten Myrgren und Wesslén mithilfe der Polizisten vom Revier 115 zusätzlich Ausreisepapiere. Mit dem Auto fuhren sie das Ehepaar im April 1945 zum Flughafen Tempelhof. Für Zoll und Gestapo brachte Wesslén zur Sicherheit Cognac mit; die Ausreise glückte.

Endlich Frieden, doch nicht für die Retter

Dann ist der Krieg endlich aus. In Stockholm feiern die Schweden den Frieden mit Konfetti und einem Autokorso. Auch Erik Wesslén kehrt zurück. Aber er, der so viel für das Leben anderer getan hat, bekommt nun sein eigenes nicht in den Griff. Anfang der fünfziger Jahre zerbricht seine Ehe. Als Gärtner findet er keine Anstellung, auch nicht als Küster oder bei der Armee. In der Kleinstadt Arboga arbeitet er als Portier. Zu seiner Frau und ihrem gemeinsamen Sohn verliert er den Kontakt.

Anfang der sechziger Jahre beginnt Wesslén, seine Erinnerungen niederzuschreiben. Doch die Zeit in Berlin ist zwanzig Jahre her; viel mehr als vierzig Seiten Manuskript werden es nicht bis zum Jahresende 1964. Dann bricht er mit seinem Volvo nach Süden auf. Zur "Aktion Schwedenmöbel" hat er noch nichts festgehalten.

Auch in den Archiven und Registern der Bahn und der Häfen hat die Aktion kaum Spuren hinterlassen. Anders als Folke Bernadottes Rettungsfahrt mit den "Weißen Bussen" im März 1945 war sie geheim. Es gibt nur wenige Indizien für den Ablauf, wie die Transportliste und die Anforderung der Waggons bei der Reichsbahn. Erst Jahrzehnte später tauchte die Geschichte mit den Schwedenmöbeln regelmäßig in der Literatur auf. Erstmals erzählte sie Maria von Maltzan Ende der sechziger Jahre einem Journalisten aus den USA. Ihr eigenes Buch Schlage die Trommel und fürchte dich nicht erschien in den achtziger Jahren. Darin befasst sich ein Kapitel mit der Aktion. Bis heute sind die Namen der damals Geretteten nicht bekannt.

Dagegen weiß man einiges über die schwedischen Pastoren in Berlin. Sie wurden häufig geehrt: Die Gedenkstätte Jad Vaschem verlieh Erik Myrgren 1986 den Titel "Gerechter unter den Völkern", Gräfin Maria von Maltzan bekam die Auszeichnung 1987, Erik Perwe postum 2006. Nach Birger Forell wurden in Deutschland und Schweden Straßen, Schulen und Plätze benannt. Gedenktafeln in der Berliner Landhausstraße und anderswo in der Stadt erinnern an die Retter und ihre Taten, auch die der Polizisten Mattick und Hoffmann. Nur Erik Wesslén, der gemeinsam mit Maria von Maltzan, Erik Myrgren und Erik Perwe bei der Rettung verfolgter Juden sein Leben riskierte, ist heute so gut wie vergessen.