"Die Lehrerin hat mich ausgelacht"

Ahmet Toprak ist Professor für Erziehungswissenschaften. Für sein Abitur ging er zurück in die Türkei

Niemand hat mir zugetraut, das Abitur zu schaffen. Meine Lehrer nicht, mein Vater nicht und ich mir selbst auch nicht. Und so dachte ich mit 16 Jahren, dass ich einen anderen Weg finden muss. Ich ging nach Ankara, zurück in das Land, in dem meine Schulkarriere in den siebziger Jahren begonnen hatte.

Damals besuchte ich eine Grundschule in Mittelanatolien. Sie lag im Dorf meiner Großeltern. 150 Einwohner, kein Strom, keine Infrastruktur und im Winter von der Welt abgeschnitten. In der Schule gab es Frontalunterricht und so wenig Kinder, dass alle Klassen in einem Raum saßen.

Nachdem ich mit der Grundschule fertig war, holten meine Eltern mich nach Köln. Bis dahin hatten sie geglaubt, dass sie bald zurückkommen würden, wie andere Gastarbeiter auch.

In Deutschland habe ich eine dieser türkischen Vorbereitungsklassen besucht, die es damals gab. Offiziell, um Deutsch zu lernen. Aber da wurden so viele türkische Kinder reingesteckt, dass klar war: Es ist eine Vorbereitung auf die Rückkehr in die Türkei.

Nach zwei Jahren bin ich auf eine Hauptschule gewechselt – am Stadtrand. Ich musste mit Bus und Bahn eine Dreiviertelstunde dorthin fahren. Es gab fast keine Schüler mit Migrationshintergrund. Die Lehrer haben uns gesagt: "Ihr seid Türkenkinder, ihr geht zurück in euer Land, und das Gymnasium ist sowieso nichts für euch." Als ich einmal erzählt habe, dass ich aufs Gymnasium gehen möchte, hat meine Lehrerin mich nur ausgelacht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Das finde ich heute noch empörend. Damals war ich nur enttäuscht. Ich war 14, 15 und aus einem Umfeld, in dem es keiner geschafft hat. Ich dachte: Die Lehrkräfte werden das schon wissen.

Meine Eltern hatten auch keine Ahnung. Meine Mutter ist Analphabetin. Fragte sie mich, ob ich Hausaufgaben aufhätte, habe ich Nein gesagt und bin Fußball spielen gegangen. Mein Vater arbeitete bei Ford und brummte beim Anblick meines Zeugnisses nur: Na ja, schlimmer kann es nicht mehr werden.

Rückblickend hatten sie alle recht. Meine Zensuren waren nicht gut. Ich bin nie sitzen geblieben, aber die einzig gute Note war eine Eins in Sport. In Englisch und Chemie stand ich auf Fünf, in Mathe auf Vier, genauso wie in Physik.

Am Ende der neunten Klasse dann der Schock. Mein Vater sagte mir, dass er mit seinen Chefs gesprochen hatte und die mir eine Lehrstelle geben würden. Als Schlosser! Allein der Begriff hat mich fertig gemacht. Das ist ein ehrenwerter Job. Aber ich bin dafür nicht geeignet. Ich bin unbegabt. Die Vorstellung, dass ich jahrelang etwas mit Maschinen machen muss, hat mich nicht schlafen lassen.

Damals wurde mir klar, dass ich in der Schule einiges falsch gemacht hatte. Und ich entschied mich, meinen beiden älteren Geschwistern zu folgen. Die gingen in Ankara auf die Schule, weil auch sie nur die Hauptschule besucht hatten. Ich dachte mir: Wenn ich es trotzdem nicht schaffe, werde ich hier Dachdecker. Das galt unter Türken als der schlimmste Job. Kein Büro, sondern den ganzen Tag auf dem Dach herumspringen.

Mein Vater war nicht begeistert, und die Verwandtschaft hat gelästert: "Die Kinder vom Toprak flüchten in die Türkei."

Dabei war es auch dort schwierig. In Deutschland hatte ich gelernt, meine Meinung zu sagen. Das ist in Ankara nicht auf Gegenliebe gestoßen. Als ich im Geschichtsunterricht dem Lehrer widersprach, gab der mir eine Ohrfeige.

Im Gegensatz zu Deutschland habe ich aber meine Hausaufgaben gemacht. Es gelang mir sogar, die Schule mit Fußball zu kombinieren – und mit Kultur. Wir Geschwister sind häufig gemeinsam ins Kino und in Konzerte gegangen. Und so wie wir zusammen weggingen, so lernten wir auch zusammen.

Diese soziale Kontrolle war gut für mich. Dazu kam der Blick in den Abgrund und dass ich wusste: Wenn dir die Eltern so eine Chance geben, musst du es schaffen. Glück hatte ich auch. An unserem Gymnasium durfte ich Literaturwissenschaft als Schwerpunkt wählen. Plötzlich hatte ich Spaß am Lernen. Das Abitur habe ich mit 2,4 bestanden.

Heute bin ich Professor für Erziehungswissenschaften, meine Schwester ist Journalistin und mein Bruder Germanistikprofessor. Darauf sind wir stolz. Am stolzesten aber ist unser Vater.

Ahmet Toprak