Willkommensklasse einer Berliner Schule © Fabrizio Bensch/Reuters

DIE ZEIT: Schon seit vielen Jahren ist von der Krise der Jungen die Rede. Jungen bleiben häufiger sitzen als Mädchen und verlassen die Schule häufiger ohne Abschluss. Viele Forscher führen das darauf zurück, dass so wenige Männer als Lehrer vor einer Klasse stehen.

Marcel Helbig: Unsere Studien zeigen, dass das keine Rolle spielt. Jungs erlangen keine höheren Kompetenzen, wenn sie von einem Lehrer statt einer Lehrerin unterrichtet werden. Es gibt auch keine Benachteiligung bei den Noten. Das heißt, Jungen werden sowohl von Männern als auch von Frauen schlechter bewertet als Mädchen. Und egal, wie viele Frauen in der Lehrer-Konferenz sitzen, es hat keinen Einfluss darauf, ob ein Schüler aufs Gymnasium kommt. Das zeigt sich alles relativ klar in verschiedenen Untersuchungen, die ich für eine Überblicksstudie ausgewertet habe. Insgesamt sind dabei Daten von 2,4 Millionen Schülern verschiedenen Alters aus mehr als 40 Ländern eingeflossen.

ZEIT: Machen männliche und weibliche Lehrer denn alles genau gleich, oder warum, glauben Sie, hat das Geschlecht keinen Einfluss?

Helbig: Ob Frauen und Männer verschieden agieren, habe ich nicht untersucht. Es gibt einige Studien dazu, die zu recht unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Aber wenn sie etwas anders machen würden, was wirklich relevant wäre, müsste sich das in den Schülerleistungen zeigen. Tut es aber nicht.

ZEIT: Man kann sich also alle Bemühungen sparen, mehr Männer an die Schulen zu bekommen?

Helbig: Wenn man damit die Leistung der Jungen erhöhen will, dann ja.

ZEIT: Wenn sich der männliche Lehrer schon nicht positiv auf die Leistungen der Jungen auswirkt, dann aber doch vielleicht auf deren Motivation und Selbstbild. Wären mehr Männer an Schulen nicht allein dafür gut?

Helbig: Ich glaube, da wird viel zu viel auf den Lehrer projiziert. Was das Rollenverständnis von Frauen und Männern angeht, lernen Jungen nicht nur von Lehrern, sondern vor allem davon, wie sie das Geschlechterverhältnis in der Gesellschaft jeden Tag erleben, ob in der eigenen Familie oder über das Bild, das in den Medien vermittelt wird.

ZEIT: Trotzdem bleibt es eine unbefriedigende Tatsache, dass Jungen schlechter abschneiden als Mädchen. Was können Schulen und Lehrer tun, um ihnen zu helfen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Helbig: Es werden ja bereits verschiedenste Dinge ausprobiert, um die Jungen stärker in den Blick zu nehmen. Zum Beispiel versucht man, mit ihnen mehr in die Natur rauszugehen oder das Lernen und die Leistung an Wettbewerbe zu koppeln. Das Problem ist, dass es dazu relativ wenig gute Evaluation gibt, deshalb lässt sich nicht sagen, was wirklich etwas bringt. Ehrlich gesagt, halte ich solche Ansätze auch für wenig vielversprechend, weil im Endeffekt durch solche Handlungen wieder die gleichen Geschlechterstereotypen aufgemacht werden.

ZEIT: Warum sind Jungs denn überhaupt leistungsschwächer als Mädchen?

Helbig: Der Hauptgrund ist, dass es einen sehr hohen Druck der männlichen Peergroup gibt, die Fleiß und Strebertum ablehnt und sozial sanktioniert, was bei Mädchen nicht der Fall ist. Mädchen sind eher leistungsbereit, machen Hausaufgaben, bereiten sich auf die Stunden vor und haben dadurch bessere Noten. Das war übrigens schon immer so, das zeigen Studien aus den vergangenen 100 Jahren. Nur setzen Mädchen ihre besseren Schulleistungen nun auch in höhere Bildungszertifikate um, deshalb treten die Probleme, die Jungs schon immer hatten, viel stärker zutage.

ZEIT: Und warum hält sich die Hoffnung so beharrlich, dass mit mehr Männern an den Schulen alles besser werden würde? Wie erklären Sie sich das?

Helbig: Das ist eben eine verdammt einfache Antwort auf ein sehr kompliziertes Problem.