Mit "Dove step" im Kunstverein Göttingen hat Britta Thie ihre erste physische Ausstellung. © Kunstverein Göttingen

Heute trägt sie ihr kurzes Kleid, das aussieht, als habe jemand Picassos Guernica, das berühmte Antikriegsbild, umgeschneidert, damit es mal wieder unter die Leute kommt und etwas sieht von der Welt. Zum Beispiel den Media Markt. Dort jedenfalls ist Britta Thie in dem Kleid unterwegs, ihre Haut ist blass, und im desinfizierend-harten Kaufhauslicht wird sie noch blasser. Fast scheint sie sich aufzulösen, denn nun, nachdem Thie die Reihen aus Toastern und Kesseln abgeschritten hat, wird sie erfasst vom Licht der endlos vielen Fernsehschirme, die endlos stumm, endlos gleich vor sich hin laufen. So unbarmherzig scharf sind ihre Bilder, dass die weiche Wirklichkeit sich notgedrungen darin auflöst, samt Britta Thie natürlich, der Künstlerin.

In einem ihrer Videos sieht man ihr bei der Selbstdiffusion zu, und plötzlich kommt es einem ganz selbstverständlich vor, dass Transzendenz oder auch Erleuchtung heute eine Sache der Medienfachgeschäfte ist. Vor allem liegt das an der Art, wie Thie aus ihren blauen, fast wimpernlosen Augen staunend auf die Welt schaut. Unter ihren seltsam-entrückten Blicken verwandeln sich die Dinge, die sie sieht – und mit ihnen die Blicke der Betrachter.

Vermutlich hätte Thie mit ihrem schmalen Gesichtszügen, die ihr oft etwas Blasiertes und zugleich Zerbrechliches verleihen, schon in früheren Jahrhunderten die Maler begeistert. In den stillen Szenen eines van Eyck, im düsteren Zauber von Velasquez hätte sie jederzeit Unterschlupf gefunden. Sie aber ist selber Künstlerin geworden und auch ihr liebstes Motiv. Mit gerade mal 28 Jahren stellt sie in Toronto, London oder Kiew aus, wird von Arte ebenso hofiert wie von der Schirn Kunsthalle in Frankfurt und darf schon mal Anke Engelke in einer Talkshow erklären, was es mit der Medienkunst eigentlich auf sich hat. Jetzt präsentiert Thie ihre erste Einzelausstellung, im Kunstverein Göttingen – was schon deshalb bemerkenswert ist, weil sie bislang den üblichen Darreichungsformen des Kunstbetriebs auszuweichen schien.

Pionierin der Freiverfügbarkeit

Eigentlich suchen sich ihre Videos, Fotos, Texte wie von selbst einen Weg zum Publikum und entziehen sich der klassischen Archivierung und Musealisierung. Anders als die meisten Künstler, die ihre Werke über Galerien vertreiben, weil alles andere als fragwürdig, ja fast schon karriereschädlich gilt, verschwendet sich Thie über das Netz. Sie hat Erfolg, gerade weil sich ihre Kunst entmaterialisiert und alles Unikathafte abstreift, weil sie die Bildträger beliebig wechselt, mal auf YouTube, Instagram oder Facebook erscheint oder auch als Teil einer Werbekampagne in Hochglanzzeitschriften. Thie ist eine Pionierin der neuen Freiverfügbarkeit.

Zwangsläufig fremdelt sie denn auch mit dem Kunstverein: Da müssen Bilder festgedübelt werden, da ist Verbindlichkeit gefragt, auch wenn Thie viele Werke möglichst beiläufig inszeniert, sie von der Decke baumeln lässt, Kabel und Stecker über den Fußboden verstreut, dazwischen eine Palme abstellt, eine Nana wie von Niki de Saint Phalle, bunte Kinderträume aus Pappmaschee.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Wie man den Regeln folgt, ohne sie einzuhalten, wie man inmitten der Zwänge sich Ungezwungenheit bewahrt, davon scheint die Ausstellung schon in ihrer Form zu erzählen. Und davon erzählen viele der Filme und Fotos.

Manchen Bildern hat Thie einen kleinen Lautsprecher auf den Rücken geklebt, und so blickt man beispielsweise in eine Schlucht aus Rolltreppen, aufgenommen in irgendeinem Einkaufszentrum, und hört dazu die Stimme der Künstlerin, die berichtet, wie sehr sie sich von diesen Orten angezogen fühlt. Wie gern sie empor- und herabgleitet, ziellos zwischen Hugendubel und Media Markt. Manchmal setzt sie sich in einen der klobigen Massagesessel, froh darüber, hier "eins zu werden mit dem Gleichsein der Geschäfte".

Nichts Anklagendes, keine eilige Kapitalismuskritik tönt aus diesen Bildern, eher eine milde Melancholie, die zugleich spielerisch aufgebrochen wird, weil sich Thie selbst ins Wort fällt, hüstelnd, über Versprecher kichernd, zwanghaft zwanglos.

Begeistert von der eigenen Wandelbarkeit

Immer mal wieder spricht Thie von der Generation, die sie porträtieren, deren Gefühlslagen sie nachspüren wolle. In den Achtzigern geboren, wuchs sie auf in einer Welt, die weitgehend analog war, und durchlebte dann in ihrer Jugend die hereinbrechende Digitalisierung, deren Freiheiten sie ebenso begehrt wie fürchtet. Sich immerzu und überall zu verschalten, ständig auf Sendung zu sein, ein Bild des eigenen Ichs zu formen, das möglichst naturgetreu sein soll und doch überraschend anders – von solchen Paradoxien lässt sich Thie leiten. Einerseits begeistert von der eigenen Wandelbarkeit, wenn sie für eine Werbestrecke gebucht ist und unter den Händen der Visagisten ein anderer Mensch zu werden scheint. Andererseits von der Sehnsucht erfasst, doch noch einmal in die Arglosigkeit der Kindheit eintauchen zu können.

Damals zog sie als kleine Britta mit Pagenschnitt durchs heimische Minden, in der Hand eine Super-8-Kamera, mit der sie Talkshows nachspielte, Sportsendungen, Schlagerparaden. Im Kunstverein tauchen diese Schnipsel wieder auf, digitalisiert. Und wenn sich Thie heute mit ihren Freundinnen kleine Abenteuer ausdenkt und verfilmt, auf der Enterprise oder bei einem Shooting in New York, dann ist es, als wäre sie noch das Mädchen von einst, mit sich selbst im Reinen. Ihre Kunst wird zum Ort, an dem man nie erwachsen wird. Selbstnostalgie nennt das die Künstlerin.

Vermutlich ginge einem das schwer auf die Nerven, wären da nicht ihr Van-Eyck-Gesicht und der Velasquez-Zauber. Thie entrückt selbst ärgsten Kindheitskitsch in die Sphäre unerwarteter Bedeutung. Sie spielt Rollen und eben doch nicht. Balanciert zwischen Aufrichtigkeit und abstruser Erfindung. Hohe Kunst ist das, in niederen Gefilden.

Bis zum 21. Februar (www.kunstvereingoettingen.de)

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