In Paul Tangs Laden drängen sich die Besucher. Sie lassen die Finger über Buchrücken gleiten, blättern durch die Bände. Doch nicht alle sind gekommen, um Bücher zu kaufen. Es gibt da auch diese Herren. Sie schleichen an den Regalen vorbei. Starren. Lauschen. Um dann wortlos wieder zu gehen. Schon am Eingang wartet so ein Kandidat, langer Mantel, spitze Schuhe, die Haare nach hinten pomadisiert. Er raucht eine Kippe nach der anderen und starrt auf den kleinen Aufgang, der zu Tangs Laden führt, gleich gegenüber vom Times Square, eine der unzähligen Shopping-Meilen von Hongkong. Der Mann beobachtet, wer die schmale Treppe hinaufsteigt, wer sich hineintraut ins Reich von Paul Tang: Die "Volkskommune", ein Buchladen mit kleinem Café. 40 Quadratmeter, mit den Devotionalien der chinesischen Kulturrevolution geschmückt, Mao-Poster, Mao-Anstecker. Vor allem aber Regale, in denen unzählige, verbotene Bücher stehen.

Was darf es sein? Eine Geschichte der Kulturrevolution? Das Buch Ich war Maos Leibarzt, in dem der Arzt erstaunliche Details über das Privatleben des großen Vorsitzenden enthüllt? Etwas über die neuesten Machtkämpfe innerhalb des Politbüros? Ein Werk des Dalai Lama? Bücher über Volksglaube und Psychologie? Oder, für den etwas praktischer Interessierten: die Bibel des Oralsex oder Frau Doktor erzieht dich (ein Lack-und-Leder-Ratgeber)?

In Hongkong ist Paul Tang der einzige Buchhändler, der noch öffentlich spricht

Ein paar Kilometer weiter, auf dem chinesischen Festland, sind diese Bücher verboten. Das erklärt die Anwesenheit der schweigsamen Herren. "Ja", sagt Paul Tang, "der Laden ist voll." Und schiebt dann einen Satz hinterher, der so schön ist, dass man ihn im Original aufschreiben muss: "But a lot of them are secret police fooling around" – hier trödelt halt auch viel Geheimpolizei herum. Tang lacht. "Ist ganz normal, Hongkong ist die Hauptstadt der Spione."

Der Laden von Paul Tang, 41, ist eine Institution. Er selbst, wieselschnell, sprudelnd, hat immer einen Scherz auf den Lippen, immer einen Ratschlag für die Kunden, die an diesem Januarabend durch seinen Laden ziehen. Während in anderen Teilen der Welt kleine Buchläden längst von Amazon und anderen Onlinehändlern verdrängt worden sind, kann Tang bis heute von seinen Büchern leben. Normale Literatur können sich die Kunden im Netz bestellen und runterladen. Bei verbotenen Büchern können sie das wegen der scharfen Netzzensur in China nicht.

90 Prozent von Tangs Kunden reisen vom chinesischen Festland an, sie fahren nach Hongkong, um Taschen von Gucci und Prada zu kaufen, die hier günstiger sind, und manchmal auch ein Buch. Zum Beispiel das junge Paar, das gerade den Laden betritt. Er groß und stattlich, sie klein und pummelig. "Guck mal", sagt sie und zieht ein Buch aus dem Regal, "etwas über Tiananmen." In dem Band geht es um die blutige Niederschlagung der Proteste von 1989 – in China ein Tabu. "Sollen wir das mitnehmen?"

Der Mann wendet sich an Paul Tang. "Wie schmuggeln wir das am besten über die Grenze? Im Koffer? Oder besser unter der Jacke versteckt?" Tang rät, die Grenze ohne Koffer zu passieren und die Bücher in eine Handtasche zu stecken, dann werde man nicht zur Kontrolle herausgezogen. "Wenn sie euch erwischen, erwischen sie euch", sagt Tang. "Aber sie nehmen euch nur die Bücher weg." Die beiden schauen erleichtert. Und kaufen drei Bände.

Paul Tang hat seine Nische gefunden. Heikel war sein Job schon immer. Jetzt ist er gefährlich geworden. In Hongkong ist Tang der einzige Buchhändler, der noch öffentlich spricht, viele seiner Kollegen halten längst den Mund. Denn die Stadt wird gerade von einer Geschichte in Atem gehalten, die auch aus einem der Politthriller stammen könnte, die bei Tang im Regal stehen. Sie begann im Oktober vergangenen Jahres, als drei Mitarbeiter und ein Inhaber des Verlags Mighty Current und des dazugehörigen Buchladens plötzlich verschwanden. Zuerst erwischte es den Verlagsmanager Lu Bo, während des Besuchs seiner Familie in China. Wenig später verschwand auch der Verlagsinhaber Gui Minhai, der gerade in seiner Ferienwohnung in Thailand residierte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Monatelang wusste keiner, wo sich der Verleger aufhielt, gerade hat er einen tränenreichen Auftritt im chinesischen Staatsfernsehen absolviert, bei dem er gestand, 2003 betrunken einen Passanten überfahren zu haben. Einiges an dem Geständnis erscheint seltsam, es gibt Zweifel, ob es freiwillig erfolgte. Im Oktober schließlich verschwanden zwei Mitarbeiter, ebenfalls auf dem chinesischen Festland. Ende Dezember erwischte es einen weiteren Verlagsinhaber, Lee Bo. Seine Frau berichtet, er habe sie von einer chinesischen Nummer angerufen und gesagt, er werde länger nicht heimkommen, er helfe bei einer Ermittlung. Komisch sei gewesen, dass ihr Mann nicht wie üblich Kantonesisch, sondern Mandarin gesprochen habe. So, als flüstere ihm jemand etwas ein. Und er konnte nicht erklären, wie er über die Grenze nach China gelangt war; seine Reisedokumente liegen nach wie vor in Hongkong.

Die Stadt ist in Aufregung. Tausende gingen auf die Straße, um zu protestieren gegen das, was sie "Kidnapping durch die chinesischen Behörden" nennen. Sie argwöhnen, das Verschwinden der fünf Männer hänge mit einem geplanten Buch des Verlages zusammen, das den Titel "Xi und seine sechs Frauen" tragen soll. Es geht darin um das Liebesleben von Xi Jinping. Bald, fürchten die Hongkonger, könnte es vorbei sein mit den Freiheiten, die sie als einstige britische Kolonie genießen: einer unabhängigen Justiz etwa, Presse- und Versammlungsfreiheit.