Von dem früheren türkischen Premierminister Mesut Yılmaz stammt der Satz: "Der Weg, der zur Mitgliedschaft unseres Landes in der Europäischen Union führt, geht über Diyarbakır." Wenn das wahr ist, steht es schlecht um einen EU-Beitritt. Derzeit findet in dieser mehrheitlich von Kurden bewohnten Stadt ein erbitterter Häuserkampf zwischen der türkischen Armee und der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) statt. Es sind Kämpfe, so heftig wie in den neunziger Jahren, allerdings mit einem dramatischen Unterschied: Damals bekriegten sich türkische Soldaten und die PKK-Guerilla in den Bergen und auf dem Land, heute inmitten der Städte der Region. In Cizre, Silopi, Nusaybin – und eben in Diyarbarkır. Hier im Bezirk Sur, zu dem auch die historische Altstadt gehört, geht es besonders gnadenlos zu. Erst vor wenigen Monaten wurde die Befestigungsanlage in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen. Jetzt herrscht dort eine Ausgangssperre, seit 50 Tagen.

Fahriye Çukur, 53, sitzt auf dem Teppich in einem Saal der Niederlassung des Menschenrechtsvereins in Diyarbakır und hält das gerahmte Bild ihrer 17-jährigen Tochter Rozerin in den Armen. Fahriye Çukur ist in den Hungerstreik getreten. Um ihr weißes Kopftuch hat sie ein schwarzes Stirnband gespannt. Sie ist zierlich, hat weiche Gesichtszüge und dunkle Augen, aus denen ständig Tränen fließen. Denn Rozerin ist tot, umgekommen bei den Schießereien in Sur. Ihre Leiche liegt seit dem 8. Januar irgendwo in dem Bezirk. Die Familie kann sie nicht bergen und beerdigen, wegen der Kämpfe. Angeblich, so die Sicherheitskräfte, befinde sich Munition an ihrem Körper. Die Terroristen hätten an der Leiche Sprengfallen angebracht. "Würde eine Terroristin eine Schuluniform anziehen?", sagt Fahriye und zeigt auf das Bild. Nirgends sei es erlaubt, so mit Toten umzugehen. "Sie haben sogar Angst vor unseren Leichen!", schreit eine andere Frau dazwischen.

Neben Fahriye sitzen drei weitere Mütter, alle haben Bilder ihrer Söhne oder Töchter dabei. Sie wollen hungern, bis sie ihre Kinder, Enkel, Neffen oder Nichten, Brüder oder Schwestern beerdigen können. Einige warten seit mehr als 20 Tagen, wie sie sagen.

Fahriye erzählt von ihrer Tochter. Dass sie Kurzgeschichten schrieb und verletzte Hunde und Katzen von der Straße sammelte und gesund pflegte. Die Mutter neben ihr gibt gerade einem kurdischen Sender ein Interview und sagt: "Wir wollen endlich Frieden. Aber wenn die keinen Frieden wollen, sind wir bereit zum Krieg!"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Seit bald 40 Jahren bekämpfen sich der türkische Staat und die PKK. Zehntausende starben. Lange Zeit sah es nach einem endlosen, hoffnungslosen Krieg aus, bis ein Mann namens Tayyip Erdoğan 2003 Premierminister wurde. Als erster Regierungschef überhaupt brachte er den Mut auf, mit der als Terrororganisation eingestuften PKK über ein Ende des Konflikts zu verhandeln. Militärisch, so die Einsicht beider Seiten, ist er nicht zu lösen. In jenen Jahren sagte Erdoğan Sätze wie: "Eine starke Türkei muss keine Angst vor einem föderalen System haben." Die Kurden freute das, sie streben nach mehr Autonomie in der strikt zentralistischen Türkei.

In diesen dunklen Tagen, da in den Städten im Südosten der Türkei Polizisten, Soldaten, PKK-Rebellen und viele Zivilisten sterben, erinnern regierungskritische Medien an solche Sätze. "So sehr, wie wir den PKK-Terror kritisieren, müssen wir auch den Staatsterror kritisieren", soll Erdoğan bereits vor 25 Jahren gesagt haben. Deshalb waren viele überzeugt: Wenn einer das Land befrieden kann, dann dieser etwas raubeinige, aber politisch talentierte Mann. Heute ist von dieser Hoffnung nicht mehr viel übrig. Jetzt sagt Erdoğan: "Es gibt gar keine Kurdenfrage." Der Ton ist hart und gnadenlos.

2015 war wohl das Jahr der Wende, es war ein blutiges und schmerzvolles Jahr. Mehrere Anschläge, IS-Terror, zwei Wahlen und ein Staatspräsident Tayyip Erdoğan, der immer repressiver auftrat. Inzwischen erklärt er jeden politischen Gegner zum Feind. Die türkische Gesellschaft ist tief gespalten. Diese bedrohliche Kluft ist auch in Diyarbakır zu spüren. Auf der einen Seite steht die um ihre Tochter trauernde Fahriye Çukur, auf der anderen Ömer Çokur.