DIE ZEIT: Herr Kayser, Sie nennen die B 96 ein "wildes Stück Deutschland". Was kann an einer Straße denn bitte wild sein?

Marc Kayser: Diese Straße ist wild! Man kommt in kürzester Zeit an alten Kohleflözen, vergammelten Sowjetpanzern, nagelneuen Wohnhäusern, geheimnisvollen Bunkern und wunderschönen Landschaften vorbei. Die B 96 ist so abwechslungsreich wie kaum eine andere Straße in Deutschland.

ZEIT: Sie sind diese Straße abgefahren, von Süden nach Norden. Wie lang ist sie eigentlich?

Kayser: Mehr als 500 Kilometer. Zu DDR-Zeiten hieß sie F 96 und war die wichtigste Fernverkehrsstraße des Landes. Wer von Süden nach Norden fuhr, hat die F 96 genommen. Sie war die Verbindung mit Sehnsuchtsorten: für die einen der Weg ins etwas freiheitlichere Berlin. Für die anderen der Weg ans Meer, damals mit ziemlich vielen Staus. Vom Gebirge bis zum Meer, von schmal bis breit, von wildem Bewuchs bis zur Stadtstraße, es ist wirklich alles dabei. Das ist es auch, was ich meine, wenn ich sage, sie ist eine Art ostdeutsche Route 66: eine Straße, an der man schon mal all das sehen kann, was das Land im Ganzen ausmacht.

ZEIT: Mit der Route 66 teilt die B 96 sogar das Schicksal, gar nicht mehr in voller Länge zu existieren.

Kayser: Stimmt. Weil die örtlichen Straßenverwaltungen sehr willkürlich vorgehen, fehlt heute in Brandenburg ein kurzes Stück und in Vorpommern ein längeres. Und weil parallel Autobahnen entstanden sind, hat die Straße vor allem im Norden an Bedeutung verloren: An die Ostsee kommen Sie heute schneller, wenn Sie die Autobahn nehmen. Aber tausendmal schöner ist die B 96.

ZEIT: Sie haben über Ihre Reise ein Buch geschrieben. Darin beschreiben Sie Ihre Besuche auf Messen für DDR-Produkte ebenso wie auf der Arndt-Bause-Schlagergala in Berlin-Marzahn ... Ganz schön viel Folklore!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 4 vom 21.1.2016.

Kayser: Ich glaube, das ist kein Zufall. Das Gefühl von "damals" ist vielen Menschen entlang der Straße enorm wichtig, viele Anwohner sprachen mit mir darüber, ohne dass ich das initiiert hätte. Viele ältere Menschen haben mich als Erstes gefragt: Bist du Ossi oder Wessi? Ihre DDR-Erinnerungen sind für diese Leute wie eine Art Kompass. Ist ja nicht schlimm, ich sage von mir auch: Ich komme aus der DDR. Ich habe versucht, mit Humor, aber auch Respekt zu schildern, was ich erlebt und gesehen habe, ob ich nun auf der DDR-Messe war, bei Inka-Bause-Fans oder in der Werkstatt von Motorradschraubern.

ZEIT: Was verbinden die Menschen entlang der Straße mit der B 96?

Kayser: Viele Anwohner beziehen von ihr viel von ihrer Identität. Bei ihnen heißt die Straße immer "die 96", das ist ein feststehender Begriff, immer mit Artikel, wie "die Kirche" oder "die Freundin". Ein Mann in Stralsund hat mich ermahnt, die Straße gut zu behandeln, denn: "Sie hat es verdient. Es ist die Straße meines Lebens." So denken viele, die ich getroffen habe.

ZEIT: Was haben Sie denn noch für spannende Leute getroffen auf Ihrer Fahrt?

Kayser: Ach, da denke ich gleich an das Ehepaar in der Oberlausitz, das in seinem Laden an der B 96 einerseits Lebensmittel anbietet, andererseits aber auch Waffen, weil man sonst nicht mehr über die Runden käme. Da wird dann quasi die Schreckschusspistole verkauft, aber ebenso der Ketchup. Ich denke auch an einen alten Mann auf Rügen, der Streuselkuchen für Touristen bäckt, obwohl er eigentlich ein hoch dekorierter Mathematiker ist und den ganzen Tag über Zahlentheorie nachdenkt. Ich glaube, so etwas gibt es nirgendwo sonst in Deutschland.