Christian Jankowski ist einer der großen Spieler in der Gegenwartskunst. In seinen meist filmisch festgehaltenen Performances bringt er die Verhältnisse zum Tanzen – auch die Verhältnisse im Kunstbetrieb. Ganz zu Beginn seiner Karriere, 1992, ging er mit Pfeil und Bogen in einem Supermarkt auf die "Jagd" nach Lebensmitteln, 2001 ließ er einen evangelikalen Fernsehprediger aus Texas vor seiner Gemeinde das heilige Kunstwerk erklären, 2008 schickte er zwei Shopping-TV-Moderatoren auf die Art Cologne zum Kunstverkaufen. Jetzt zeigt die Berliner Galerie Contemporary Fine Arts (bis zum 5. März) eine umfassende Retrospektive seines Werks – neben Fotografien, einer Karaoke-Bar und anderen Installationen auch eine insgesamt gut zehn Stunden lange Auswahl seiner Filme.

DIE ZEIT: Ich möchte mit Ihnen über Geld reden. Wie kann man von Videokunst leben?

Christian Jankowski: Gut. Ich verdiene mein Geld nicht nur mit dem Verkauf meiner Kunst, ich habe auch eine Professur an der Akademie in Stuttgart und bekomme ab und zu einen Preis. Als zu Beginn meines Studiums mein Vater starb, wusste ich, dass ich nun für mich selbst sorgen musste, es gab kein großes Vermögen in der Familie. Und obwohl uns die Professoren warnten, dass kaum ein Künstler von seinem Tun leben könne, war mir stets klar, dass ich nur mit Kunst meinen Lebensunterhalt verdienen wollte. Am Anfang war es oft knapp. Heute bin ich glücklicherweise weit davon entfernt, Existenzängste wegen Geld haben zu müssen.

ZEIT: In Ihrer Retrospektive sieht man auch eine Installation, die aus Anlass der Wiedereröffnung der Hamburger Deichtorhalle entstanden ist. Sie ist riesig, mit Leinwänden, Bauzäunen und einer Aussichtsplattform aus Holz. Wie viele Privatsammler gibt es in Deutschland, die für den Kauf eines solchen Werks infrage kommen? Zehn?

Jankowski: Wahrscheinlich sogar weniger. Fünf. Oder nur einen. Und der hat es schon.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

ZEIT: Wie legen Sie die Preise für Ihre Kunst fest?

Jankowski: Das macht man zusammen mit seinen Galeristen. Es ist grundsätzlich nicht gut, im Laufe der Karriere günstiger zu werden, aber man darf auch nicht zu teuer sein. Ich rufe keine Wahnsinnspreise ab. Meine Kunst ist auf dem Kunstmarkt auch kein Spekulationsobjekt. Die Filme gibt es meist in einer Auflage von fünf Stück. Die erste Auflage ist dabei immer günstiger als die späteren. Wer als Erster kauft, wird dafür belohnt, dass er die Entstehung dieses Kunstwerks unterstützt. Dass er darin vor anderen eine Qualität entdeckt hat, sich dazu zu bekennen traut. Wenn ein Werk schon viermal von Museen gekauft wurde, dann ist die Qualität des Kunstwerks bereits anerkannt und das letzte Exemplar teurer.

ZEIT: Sind die Preise für zeitgenössische Kunst heute eher zu hoch?

Jankowski: Das Problem ist, dass gegenwärtig jene Galeristen, die junge Künstler aufbauen, von den ganz hohen Preisen nichts mehr haben. Es gibt ein Topsegment mit ganz wenigen globalen Megagalerien, die den engagierten Galeristen die Künstler wegschnappen, sobald diese berühmt werden.

ZEIT: Ihr erster Berliner Galerist Martin Klosterfelde musste seine Galerie vor zwei Jahren schließen, Ihre neuen Galeristen von Contemporary Fine Arts klagten in einem Interview, dass das System Kunstmarkt "so was von abgefuckt" sei.

Jankowski: Kunst ist zur Lifestylebeilage und zum Anlagemodell geworden. Manche Sammler interessieren sich nur noch dafür, ob sie vom Künstler mit dem Hubschrauber zum Atelierbesuch abgeholt werden. Andere packen die Kunst nie aus, sondern spekulieren auf einen möglichst hohen Wiederverkaufswert in kurzer Zeit. Meine Sammler sind die Triebtäter. Wie etwa Julia Stoschek oder Harald Falckenberg verbinden sie mit dem Kauf von Kunst auch den Auftrag, sie der Öffentlichkeit zu zeigen.

ZEIT: Sie haben gerade den perfekten Sammler beschrieben, was macht den perfekten Galeristen aus?

Jankowski: Er ist ein guter Coach in allen Kunst- und Lebenssituationen. Man muss mit ihm gut feiern können. Und ein guter Galerist bezahlt seine Künstler, wenn er etwas von ihnen verkauft hat.

ZEIT: Ist das nicht selbstverständlich?

Jankowski: Bei einigen Galeristen leider nicht. Deswegen musste ich mich auch schon von Galerien verabschieden. Da dauerte es Jahre, bis ich an mein Geld kam. Selbstverständlich kostet die Produktion von neuen Werken, der Galeriebetrieb mit Messebesuchen und Partys viel Geld. Aber wenn diese Ausgaben immer von meinen fünfzig Prozent des Erlöses gezahlt werden, ist das irgendwann nicht mehr lustig. Gerade solche Galeristen, die eine wagemutigere Kunst vertreten, kommen schnell in eine Schieflage, wenn sie zwar in der Oberliga mitspielen und an den großen internationalen Messen teilnehmen dürfen, ihre Verkäufe die Kosten für dieses Spiel aber nicht tragen. Das kann schnell eskalieren. Da versuchen diese Galeristen dann immer mehr Erfolg zu simulieren, schmeißen teure Festessen, damit die Sammler endlich im großen Stil kaufen. Und die Sammler kommen gerne zum Essen, kaufen aber trotzdem zu selten.

ZEIT: Kuratiert wurde Ihre jetzige Ausstellung von der Schauspielerin Nina Hoss. Warum?

Jankowski: Eine Retrospektive allein kuratieren zu müssen wäre für mich nur die halbe Kunst gewesen. Nina Hoss bringt ihren eigenen Blick, ihre eigenen Maßstäbe und ihr Publikum rein. Alles zusammen eine Menge neuer, unvorhersehbarer Energie. Am Anfang stand nur die Idee, eine Schauspielerin als Motiv auf das Plakat für die Ausstellung zu nehmen. Eine Filmagentin schlug Nina Hoss vor, die würde die Aufgabe aber wirklich ernst nehmen. Prima! Und so war es dann auch, Nina Hoss arbeitete sich sofort in die neue Rolle ein, sie hat sich alle meine Arbeiten hochkonzentriert angeschaut und eine Auswahl getroffen.

ZEIT: Nun schlüpfen Sie selbst in die Rolle des Kurators, Sie dürfen die wandernde Manifesta-Biennale kuratieren, die diesen Juni in Zürich eröffnet. Wie funktioniert der Rollentausch für Sie?

Jankowski: Es macht sehr viel Spaß – und manchmal auch gar keinen. Schlimm ist es, wenn alle Töpfe gleichzeitig überkochen. Schön ist es, ganz unterschiedliche Akteure aufeinandertreffen zu lassen. Der Titel der Schau lautet What People Do for Money: Some Joint Ventures , dafür habe ich drei Dutzend Künstler eingeladen, mit anderen Berufsgruppen zusammenzuarbeiten. Mike Bouchet arbeitet mit einem Herrn der Zürcher Kläranlage. Alle Bewohner Zürichs können an einem bestimmten Tag Teil des Kunstwerks von ihm werden, indem sie aufs Klo gehen. Bouchet hat mit Betonbeimischungen und Duftstoffen experimentiert und wird den in der Anlage ankommenden Kot zu einer Minimal-Skulptur verarbeiten. Die Skulptur wird tonnenschwer sein.

ZEIT: Nur Künstler und Finanzmanager können aus Scheiße Geld machen, sagte einmal der Kritiker Georg Seeßlen.

Jankowski: Da würde ich widersprechen. Auch die Mitarbeiter des Zürcher Klärwerks wissen, wie man aus Scheiße Geld macht. Die sammeln jetzt schon alles, was bei ihnen ankommt, weil sie sich sicher sind, dass man daraus in ein paar Jahren Unmengen von Energie gewinnen kann. Auch, aber nicht nur für die Kunst.