Zu den festen Ritualen der alten Bundesrepublik gehörte es, ständig vor einem Rechtsruck zu warnen, der indes nie eintrat. Die Unheilpropheten fügten dann immer hinzu: Der Firnis der Zivilisation sei dünn, wenn der Wohlstand zurückgehe und die Zeiten härter würden, werde man schnell sehen, wie äußerlich die Bekenntnisse der Deutschen zu Demokratie und Toleranz in Wahrheit seien. Aber es war noch jedes Mal ein Fehlalarm.

Und was haben wir heute? Dem Land ging es noch nie so gut – und es war noch nie so zerrissen. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig, wie sie es seit 1992 nicht mehr war. Der Finanzminister kann sich vor Überschüssen kaum retten. Die Renten erreichen Rekordhöhen, und selbst die Binnennachfrage, deren Schwächeln bisher immer als Beweis angeführt wurde, dass vom Wohlstand, der vom Exportweltmeister oben erwirtschaftet werde, unten nichts ankomme, selbst diese Binnennachfrage brummt nicht nur zur Weihnachtszeit dank kräftig gestiegener Löhne. Dies müssten eigentlich die klassischen Rahmenbedingungen für ein mit sich selbst zufriedenes Land sein, das den Wahlkampfslogan der CDU aus den achtziger Jahren wieder hervorkramen könnte: "Weiter so, Deutschland!"

Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Gesellschaft ist zerrissen, die Milieus sind polarisiert. Dies besonnene Land der Mitte ist dabei, ein gespaltenes zu werden.

Was ist passiert?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Es sind keine Klassengegensätze, die da zum Ausbruch kommen. Es sind auch keine im eigentlichen Sinne politischen oder ökonomischen Streitfragen, die zu einer derartigen Verbiesterung der Gemüter geführt haben. Die Zeiten, als man sich über die Kopfpauschale, über Steuersenkungen oder das richtige Renteneintrittsalter stritt, gehören einer vergangenen Epoche an. Selbst der Besserverdiener hat als Feindbild ausgedient. Was heute das Blut regelmäßig zur Wallung bringt, sind samt und sonders Fragen der Weltanschauung, der diskursiven Symbolpolitik, des ideologischen Lifestyles. Straßennamen, Geschlechtskategorien an Klokabinen und – hier kommt es dann regelmäßig zum Rütlischwur – die Haltung zum Islam: Gender, Race, Diversity, die Frage nach den richtigen Lebensformen und der richtigen Art, darüber zu reden – aus diesen Kraftfeldern speist sich die Verfeindungsenergie, die im Moment alles vergiftet. Was wir erleben, ist ein Kulturkampf, der viel mit Worten zu tun hat.

Das herzhafte Bekenntnis zur eigenen Brutalität

Auf der einen Seite stehen jene, die die überkommenen Geschlechterrollen als heteronormativ infrage stellen, eurozentrische Sichtweisen kritisieren, ethnisch-kulturelle Diversität predigen und mit Blick auf Tierrechte den Speziesismus geißeln. Der Kulturjournalist Thomas Edlinger hat in seinem gerade erschienenen Buch Der wunde Punkt (edition suhrkamp) diese Haltung mit ihrem unerbittlichen Deutungsanspruch "Hyperkritik" genannt, weil vor ihr gewissermaßen keine überkommene Lebensform mehr sicher ist. Auf der anderen Seite stehen – meistens ziemlich sprachlos, das mag auch ein Teil des Konflikts sein – jene, die sich von den neuen Redeformen gegängelt fühlen, die darin ein großes Umerziehungsprogramm wittern und mittlerweile mit wachsendem Selbstbewusstsein jeden Moraldiskurs zurückweisen, weil die Moral für sie nur ein Machtmittel ihres politischen Gegners ist, seine Ziele durchzusetzen. Ihr größter Erfolg, auch dies bezeichnenderweise ein diskursiver, war die Brandmarkung des Wortes "Gutmensch". Wer in einer Debatte auch nur von ferne einen auf universelle Moral ausgerichteten Gesichtspunkt zu bedenken gibt, wird als "Gutmensch" entlarvt – und das rechte Lager hält sich vor Lachen die Bäuche, als wäre die einzige nicht heuchlerische Auskunft über einen selbst das herzhafte Bekenntnis zur eigenen Brutalität.

Zum Sprachrohr dieses Milieus hat sich der polnische Außenminister gemacht, als er in fast schon karikaturhafter Weise erklärte, dass die Welt sich nicht automatisch in eine Richtung bewege – nämlich hin "zu einem neuen Mix von Kulturen und Rassen", zu einer "Welt aus Radfahrern und Vegetariern".

Die kulturalistische Linke, wie wir sie der Einfachheit halber nennen wollen, ist vor allem auf dem Feld der Identitätspolitik zugange. Jede ethnische, kulturelle oder sexuelle Differenz soll unter staatlichen Schutz gestellt werden – als Kompensation für die Vergehen einer heteronormativen, eurozentrischen Vergangenheit. Es ist deshalb auch kein Zufall, dass die neue Rechte auf demselben Feld, nur unter entgegengesetzten Vorzeichen, unterwegs ist und in den vergangenen Jahren am ehesten in der identitären Bewegung zu greifen war. Sie ist das Pendant zur kulturalistischen Linken. Wo die Linke die fremde Identität, das Andere, die Abweichung vergötzt, berauscht sich die Rechte an der Norm des Eigenen.